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Laila Stieler und Andreas Dresen: „Die Welt ist von Menschen gemacht, wir können sie verändern“

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Von: Cornelia Geißler

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Höhere Gerechtigkeit: Laila Stieler nimmt bei der Berlinale den Silbernen Bären für das beste Drehbuch in Empfang.
Höhere Gerechtigkeit: Laila Stieler nimmt bei der Berlinale den Silbernen Bären für das beste Drehbuch in Empfang. © AFP

Die frohe Botschaft, das Schweigen des Bundespräsidenten, die Liebe zu der Schauspielerin Meltem Kaptan: Autorin Laila Stieler und Regisseur Andreas Dresen über ihren Film „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“, der am Donnerstag in den Kinos anläuft

Andreas Dresen, Laila Stieler, was haben Sie gedacht, als Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier fünf Wochen nach Beginn des Krieges gegen die Ukraine sagte, in der deutschen Russland-Politik sei nun zu überdenken, „wo es unsererseits Fehler gegeben hat“?

Andreas Dresen: Das ist ein Anfang, von dem aus man fortfahren könnte. Da gibt es noch ein paar andere Baustellen.

Im Jahre 2002 hätte Steinmeier als Kanzleramtschef und Geheimdienstkoordinator der rot-grünen Bundesregierung Murat Kurnaz freibekommen können. Er lehnte ab. Erwarten Sie jetzt, da Ihr Film in die Kinos kommt, eine Reaktion von ihm?

Laila Stieler: Es wäre längst an der Zeit gewesen für eine Reaktion. Ich erwarte nichts, aber hoffen dürfen wir ja. Für die Familie wäre es eine Erlösung.

Dresen: Die Boulevardmedien hatten Murat schnell als „Bremer Taliban“ abgestempelt. Auch als seine Unschuld längst erwiesen war, hat er noch über drei Jahre in Guantanamo gesessen. Eine Form von moralischer Wiedergutmachung wäre mehr als angebracht.

Als Steinmeier erstmals als Bundespräsident kandidierte und Journalisten kritisch nachfragten, hieß es: „Die Geschehnisse um Herr Kurnaz liegen viele Jahre zurück“. Inzwischen sind sie noch länger her. Warum ist Ihr Film Ihrer Meinung nach aktuell?

Dresen: Weil es nicht nur um das damalige Versagen der deutschen Politik geht, sondern um etwas viel Allgemeineres. Es ist zwar eine Geschichte, die auf historischen Tatsachen beruht, aber auch eine Allegorie auf die Kraft der Schwachen. Man ist ja manchmal versucht, vor den politischen Verhältnissen zu resignieren. Wir erzählen hier aber von einer türkischen Frau aus Bremen-Hemelingen, die aufsteht gegen die großen Mächte dieser Welt. Und sie gewinnt. Das ist doch eine frohe Botschaft. Die Welt ist von Menschen gemacht, wir können sie verändern.

„Die Kraft der Schwachen“ ist der Titel eines Erzählungsbandes von Anna Seghers über Menschen, die zu Helden wurden. Wenn ich Ihre gemeinsame Arbeit betrachte, ausgehend von „Stilles Land“ mit den Leuten, die einen Neuanfang suchten, über „Die Polizistin“ und die von anderen verlachten verliebten Alten in „Wolke 9“ bis zu „Gundermann“, der Musik machte und im Tagebau blieb: Ist die „Kraft der Schwachen“ vielleicht das verbindende Element all Ihrer Filme?

Stieler: Bei Anna Seghers sind es ja auch keine Helden, sondern Menschen wie du und ich, die über sich hinauswachsen. Das ist so toll an diesen Erzählungen. Verbindend bei uns ist eher die Menschlichkeit, es geht um die Lebenssäfte, die man verströmen kann. Ob es nun Kraft ist oder Lust wie in „Wolke 9“.

