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„Das ist kein Geschichtsaufarbeitungsfilm. Wir sind hier in der Gegenwart“, sagt Regisseur Brüggemann. Filmszene aus „Heil“ mit Benno Fürmann (Mitte).

Neu im Kino: "Heil"

Lachen über den Nazi an sich

„Ein Fest des Phrasendreschens“: Regisseur Dietrich Brüggemann spricht im Interview mit der FR über Deutsches, Nazis, delikate und weniger delikate Humorfragen sowie seine neue Filmsatire „Heil“.

Von Anke Westphal

Herr Brüggemann, Ihr neuer Film „Heil“ parodiert die rechte Szene. Was ist so lustig an Neonazis?
Eigentlich nichts. Lustig ist immer, wenn Leute ihrer eigenen Idiotie folgen, und der Zuschauer denkt: Um Gottes willen, das könnte ja ich sein! Lustig ist also das Zusammenfallen von Identifikation und Entsetzen. Das ist der Kern von Komödie. Es gibt unglaublich viele Drehbuchlehrbücher, und mein liebstes heißt „The Comic Toolbox“. Darin wird Komik als „Truth and Pain“ definiert, also Wahrheit und Schmerz. Das sind andere Worte für Identifikation und Entsetzen.

Dann lacht man in Ihrem Film also über den Nazi in sich?
Vielleicht auch das, wenn man einen in sich hat.

Wie kamen Sie überhaupt auf die Idee zu „Heil“?
Ich lese Zeitung. Natürlich war der NSU-Komplex ein Auslöser, als der 2011 aufflog. Parallel dazu kam damals der Film „Kriegerin“ von David Wnendt in die Kinos. Die Absurdität dessen, was da passiert war, hat mich ungemein beschäftigt: Dass die rechte Szene unter dem sehenden Auge des Staates agierte. Man hört zudem immer wieder, dass die Polizei oft überhaupt keine Lust hat, sich mit Neonazis zu befassen und diese Leute deswegen einfach gewähren lässt. Tatsächlich gibt es, wie in meinem Film, Bürgermeister, die ihre Gemeinden einfach nicht in den entsprechenden Schlagzeilen sehen wollen. Andererseits handelt allenfalls ein Drittel des Films von Neonazis.

Stimmt, in „Heil“ geht es gleich rundum gegen die deutsche Gesellschaft…
… gegen Neonazis, den Verfassungsschutz, den Kulturbetrieb, den Mann auf der Straße, die Medien...

Bei Ihnen fordert der Redakteur eines Fernsehsenders von seinem Reporter: „Zeigen Sie mir den Menschen im Neonazi!“
Was der TV-Redakteur in „Heil“ sagt, ist ein Echo auf Dietrich Kuhlbrodt, der in „Heil“ eine kleine Rolle übernommen hat. Der schrieb mal: Die neueren Nazi-Kostümfilme der 1990er- und 2000er-Jahre wollen Nazis als Menschen zeigen – dabei wäre es weit interessanter, Menschen als Nazis zu zeigen. Da steckt viel Wahres drin. Die Nazi-Kostümfilme wollen sich von einer Oberfläche zu einem tieferen Verständnis durcharbeiten – und landen am Ende nur bei Allgemeinplätzen.

Die Briten und die Amerikaner gehen filmisch seit langem satirisch mit Nazis oder auch Neonazis um. In Deutschland war man da aus gutem Grund zögerlich; vor dem Hintergrund der Hitler-Diktatur fürchtete man den Vorwurf der Verharmlosung. Haben Sie nun die erste deutsche Nazi-Komödie gedreht?
Es gab schon vor 23 Jahren „Schtonk“ von Helmut Dietl. Mein Film ist vom Tonfall nicht weit weg davon. Den filmisch-satirischen Zugriff auf das Thema – allerdings auch auf viele andere Themen – habe ich hierzulande tatsächlich immer vermisst. Das ist doch die einzige Geisteshaltung, mit der man dieses Wahns habhaft werden kann. Deutsche Filme zur Nazi-Vergangenheit oder -Gegenwart sind ja immer sehr redlich und um Aufklärung bemüht, um Einfühlung und Identifikation.

