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Barbara Hahlweg mit der "Dritten Generation Ost" vor der Gedenkstätte Berliner Mauer.

ZDF, "Vereint ? und doch nicht eins?"

Wo die Landschaft blühen sollte

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Die ZDF-Reportage zeigt, warum Ost- und Westdeutschland immer noch nicht gleichauf sind.

In Berlin steht sie noch in Teilen. Bewusst stehen gelassen für die Nachwelt, gibt sie eine Ahnung davon, wie die Mauer den Alltag der Menschen durchschnitt. Sie entzweite Ost- und Westberlin, trennte im Großen DDR und BRD. Hüben und drüben  entstanden zwei verschiedene Welten – bis 1989.

Bis 1989? Bettina Wobsts ZDF-Reportage lässt daran zweifeln. Sie nimmt ihren Ausgangspunkt an eben jenen Mauerrelikten, die eigentlich an Vergangenes erinnern sollen. Am 3. Oktober ist Deutschland 29 Jahre geeint. Aber noch immer empfinden sich die Menschen, die Wobst zu Wort kommen lässt, in einer von Westdeutschland verschiedenen Welt. „Vereint – und doch nicht eins?“ hat die Filmemacherin seine Spurensuche in jenen „neuen Bundesländern“ denn auch genannt, von denen Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) nach dem Mauerfall sprach, um ihnen eine Zukunft als „blühende Landschaften“ zu versprechen. 

Am Anfang – im Film wie in der Historie – also die große Verheißung. Doch die Stationen von ZDF-Moderatorin Barbara Hahlweg – „Ich gehe in den Osten, als Westdeutsche“ – zeigen, dass Kohls Vision keinesfalls flächendeckend wahr wurde. Hahlweg trifft vor der beeindruckenden Kulisse des ehemaligen Kalibergwerks im thüringischen Bischofferode zwei ehemalige Kumpel. Mit der Arbeit der Treuhand wurde das Werk privatisiert, der Abbau kurz darauf eingestellt. Für den Erhalt des Betriebs trat Willibald Nebel damals mit seinen Kollegen in den Hungerstreik. „Heute könnten unsere Kinder, unsere Enkelkinder hier arbeiten“, sagt er. Stattdessen gehe es seiner Heimat heute „ganz erbärmlich“. Die meisten seien mangels neuer Arbeitsplätze weggezogen.

Gerhard Jüttemann wohnt immer noch dort. Für ihn ist die Geschichte seines früheren Arbeitsplatzes ein Lehrstück in Sachen Demokratie: „In der Praxis haben wir gesehen, wie Demokratie aussieht. Zunichte gemacht wurden wir, man hat uns nicht einmal eine Chance gegeben.“

Bei Hahlwegs Besuch in Dresden-Polis zeigt sich ein ähnlich düsteres Bild: Dort gab es bis 2006 noch günstige Wohnungen der Stadt. Sie verkaufte aber, um schuldenfrei zu werden. Stattdessen leiden nun die Bewohner unter den neuen Eignern aus dem Westen, die stetig die Mieten erhöhen. Dabei wohnen hier ohnehin schon Rentner und Hartz-IV-Empfänger.

Einer sagt: „Zu DDR-Zeiten gab’s das nicht. Da hatte jeder seine Wohnung gehabt, jeder hatte seine Arbeit gehabt, und jedes Kind hat einen Kindergartenplatz gehabt.“ Eine andere sagt: „Denen geht’s einfach besser“, und meint damit die Westdeutschen.

Wobst stützt seine nüchterne Bilanz aber nicht nur auf Begegnungen der Moderatorin mit Wende-Enttäuschten. Sie bestätigen nur die Zahlen, die der Zuschauer präsentiert bekommt: Mit 2690 zu 3330 Euro ist der Bruttolohn im Osten immer noch viel geringer als im Westen. Jeder dritte Ostdeutsche verdient weniger als 2000 Euro brutto. Von Deutschlands 100 größten Firmen ist keine im Osten, von den Spitzenpositionen sind nur 1,7 Prozent in ostdeutscher Hand.
„Die blühenden Landschaften sind zum Teil eingetreten, aber nur für bestimmte Gruppen“, sagt Eliten-Forscher Raj Kollmorgen. Dagegen kann Judith Enders von der „Dritten Generation Ost“ nichts einwenden. Sie kommt am Filmende mit dem Anliegen ihrer Initiative, die besondere Lebenserfahrung der Ostdeutschen stärker anzuerkennen. Das beginne beim Zuhören, sagt sie vor der Berliner Mauer. Ihr Relikt ist für Wobst damit nicht nur Mahnmal eines noch immer bestehenden „Drüben“, sondern auch Einfallstor für einen Ausweg aus der Ost-West-Schere.

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