Dresen: Und es sind häufig Figuren, die Brüche in sich tragen, oder mit gesellschaftlichen Verhältnissen kämpfen – wie Gundermann mit dem Wechsel der Systeme und der Schuld, die er auf sich geladen hat. Oder die Polizistin, die sich mit den Normen ihres Berufes auseinandersetzt und dabei mit ihrer Menschlichkeit kollidiert. Rabiye Kurnaz lebt mit ihrer Familie ein geordnetes Leben, bis die Weltpolitik in ihren privaten Haushalt eindringt.

Rabiye Kurnaz handelt zunächst aus der Mutterrolle heraus, weil sie ihr Kind beschützen will. Murat ist erwachsen, aber erst 19.

Dresen: Sie muss sich positionieren und wird dabei in den Strudel der Ereignisse hineingezogen. Auf dieser Reise lernt sie auch und hat mit dem Anwalt Bernhard Docke jemanden an der Seite, der sie in die schwierigen Prozesse Stück für Stück einführt, bis sie ein Selbstbewusstsein entwickelt. Aus einer anfangs naiven Draufsicht wird eine Form von Beteiligung und Engagement.

Sie, Andreas Dresen, sind ehrenamtlich Richter am Verfassungsgericht Brandenburg. Hat die Arbeit an diesem Film Ihr Gerechtigkeitsempfinden beeinflusst?

Dresen: Ich bin seit fast zehn Jahren Verfassungsrichter, hatte aber schon davor angefangen, mich mit dem Fall Kurnaz zu beschäftigen – 2008, als ich sein Buch las. Es hat mich zutiefst erschüttert. In Guantanamo sitzen heute noch 39 Menschen, ohne dass sie ein faires Gerichtsverfahren bekommen haben. Dieser Film ist auch ein Versuch, das Thema wieder in die Öffentlichkeit zu tragen. Es gibt Folter und Unrecht auch unter dem Deckmantel der Demokratie, nicht nur in Diktaturen. Das dürfen wir einfach nicht zulassen.

Warum haben Sie so lange gebraucht, bis es ein Film wurde?

Dresen: Ich wollte zuerst über Murat in Guantanamo erzählen. Das erwies sich zunehmend als schwierig, weil es mir zu brutal und hoffnungslos erschien. Das wäre eine Ansammlung schlimmster Folterszenen gewesen. Ich fragte mich, wer das sehen will.

Es gab einen Film nach dem Buch von Murat Kurnaz, „5 Jahre Leben“, 2013 kam er raus. War das ein Schock für Sie?

Zur Person:

Laila Stieler, 1965 in Neustadt an der Orla, Thüringen, geboren, studierte Dramaturgie an der Filmhochschule Babelsberg und arbeitet als Autorin, Dramaturgin und Producerin für Film- und Fernsehproduktionen. Gleich ihren ersten Film machte sie 1992 zusammen mit Andreas Dresen: „Stilles Land“. Für seine Filme schrieb sie u.a. die Drehbücher zu „Willenbrock“, „Wolke 9“ und „Gundermann“. Sie arbeitete auch mit Doris Dörrie („Die Friseuse“), Maria Schrader („Liebesleben“) und Richard Huber („Tina-Mobil“) zusammen.

Andreas Dresen, 1963 in Gera geboren, drehte ab 1979 erste Amateurfilme. Er arbeitete als Regieassistent bei Günter Reisch und studierte Regie in Babelsberg. 1992 debütierte er mit „Stilles Land“. Die meisten seiner Filme wurden bei Publikum und Jurys erfolgreich, etwa „Halbe Treppe“, „Sommer vorm Balkon“, „Halt auf freier Strecke“, „Als wir träumten“ und „Gundermann“.

Murat Kurnaz aus Bremen war fünf Jahre ohne Gerichtsurteil in dem für Folter berüchtigten Gefängnis Guantanamo inhaftiert. Daran erinnert der Film „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“. Hauptdarstellerin Meltem Kaptan und Stieler haben bei der Berlinale Silberne Bären gewonnen.

