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Robin Wright als Edee in einer Szene des Films „Abseits des Lebens“.
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Robin Wright als Edee in einer Szene des Films „Abseits des Lebens“.

Kino

„Land - Abseits des Lebens“ im Kino: Die Frau in den Bergen

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Robin Wright spielt in ihrem Regiedebüt „Abseits des Lebens“ eine Weltflüchtige vor Bergkulisse.

Die einsame Waldhütte hat einen besonderen Platz in der amerikanischen Kulturgeschichte. Für die Alternativkultur der sechziger Jahre war die „cabin in the woods“ wohl ebenso wichtig wie New Yorks Künstlerviertel Greenwich Village.

Wenn die Schauspielerin Robin Wright ihr Regiedebüt weitgehend in einer spartanischen Hütte in den Rocky Mountains ansiedelt, schwingt dieser Mythos unausgesprochen mit. Und die von ihr selbst gespielte Aussteigerin muss auch gar nicht den Autor Henry David Thoreau erwähnen, der um 1850 sein Buch „Walden oder das Leben in den Wäldern“ an einem solchen Ort verfasste. Einige Sätze dieses Kultbuchs vieler 68er scheinen direkt in ihren Dialog eingeflossen: „Ich wollte tief leben“, heißt es bei Thoreau, „alles Mark des Lebens aussaugen, so hart und spartanisch leben, dass alles, was nicht Leben war, in die Flucht geschlagen wurde.“

Mit Trauma in den Wald

Zunächst aber ergreift Wrights Filmfigur Edee selbst die Flucht. Ihrer einfühlsamen Therapeutin erklärt sie zu Beginn, wie schwer es für sie sei, unter Menschen zu sein: „Die wollen ja immer nur, dass es mir besser geht.“ Deren Antwort, in der Einsamkeit sei sie auch allein mit ihrem Schmerz, nimmt sie nur als Bestätigung. Erst spät im Film wird der traumatische Schicksalsschlag enthüllt, der sie erst fast in den Suizid und dann in die Wälder Wyomings treibt. Wer allerdings Hollywood-Melodramen kennt, liegt mit seiner Ahnung vermutlich richtig; regelmäßig erzählen amerikanische Filme von Menschen, die schwerste Verlusterfahrungen überwinden müssen.

So ganz das Gegenteil von einem Freitod ist das Leben, das eine unerfahrene Städterin ohne Strom und fließendes Wasser allein in den Bergen erwartet, freilich nicht. Schon am Holzhacken scheitert Edee, und sie kann von Glück sagen, dass der Besuch eines Bären lediglich ihre Behausung verwüstet. Unwillkürlich kommt einem ein anderes Filmdrama in den Sinn.

Robin Wrights früherer Ehemann Sean Penn drehte 2007 seinen Film „Into the Wild“ über die Gefahren der Einsamkeit in der Wildnis nach der Lebensgeschichte des Studenten Christopher McCandless. Diesen hatte ein anderer US-Autor des Transzendentalismus des 19. Jahrhunderts zur Flucht aus der Zivilisation angeregt, Ralph Waldo Emerson.

Doch während sich Penn zweieinhalb Stunden Zeit ließ, um in schwelgerischen Naturaufnahmen das Erhabene mit dem Tragischen zu mischen, braucht Wright nur 84 Minuten. Und schon nach etwa einer halben Stunde kommt sie an den Punkt, wo ihrer Heldin nur noch ein Zufall das Leben retten kann.

Ein Jäger namens Miguel (Demián Bichir) findet sie halb erfroren und verhungert. Als die Gerettete wieder zu sich kommt, vermittelt sie ihm freundlich, aber bestimmt, dass ihr an menschlichen Kontakten nicht gelegen sei. Man einigt sich auf eine lebenserhaltende Maßnahme – einen Grundkurs in ein paar essentiellen Fertigkeiten, wie etwa das Jagen oder Holzhacken. Abermals kommen einem vertraute Filmbilder in den Sinn: In wie vielen Western gibt es diese Szenen, in denen Frauen oder Kindern von wohlmeinenden Trappern das Schießen beigebracht wird?

Doch eine Romanze wird nicht daraus, immerhin dieser Genrekonvention verweigert sich Wright konsequent. Schließlich war es eine schwere Depression, die ihre Filmfigur in die Wildnis getrieben hat.

Gleichwohl scheint die Filmemacherin bei ihrem ersten Kinofilm genau dieses Motiv aus dem Blick zu verlieren. Inmitten der eindrucksvollen Naturaufnahmen spielt sie ihre ungeschminkte Heldin mit der neugewonnenen Überlebensfähigkeit. Wirkliche Arbeit am Trauma, eine Auseinandersetzung mit Verlust und Trauer, findet hingegen kaum statt. Zugleich haben aber auch die Naturaufnahmen nicht die nötige Qualität, über die bloße Illustration der Geschichte hinaus zu führen. Gedreht in nur 29 Tagen in Kanada, kam kaum genug Material zusammen, um wenigstens die unterschiedlichen Jahreszeiten zu vermitteln. Wieviel eindrucksvoller arbeitet hier der derzeit so erfolgreiche Konkurrenzfilm „Nomadland“.

In vorhersehbare Richtung

Naturdramen sind immer auch experimentelle Filme, ihre Kameraleute müssen offen sein für das Unvorhergesehene; „Into the Wild“ hatte am Ende fast zu viel atemberaubende Bilder für einen einzigen Film. Die einfache Geschichte von „Land“, wie Wrights Film im Original heißt, strebt dagegen in eine vorhersehbare Richtung: Auch der bescheidene Retter hat ein Trauma abzuarbeiten, in welchem sich das der Protagonistin spiegelt. Die daraus gewonnene Erzählung ist so dünn, dass sie in eine Folge der alten Fernsehserie „Der Mann in den Bergen“ gepasst hätte.

Wie gern würde man mehr sehen in diesem sympathischen Independentfilm, der beim letzten Sundance-Filmfestival im landschaftlich ähnlich reizvollen Utah Premiere hatte. Doch obwohl er für das wenige, das er erzählen möchte, fast überlang ist, macht er aus seinen Möglichkeiten viel zu wenig. Weniger ist eben leider doch nicht mehr – wenn man sich selbst in einer einsamen Waldhütte nicht trennen kann vom Hollywood-Ballast.

Abseits des Lebens. USA 2021. Regie: Robin Wright. 84 Min.

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