Was ist so schlecht an all dem?
Damit kommt man einfach nicht weiter. Damit fasst man die Realität da draußen nicht mehr. In dieser redlichen Aufklärungshaltung kann man sich auch behaglich einrichten; außerdem ist sie filmisch nicht sonderlich interessant. Das hat sich herumgesprochen, und es ist kein Zufall, dass derzeit mehrere Leute an Filmkomödien über die rechte Szene arbeiten. Ich weiß von diversen Läuterungsgeschichten – ein Nazi und ein Jude werden mit Ketten aneinander gefesselt und müssen gemeinsam fliehen und dergleichen, aber uns erwartet auch die große dicke Bestsellerverfilmung von „Er ist wieder da“, Timur Vermes’ Roman über Hitlers fiktive Wiederauferstehung. Die hatten doppelt so viel Budget wie wir, dafür waren wir schneller.

Haben Sie einen britischen oder US-Lieblingsfilm, der furchtlos-satirisch mit dem Thema Nazis umgeht?
Nein. Für die Briten und Amerikaner beinhaltet das Thema ja eine ganz andere Perspektive: Sie ist von der Kriegserfahrung geprägt, dem Wissen, von einem Aggressor bedroht worden zu sein. Der Zweite Weltkrieg war für die Briten auch deren letzte Epoche nationaler Größe – das war etwas Sinnstiftendes. Der Blick aufs eigene Land, also meiner, ist ein ganz anderer. Die Pointe ist ja, dass Deutschland krachend den Zweiten Weltkrieg verloren hat, aber dann mit Hilfe der Amerikaner und deren Marshall-Plan wieder hochgepäppelt wurde, während Großbritannien mit einer bröselnden Industrie dastand.

Das war nicht lustig, aber Ihr Film ist es durchaus.
Natürlich ist „Heil“ von intensiver Monty-Python-Kenntnis geprägt. Deren Werke habe ich quasi inhaliert. Eine andere Referenz ist „Four Lions“, die britische Satire von Chris Morris aus dem Jahr 2010 über eine islamistische Terrorzelle in Sheffield.

Sie spielen in „Heil“ viel mit Zitaten. Songs der Ärzte sind als Inspiration ebenso identifizierbar wie die Erfahrungen von Christoph Schlingensief in Bayreuth. Sogar Sie selbst tauchen auch als Filmfigur auf – als Regisseur der Filmkomödie „Geil Hitler“.
Wenn man sich schon über alles lustig macht, dann darf man sich selbst da nicht rauslassen. Der Filmregisseur Tom Lass spielt einen Filmregisseur namens Dietrich Brüggemann, der in einer Talkshow sitzt und Phrasen drischt. „Heil“ ist überhaupt ein Fest des Phrasendreschens.

Sie karikieren etwa die Experten-Typologie, die in den Fernseh-Talkshows immer wieder aufgerufen wird.
Der gesamte Film handelt von Idiotie. Fast jeder darin ist ein Idiot – mit der einzigen Ausnahme des afro-deutschen Schriftstellers Sebastian, Autor von „Das braun gebrannte Land“. Der bekommt einen Schlag auf den Kopf und danach plappert er den Neonazis alle Parolen nach, aber er ist zumindest am Anfang keine Witzfigur.

Warum nicht?
Das wäre eins zu viel gewesen. Wenn er den ganzen Film auf dem Stand eines gutgelaunten Dreijährigen verbringt, sollte sein Ausgangszustand im Vergleich dazu immer noch erstrebenswert erscheinen. Außerdem wäre die einzige Möglichkeit, ihn in eine genuin komische Figur zu verwandeln, eine forcierte Übertreibung seines antirassistischen Engagements gewesen, das hätte einen äußerst unguten Beigeschmack und wäre auch in der Sache nicht durch Fakten gedeckt.

