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Berlinale

Im Land der Bären

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Filmkunst und Party in der Hauptstadt: Die 65. Berlinale verspricht eine Feier des Kinos in allen Facetten. Im Wettbewerb stehen wie gewohnt bekannte Namen und ein paar, die man sich hoffentlich wird merken wollen.

Fünfzig Schattierungen von Grau und die ganze Palette von Technicolor: Heute beginnt die Berlinale, und sie will ganz in die Vollen greifen. Zum 65. Mal umarmt das partylustige Berlin die Filmwelt in aller couleur. Die Retrospektive zur Geschichte des berühmtesten Farbverfahrens wirft dabei den Anker weit zurück in die Filmgeschichte. 1951, im Geburtsjahr der „Berliner Filmfestspiele“, hatten diese bunten Farben ausgerechnet Walt Disney gleich zwei Goldbären eingetragen, einen für das Zeichentrick-Prunkstück „Cinderella“, und einen für den Vorfilm, „Im Tal der Biber“. Da war noch – zur Feier der jungen Demokratie – das Publikum die Jury.

Fast mag man bedauern, dass Disney zwei Jahre später einen ganz ähnlichen Naturfilm nicht mehr einreichte, der Titel hätte den Preis förmlich erzwungen: „Im Lande der Bären“. Geschichtsbewusst jedenfalls hat sich der Weltkonzern jetzt dazu entschieden, auch seine Neuverfilmung des beliebten Märchens für alle Welt an der Spree zu enthüllen. Lily James aus der Fernsehserie „Downtown Abbey“ spielt unter der Regie von Kenneth Branagh das spätberufene Glückskind, das in einem zweiten neuen Disney-Märchenfilm, dem Musical „Into the Woods“, übrigens mit dem schönen Satz zu hören ist: „Ab und zu putze ich ja schon ganz gern.“

Ganze zwei Tage ist am Abschlusswochenende, am 14. und 15. Februar, dazu im Kraftwerk Berlin Disneys „Cinderella“-Ausstellung zu sehen. Glanzstück ist natürlich ein Paar Schuhe, besetzt mit funkelnden Kristallen.

Aber ist nicht „Fifty Shades of Grey“ eigentlich auch nur eine weitere Neuerzählung der Geschichte vom Aschenputtel und dem reichen Prinzen? So unvermeidlich der Kinostart des Erotik-Bestsellers am kommenden Donnerstag ohnehin gewesen wäre – das größte deutsche Filmfestival und – nach Besucherzahlen – auch gewaltigste der Welt wäre schlecht beraten, sich nicht einzureihen in eine der bemerkenswertesten Vermarktungsstrategien in der Geschichte des geschriebenen, im Fall des Download-Phänomens nicht einmal mehr gedruckten Wortes.

Und schon sind wir in die von Festivaldirektor Dieter Kosslick schlau ausgelegte Falle getappt, haben vor lauter Hollywood noch kein einziges Wort verloren über den künstlerischen Kern des Festivals, wenn er es denn überhaupt noch ist, in Gestalt der nicht ganz so leicht verdaulichen Filmkunst.

Im Wettbewerb stehen dafür wie gewohnt bekannte Namen und ein paar, die man sich hoffentlich wird merken wollen. Auch da blüht allerdings am Anfang erstmal das populäre Genre.

Einer Regisseurin, der Spanierin Isabel Coixet, gebührt heute Abend die Ehre des Eröffnungsfilms: Es geht in „Nobody Wants the Night“ um die verbürgte Geschichte einer mutigen Frau zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Die Polarforscherin und Autorin Josephine Peary (gespielt von Juliette Binoche) macht sich 1908 auf, ihren Mann zu suchen, der gerade seinerseits den Nordpol sucht. Da zittert nicht nur die Kompassnadel. Auch wenn die künstlerischen Erwartungen nicht allzu hoch rangieren – ein filmisches Denkmal hat die erst 1955 hoch betagt verstorbene Abenteurerin jedenfalls schon lange verdient.

Fast wie das sonnige Pendant dazu erscheint Werner Herzogs Wüstendrama „Queen of the Desert“: Hier geht es um die Orientforscherin und britische Spionin Gertrude Bell, die in der Zeit um den Ersten Weltkrieg den Nahen Osten bereiste und dabei entscheidenden Anteil an der politischen Neuordnung nahm. Seit längerem kursiert ein konkurrierendes Filmprojekt über Gertrude Bell und den Bau der Berlin-Bagdad-Bahn. Herzog allerdings hatte die Nase vorn – und ihn interessieren weniger deutsche Ingenieursleistungen und britische Saboteure als die ganze Interessensvielfalt dieser großen Frauenfigur. Mit Nicole Kidman konnte er die Rolle ideal besetzen.

Was kann einem Festival lieber sein, als die Rückkehr eines großen deutschen Autorenfilmers auf die große Leinwand? Zumal wenn man diesen großen Wurf noch mit einem kleinen Film aus Teheran flankieren kann, der eigentlich nicht sein darf? Der Iraner Jafar Panahi hat seit Jahren Arbeitsverbot, ihm droht eine Gefängnisstrafe. Mit „Taxi“ meldet er sich zum Schrecken konservativer Kräfte im Iran zurück – und lässt die Fahrgäste sagen, was sie von ihrer gegenwärtigen politischen Lebenssituation halten.

Auch aus Gefangenschaft können freie filmische Formen erwachsen. Und natürlich erst recht aus den Spielwiesen der Freiheit – vorausgesetzt die Erwartungen von Förderern oder Produzenten stehen dem Anspruch nicht entgegen. Für das deutsche Kino mag Sebastian Schipper genug Unbefangenheit besitzen, um die Freiheit eines urbanen Genre-Films neu zu entdecken: Fast zweieinhalb Stunden lang verspricht sein romantischer Gangsterfilm „Victoria“ genau das: Aus einem Flirt in einer Berliner Disco entspinnt sich ein Thriller.

Und was ist aus dem klassischen Detektivfilm geworden? Hier versucht der Brite Bill Condon eine Antwort mit der Rückbesinnung auf den Klassiker schlechthin: „Mr. Holmes“, gespielt vom großen Ian McKellen. So fügt sich im Wettbewerb ein Puzzle-Teil zum anderen, bis am Ende hoffentlich die ganze Vielfalt des Kinos ihr Abbild findet.

Schon am kommenden Sonntag wird dabei der mit großer Spannung erwartete, neue Film des amerikanischen Einzelgängers Terrence Malick seine Weltpremiere feiern: „Knight of Cups“ erzählt von Hollywood, Christian Bale spielt einen Filmemacher im ewigen Dilemma, dem Spagat zwischen Kunst und Unterhaltung. Auch ein großes Festival wie die Berlinale kann ein Liedchen davon singen. Und wohl auch von jenem unstillbaren Drang nach künstlerischem Ausdruck, für den der Abwesende Jafar Panahi eindringliche Worte nach Berlin entsandte: „Ich bin Filmemacher. Ich kann nichts anderes als Filme machen. Mit Kino drücke ich mich aus, es ist mein Leben. Nichts kann mich am Filmemachen hindern. ... Ich muss unter allen Umständen weiter Filme machen, um der Kunst Respekt zu erweisen und mich lebendig zu fühlen.“

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