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Douglas Fairbanks (M.), Stummfilmheld und Hollywoodlegende

"Douglas Fairbanks", Arte

Die langweilige Legende

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Dieses oberflächliche Portrait über Douglas Fairbanks wird weder dem frühen Hollywood-Helden noch dem frühen Hollywood wirklich gerecht.

Die Frühzeit von Hollywood hält eine unüberschaubare Zahl faszinierender Schicksale, Anekdoten und Absurditäten bereit. Es gibt zwei Wege, über diese Zeit zu reden. Da sind einerseits Filmhistoriker wie Karina Longworth, die mit ihrem preisgekrönten Podcast „You Must Remember This“ seit einigen Jahren für Furore sorgt, indem sie mit viel Recherche, historischem Kontext und Einfühlungsvermögen die Menschen hinter den Skandalnachrichten und hinter den Saubermann-Images hervorbringt. Oder man kann einfach die leere Legende nacherzählen, wie es diese Doku tut.

„In Hollywood zeigt man immer nur Mythen, niemals die Wahrheit“, ist der Schlußsatz dieses Films, und er wird gesprochen, als wäre das etwas Wundervolles. Clara und Julia Kuperberg, die seit zwei Jahrzehnten fleißig Dokus über historische Hollywood-Stars, vergessene Meisterregisseure und filmische Trends drehen, leisten sich hier eine ärgerliche Themenverfehlung. Sie wollen ein Portrait von einem von Hollywoods ersten großen Superstars, dem bärigen Akrobaten Douglas Fairbanks, dazu nutzen, die Anfänge dieser kuriosen Industrie nachzuerzählen. Also schweifen sie immer wieder ab zu Ausflügen darüber, warum Frauen traditionell für den Filmschnitt angeheuert wurden; warum das Essen ans Set gebracht wurde; wie die ersten Spezialeffekten gemacht wurden und wie die ersten Arbeitsverträge aussahen. Das ist an sich nicht uninteressant. Es hat nur leider überhaupt nichts mit Douglas Fairbanks zu tun.

Dessen Geschichten verheddern sie ordentlich. Sie beginnen als Rückblende aus dem Jahr 1939, von der Verleihung seines Ehren-Oscars, ins Jahr 1915, als er nach Hollywood kam. Aber nach fünf Minuten Erzählzeit überlegt es sich die Doku nochmal anders und springt noch weiter zurück, zu seine Anfängen am Theater – schließlich kommt Fairbanks erst mit stolzen 32 Jahren zum Film. Dann einige Zeit später hat die Erzählung erneut die Ankunft in Hollywood erreicht. Und einige sporadische Film-Anekdoten später wird wird aufgelöst, daß die Oscar-Verleihung 1939 rein fiktiv war – Fairbanks erhielt nie einen Ehre-Oscar. Verwirrt?

Daß diese Doku Fairbanks Beitrag zur ersten Oscarverleihung und zur Gründung von United Artists über die Maßen großredet (erstere war eher die Idee von MGM-Boß Louis B. Mayer als von Fairbanks, der als erster Akademiepräsident eher eine Gallionsfigur war; bei zweiterem war er hinter Charlie Chaplin, Mary Pickford und D.W. Griffith höchstens die viertprominenteste Figur im Gründerteam) – geschenkt. Daß diese Doku absurden Metaphernbrei ausspuckt wie „Die Studios schossen wie Pilze aus dem Nichts“ – auch geschenkt. Daß diese Doku kuriose Spotlights auf einzelne, wenig bedeutsame Filme wie das obskure Sammlerstück „The Mystery of the Leaping Fish“ legt, ohne diese Auswahl wirklich zu rechtfertigen – auch geschenkt.

Aber unverzeihlich bleibt der Tonfall. Die Dokumentation wird aus der Ich-Perspektive erzählt und wirkt damit automatisch wie diese ungelenken Hollywood-„Autobiographien“ aus der Feder eines halb-informierten Ghostwriters: Flache, infantile Sätze über den oberflächlichen Weg zum niemals zweifelhaften Erfolg. Die besten Studios, die besten Filme – alles super und toll. Niemals ein Warum, niemals ein Blick in die Persönlichkeit hinter der Leinwand. Der Mensch Douglas Fairbanks, der in anderen Medien so klar zutage tritt, kommt hier niemals vor: seine Wut auf seinen bigamistischen, jüdischen Vater, der ihn, seinen Bruder und seine Mutter hat sitzen lassen; sein strenger Katholizismus, der ihn fast zum Missionarsberuf nach Afrika geführt hätte. Selbst seine echten Formulierungen waren tausendmal aussagekräftiger als dieser Voice-Over-Gefasel. „1915 gab's hier gar nichts“, brummt der Doku-Fairbanks, oder: „Dieser Studioboß war eine echte Granate.“ Der echte Fairbanks war zu viel mehr rauher Poetik über das frühe Hollywood fähig: „Rumtreiber, junge Athleten, Preisboxer, Professoren, hier werden alle zusamengewürfelt, wie durch einen Vulkanausbruch.“

Der echte Fairbanks starb mit nur 54 Jahren an einem Herzanfall - der viel zu frühe, tragische Tod eines Modellathleten und Männlichkeitsidols, dem viel geglückt, aber auch viel mißlungen war. Die Doku nutzt eine kurze, unerklärte Todesmeldung, um nochmal ihr Statement abzugeben: „In Hollywood zeigt man immer nur Mythen, niemals die Wahrheit.“ Und anscheinend auch niemals Gefühle, keinen Kontext und keine echten Menschen. 

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