Dresen: Nein, zu dem Zeitpunkt war dieser Ansatz für mich bereits so gut wie gestorben. Mir war jedoch inzwischen Rabiye begegnet, seine Mutter, die mich sofort beeindruckt hatte. Meltem Kaptan, die sie in unserem Film spielt, hat so schön über sie gesagt, sie sei ein Stehaufweibchen. Das stimmt. Was für eine Frau, sie hat so einen tollen Humor und solch einen starken Willen. Ich war schockverliebt!

Stieler: Wir alle haben uns in sie verliebt. Und ich fand den Ansatz, die Geschichte über die Mutter zu erzählen, genial. Andreas hatte mir von seinem Vorhaben vor einer ganzen Weile erzählt und es ging mir nicht aus dem Kopf: Ich habe irgendwann einfach nachgefragt, wie es darum steht, mich als Autorin angeboten, falls die Geschichte noch zu haben ist. So kam ich dazu.

Dresen: Das war auf einem unserer langen Spaziergänge, als wir mit dem „Gundermann“-Film nicht weiterkamen. Später habe ich mich sehr geärgert, dass ich Laila nicht eher gefragt habe.

Nicht nur die Stoffentwicklung zog sich hin, auch der eigentliche Vorgang erstreckte sich über Jahre. Wie haben Sie es angestellt, ihn zu einem spannenden, unterhaltsamen Film zu raffen?

Stieler: Das war tatsächlich das Schwierigste beim Schreiben dieser Geschichte: Über den langen Zeitraum den Spannungsbogen zu erhalten. Wir wollten ja, dass die Zuschauer Anteil nehmen, die weite Strecke mit uns, mit unseren Figuren gehen. Deshalb musste ich viel weglassen, zum Beispiel die juristischen Schritte nach dem Urteil am Supreme Court, die vielen Gesetze, die George Bush erlassen hat, um seine Politik doch noch durchzudrücken. Beim Schreiben versuche ich meist, mich in eine Figur hineinzuversetzen und deren Perspektive einzunehmen. Das war zunächst Rabiye, später kam Bernhard Docke dazu. Daraus ist die Dramaturgie erwachsen, die keine klassische Drei-Akt-Struktur hat, sondern in Kreisen erzählt ist – hier also in Kreisen von Hoffnung und Enttäuschung. Da ist jemand, der will etwas Bestimmtes erreichen und macht sich immer neu auf den Weg, um dann immer wieder enttäuscht zu werden.

Dieser Wechsel von Hoffnung und Enttäuschung für Rabiye Kurnaz ist spürbar. Dennoch gibt es mit der Chronologie der Daten zusätzlich eine geradlinige Struktur. Warum?

Stieler: Ich sah mich irgendwann außerstande, zu beschreiben, was in Rabiye vorgeht. Wie sollten wir erzählen, wie diese Mutter das alles erträgt: Das Warten und die Ungewissheit, was mit ihrem Sohn passiert, der sich in so einer Hölle befindet? Hinzu kommt, dass es lange Phasen gab, in denen alle Bemühungen im Sande verliefen, und ich mich fragte, wie ich ihre zunehmende Verzweiflung darstellen soll. Da dachte ich, wenn wir diese Leerräume als Lücken zeigen, also bewusst fragmentieren, müssen wir nicht versuchen, die Emotionen vorzuführen, sondern können sie in den Zuschauerraum verlegen.

Dresen: Das Erzählen von Zeit gehört zu den wesentlichen Problemen beim Film. Wenn man einen Schnitt setzt, erzeugt das ja den Eindruck, das Folgende passiert unmittelbar danach. Das mussten wir aufheben. Deshalb zerreißen wir nun den Film in Segmente, um klarzumachen: Hier ist viel Zeit vergangen. Und wenn man nicht nur schreibt „März 2002“ oder „Oktober 2003“, sondern die schiere Anzahl der Tage nennt, bewirkt es etwas.

