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Hilft es, wenn alle genauer hinsehen?

TV-Kritik: Vertrauen verspielt

Langsamer werden!

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Eine lückenhafte Reportage über den Vertrauensverlust diverser Medien erinnert an Selbstverständlichkeiten.

Gibt es sie denn, „die Medien“? Gibt es sie denn, „die Flüchtlingskrise“? Schon bei den Begriffen wird es schwierig, und die ARD-Reportage unter dem Titel „Vertrauen verspielt?“ stellt sich dieser Frage lieber erst gar nicht. Das führt zu Unschärfen, aber immerhin gelingt es dem Autorenduo Sinje Stadtlich und Bastian Berbner im Laufe der Dreiviertelstunde meistens, eine informative Zusammenfassung zu schildern: von der Entwicklung der Bürokratie-Krise (eine solche war es nämlich eher) angesichts der raschen Zuwanderung bis zur Entstehung solcher Phrasen wie „Lügenpresse“. Und vielleicht war es auch der beschränkten Sendezeit geschuldet, dass „die Medien“ zu oft alle in einen Topf geworfen wurden. Denn in der Diskussion standen in den vergangenen zwei, drei Jahren ja vor allem die seriösen Blätter und TV-Sender, nicht die „Yellow Press“ mit ihren häufig erfundenen Geschichten über die halbseidene Welt zwischen Geburts- und Geldadel.

Doch auch Nachrichten-Produzenten von Spiegel bis ARD/ZDF haben sich mitunter der tendenziösen Berichterstattung schuldig gemacht – weniger allerdings, was die Geflüchteten aus Nahost betraf. Ausführlich schildern Stadtfeld und Berbner den Fall des Langzeitarbeitslosen Arno Dübel, dessen schier zahllose Auftritte in Funk und Fernsehen die Diskriminierung von Arbeitslosen quasi nebenbei transportierte. Und den Sturz des ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff hätte ein System von „Rudeljournalismus, bei dem einer vom anderen abschrieb“ befördert, so Stern-Vize Hans-Ulrich Jörges. Das geschah auch bei der Falschmeldung von angeblichen Übergriffen durch Flüchtlinge im Kieler Sophienhof.

Gerade vor diesem Hintergrund entbehrt die Haltung von Ulrik Hagerup, Nachrichtenchef beim dänischen Fernsehen, nicht einer gewissen Pikanterie: Er plädiert für „Ausgewogenheit“ und dafür, die Rechtspopulisten in seinem Land „wie andere“ zu behandeln. Aber in Dänemark gab es einen starken Rechtsruck, und die bundesdeutschen Rechtsaußen wie Frauke Petry haben die Medienpräsenz ja zu einem Teil ihrer Strategie erklärt. Beides lassen Stadtfeldt und Berbner sträflich außen vor. 

Was gegen Fehler und Falschmeldungen hilft, bringt Carsten Reimann von der Universität München schnörkellos auf den Punkt: „Man muss langsamer werden.“ Gut gesagt, aber die Zeit für die Prüfung von Informationen wie die aus dem Kieler Polizeibericht wird immer knapper, angesichts der immer geringer werdenden Zahl von professionellen Journalisten in den Redaktionen.  Das hätten die Autoren mindestens erwähnen dürfen. Ebenso einen der problematischsten Fälle der ARD-Berichterstattung: Da übernahm die Tagesschau den staatstragenden Bildausschnitt, der die Gruppe von Staatschefs bei der Demonstration nach den Attentaten von Paris zeigte – anstatt das ganze Bild zu senden, das zeigte, wie weit getrennt die Politiker von der Masse der anderen Demonstranten marschierten.

Stattdessen gibt es etwas Selbstbeweihräucherung durch die ARD-Vorsitzende Karola Wille, die  „dagegenhalten“ will und zu bedenken gibt, dass die Gesellschaft „mit am Medientisch“ sitze. Und im weiteren Verlauf der Sendung wird es dann auch etwas unterkomplex. Die Selbstverständlichkeiten häufen sich bei den Antworten auf die Frage, wie Vertrauen zurückzugewinnen sei. Da empfiehlt die nun wirklich aufrichtige Dunya Hayali vom ZDF: „Sorgen und Ängste müssen geäußert werden dürfen“, räumt aber auch ein, dass  das Zuhören, das Mitnehmen der Zuschauer und mehr Transparenz nur Mosaiksteine sein könnten. Ulf Poschardt von Springers recht konservativ orientierter Welt plädiert dafür, mehr zu „differenzieren“, und die Journalisten sollten „bewusst nach Meinungen außerhalb der eigenen Lebenswelt suchen“. Das ist etwas verklausuliert die uralte erste Regel des Lokaljournalismus, die der Däne Hagerup nun als ultimative Weisheit verkünden darf: „rausgehen, rausfinden“.

Diesem Motto folgen nun in den sozialen Medien einige mit Erfolg, „Vice“ etwa, dessen Chef Shane Smith  sagt, seine Reporter „tauchen richtig ein in die Geschichte“, was auch Hubertus Koch will, der sein Publikum „mitfühlen lassen“ will, wenn er sich nach Syrien begibt, und nach einem Treffen mit Kindersoldaten seine Tränen vor dem Laptop abfilmen lässt. Authentisch? Subjektiv zumindest, und damit nicht Distanz zum Prinzip erhebend, sondern Transparenz. Darin sehen Medienmacher wie Spiegel-Chef Klaus Brinkbäumer und seine Kollegen ohnehin ein Heilmittel: Fehler eingestehen, Fehler korrigieren – auch die der anderen, wie die Autoren am Beispiel von Michael Würz demonstrieren: Der Redakteur des Zollern-Alb-Kurier hat ein Jahr lang Gerüchten nachgespürt und sie widerlegt. Unter welchen Bedingungen er dieser Detailarbeit nachgehen konnte, wird leider nicht erwähnt. Aber er hat für sein Blatt das Vertrauen der Leser zurückgewinnen können. Lokaljournalismus im besten Sinne eben.

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