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„Land of Dreams“ von Shirin Neshat im Kino: Amerikanische Träume

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Von: Daniel Kothenschulte

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„Land of Dreams“: Was davon ist Traum, was Wirklichkeit? Foto: W-Film / Ghasem Ebrahimian / Bon Voyage Films / Palodeon Pictures
„Land of Dreams“: Was davon ist Traum, was Wirklichkeit? Foto: W-Film / Ghasem Ebrahimian / Bon Voyage Films / Palodeon Pictures © W-Film/Ghasem Ebrahimian/Bon Voyage Films/Palodeon Pictures

In ihrem surrealen Filmkunstwerk „Land of Dreams“ führen Shirin Neshat und Shoja Azari in dystopische USA.

Das Kino ist der Ersatz für die Träume“, wusste schon Hugo von Hofmannsthal. Das ist einerseits viel, aber dennoch wenig. Denn mit einem bloßen Ersatz-Traum werden sich ehrgeizige Filmkünstlerinnen und -künstler nicht zufriedengeben. Shirin Neshat, die große iranisch-amerikanische Regisseurin und Medienkünstlerin, hat ihre Filmidee zu „Land of Dreams“ einem Autor in die Hand gegeben, den man wohl für eine erste Wahl unter den Traumwebern halten kann: Jean-Claude Carrière war seit „Belle de Jour“ der bevorzugte Drehbuchautor von Luis Buñuel. Zu seinen rund 150 Drehbüchern zählen makellose Literaturadaptionen wie „Die Blechtrommel“, „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ oder „Cyrano de Bergerac“. Dieses letzte vor seinem Tod 2021 verfilmte Drehbuch aber scheint an die Kollaborationen mit dem Surrealisten anzuknüpfen. Gerade weil sich Traum und politische Realität darin immer wieder auf Augenhöhe treffen.

In dystopischen Vereinigten Staaten von Amerika, äußerlich von den gegenwärtigen kaum zu unterscheiden, hat sich die „Zensus“-Behörde etabliert. Simin, iranischer Herkunft, ist dort als „Traumfängerin“ beschäftigt. Mit Fragebogen und Diktiergerät klingelt sie an Türen, um Träume zu sammeln. Nicht jeder gibt sie freimütig zu Protokoll, aber die Ausbeute reicht sogar für ein privates Kunstprojekt: Besonders interessante Traumerzählungen spielt sie, sorgsam zurechtgemacht im Outfit der Träumenden, auf Farsi nach und veröffentlicht sie als Videoblog.

Wenig Gedanken scheint sich die von Sheila Vand gespielte junge Frau über die Motive ihrer Arbeitgeber zu machen. Auch einen Spezialauftrag nimmt sie ohne zu zögern an. Dieser führt sie in eine von Exil-Iranern bewohnte, sogenannte Wüstenkolonie. Tatsächlich stehen speziell Migranten und Migrantinnen im Fokus eines Staates, der längst seine Außengrenzen dichtgemacht hat.

Auch Neshat, die diesen Film wie all ihre Kinoarbeiten mit ihrem Lebenspartner, dem Künstler Shoja Azari, inszenierte, geht dem Geheimnis nie ganz auf den Grund. Tatsächlich nehmen sich ja auch im wirklichen Leben Menschen das Recht heraus, erst einmal auszufragen, wen sie schon dem Aussehen nach für „fremdländisch“ halten. Zu dieser vermeintlichen Normalität des alltäglichen Rassismus passt ein Setting, das auf jede äußerliche Zuspitzung verzichtet.

Neshat wurde bekannt mit streng choreografierten Kunstvideos, die man für Traumvisionen halten konnte. Hier hingegen vermeidet sie klassische Traumsequenzen. Das wahrhaft surrealistische Kino überlässt es dem Auge des Betrachtenden, Traum und filmische Wirklichkeit zu trennen – etwa wenn sich einmal zu einer Erzählung ein Zimmer mit einem Heer von wie zum mexikanischen Tag der Toten kostümierten Menschen füllt. Oder wenn eine von Isabella Rossellini gespielte Patriarchin über einen Bildschirm zu den Gästen spricht.

Die eigentliche Surrealität kommt ohnehin ohne Ausrufezeichen aus – dank der klaren Landschaftsfotografie eines Mittleren Westens, in dem sich wie selbstverständlich eine Buñuel’sche Wüste auftut. Und einem lakonisch-süffisanten Gesprächston zwischen Außenseiter-Protagonisten: Matt Dillon spielt einen etwas aufdringlichen Bodyguard, den die Behörde Simin zugewiesen hat; William Moseley einen ebenso wenig abzuschüttelnden Verehrer. Mindestens so unerschütterlich wie diese beiden modernen Cowboys ist die Protagonistin in der Darstellung von Sheila Vand, die 2014 durch Ana Lily Amirpours Vampirfilm „A Girl Walks Home At Night“ bekannt geworden ist. Auch als nicht mehr zu übersehen sein sollte, dass weniger die Träumenden als sie selbst im Fokus ihrer Auftraggeber steht, bringt sie das nicht aus der Ruhe. Vielmehr dreht sie das Machtverhältnis um. Anstatt die migrantischen Kulturen auszuforschen, nutzt sie die Spuren, die sie findet, für ihre Selbstverortung.

Was für eine finster-poetische Idee ist diese Diktatur der Traumsammler. So gewaltlos die Behörde auch vorgeht, wenn sie ihre Außendienstmitarbeiterin an Wohnungstüren klopfen lässt, so radikal ist die Grenzüberschreitung. Vermutlich sind die Träume bald das Einzige, was digital organisierte Tyranneien wie etwa die Volksrepublik China nicht von ihren Untertanen kennen. Man muss nicht an das US-Pendant der russischen Oligarchen denken, an die milliardenschweren Informations-Monopolisten Bezos und Musk, um diese surreale Komödie bei aller Leichtigkeit bitter ernst zu nehmen.

Auch für den allgegenwärtigen Ahnen dieses erstaunlichen Films, Luis Buñuel, war das Träumen eine ernste Sache. Ich erinnere mich an eine Begegnung mit einem seiner Söhne, der sich beklagte, wie still er als Kind während der täglichen Siesta hatte sein müssen. Sein Vater führte ein strenges Regiment und duldete keine Störung, wenn er drei Stunden arbeitete – indem er schlief.

Land of Dreams. USA/D 2021. Regie: Shirin Neshat und Shoja Azari. 115 Minuten.

Simin, die unerschütterliche Sheila Vand, zwischen William Moseley (l.) und Matt Dillon. Foto: W-Film / Ghasem Ebrahimian / Bon Voyage Films / Palodeon Pictures
Simin, die unerschütterliche Sheila Vand, zwischen William Moseley (l.) und Matt Dillon. Foto: W-Film / Ghasem Ebrahimian / Bon Voyage Films / Palodeon Pictures © W-Film/Ghasem Ebrahimian/Bon Voyage Films/Palodeon Pictures

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