Vor der Berlinale hieß es, der neue Dresen-Film laufe im Wettbewerb. Er wurde sehr gut aufgenommen, die Hauptdarstellerin wurde bejubelt und ausgezeichnet. Und dann bekam nicht der Regisseur einen Silbernen Bären, sondern die Drehbuchautorin. Wie war das für Sie?

Dresen: Ich habe mich riesig gefreut. Seit Jahren kämpfe ich gegen die Formulierung „ein Film von“. Ich schreibe das sogar in meine Verträge. Film ist die Arbeit einer Gruppe von Menschen und ich finde es komisch, wenn sich dann einer nach vorn schiebt. Ich bin der Regisseur, damit ist doch alles gesagt. Bei uns steht auf den Plakaten und im Abspann immer zuerst die Drehbuchautorin oder der Drehbuchautor. Denn sie oder er hat sich die Geschichte nun mal ausgedacht. Insofern finde ich diese Auszeichnung super. Zumal ich Laila im Saal erst ein paar Minuten vor der Verleihung erzählt hatte, dass es einen Drehbuchpreis überhaupt gibt. Und dann musste sie aufstehen und sich den abholen. Das ist doch höhere Gerechtigkeit!

Wie Laila Stieler jetzt lacht, können die Leserinnen und Leser leider nicht sehen und hören. Aber wie ist das: Sie arbeiten schon sehr lange miteinander, kennen die Ansichten des jeweils anderen. Besteht da nicht die Gefahr bei der Team-Produktion Film andere auszuschließen?

Stieler: Andi sorgt immer dafür, dass wir einen breiten Kreis von Leuten einbeziehen. Er dringt darauf, dass wir Meinungen hören, damit man auch die Perspektive wechseln kann.

Dresen: Wenn man so tief drinsteckt in einer Geschichte, wird man durchaus betriebsblind und vergisst manchmal, sich einfache Fragen zu stellen. Und was uns betrifft, ist die Zusammenarbeit immer schöner geworden. Es gibt keine Befindlichkeiten oder Eitelkeiten, es geht schlicht um die Sache – vielleicht ist das auch ein Vorteil, wenn man älter wird. Darüber hinaus sind wir ja auch befreundet.

Stieler: Wir haben schon Sofas miteinander geschleppt bei einem meiner vielen Umzüge.

Dresen: Und Liebeskummer geteilt.

Letzte Frage: Wie ist es, jetzt mit einem politischen Film in eine Öffentlichkeit zu kommen, die sehr fokussiert ist auf ein ganz anderes, akutes politisches Thema – den Krieg gegen die Ukraine?

Stieler: So anders ist das gar nicht. Ungerechtigkeit bleibt ein Thema, die Rolle der Medien ebenfalls: Wie kann man alle Seiten sehen?

Dresen: Das Thema Krieg gehört auch zu unserem Film. Nach 9/11 tobte der Krieg in Afghanistan, es folgte der Irak. Und die Politiker waren später gezwungen, die anfangs verkündeten einfachen Wahrheiten zu relativieren. In Zeiten des Kanonendonners schweigt manchmal die Differenziertheit. Die Geschichte von Murat lehrt, dass es keine einfachen Antworten gibt. Der „Bremer Taliban“ war eben nur ein billiges Klischee. Dahinter verbirgt sich ein Mensch, dem fünf Jahre lang schreckliches Unrecht widerfahren ist. Wir müssen immer aufmerksam und wachsam bleiben, mit Gewalt löst man keine Probleme. Die schärfste Waffe ist immer noch die Diplomatie.

Interview: Cornelia Geißler

„Ich war schockverliebt“: Andreas Dresen (l.) mit Meltem Kaptan
„Ich war schockverliebt“: Andreas Dresen (l.) mit Meltem Kaptan © AFP

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