Bei all den Anspielungen in „Heil“ kommen Sie mir fast wie ein Schwamm vor, der alles aufsaugt und dann in Filmform ausdrückt…
Genauso habe ich mich auch gefühlt. Der Film macht sich dann eigentlich von allein. Das ist auch richtig so – man muss sein Ego da rausnehmen und den Film wie ein lebendes Wesen wahrnehmen, das einen eigenen Willen hat und sich quasi selbst erschafft. Klingt esoterisch, aber ich habe da auch gewichtige Schutzpatrone. Etwa den amerikanischen Filmeditor, Regisseur und Drehbuchautor Walter Murch, der das in seinem Buch „In the Blink of an Eye“ genau so schildert: Wenn die Arbeit an einem Film gut läuft, hat man quasi nichts damit zu tun.

In „Heil“ gibt es sagenhafte 114 Sprechrollen. Neben Schauspielern besetzen Sie aber auch Kollegen, Musiker und Kinobetreiber. Warum?
Das Besetzen von Regisseuren hat sich vor Jahren ergeben, als Sven Taddicken und ich anfingen, uns gegenseitig vor die Kamera zu ziehen. Ich spiele ausgesprochen gern in Filmen von Freunden kleine Rollen – man lernt viel und erinnert sich mal wieder daran, wie es für Schauspieler eigentlich so ist. Außerdem ist es ein Zeichen von Verbundenheit – ich besetze natürlich Leute, deren Filme ich mag – und ein Signal gegen die Vereinzelung, in die man als Künstler leicht verfällt.

Meine Lieblingsszene in „Heil“ ist die mit der Antifa-Aktivistin, die ihre eigenen Leute bespitzelt und den Verfassungsschutz auf ihrem Handy unter „Verfassi“ gespeichert hat.
Das ist die Terminologie der linken Szene, die ganz viel mit ‚i“ abkürzt. Dass Antifa-Leute für den Verfassungsschutz arbeiten, ist natürlich wüste Spekulation – sollte man denken. Doch als die Szene längst geschrieben war, ging die Nachricht herum, dass im Umkreis der Roten Flora in Hamburg tatsächlich jahrelang eine V-Frau aktiv war. Bei der NPD weiß man ja sowieso, dass dort keiner mehr übrig ist, wenn der Verfassungsschutz seine Leute abzieht.

„Heil“ beginnt rasant – mit superkurzen Archiv-Filmschnipseln vom Bombenkrieg, den Leichenbergen der KZ, und schon heißt es „70 Jahre später“: Ein Neonazi mit Rechtschreibschwäche sprüht rechte Parolen auf die Mauern. Fürchten Sie nicht Proteste oder gar Drohungen von allen Seiten?
Wer sollte da protestieren, und wogegen? Unsere Filmhandlung ist satirisch überhöht, aber diese Archivschnipsel sind einfach das, was sie sind. Wir resümieren nur kurz, was bisher geschah, um dann aber auch zu sagen: „Heil“ ist kein Geschichtsaufarbeitungsfilm. Wir sind hier in der Gegenwart.

Kürzlich beim Filmfestival Cannes wurde hierzulande wieder gejammert, weil kein deutscher Film im Wettbewerb vertreten ist. Was fehlt dem deutschen Film dieser Tage?
Filmemacher reden nicht gern darüber, wo sie überall abgelehnt wurden. Das ist ja eine narzisstische Kränkung. Man legt diese Kränkungserlebnisse gewissermaßen in ein Kästchen, und manchmal holt man es raus, um darüber zu meditieren. Doch der Kreislauf des Schweigens muss durchbrochen werden, und daher bekenne ich hiermit: Ja, wir hatten diesen Film in Cannes eingereicht. Doch er war nicht gut genug. Wir müssen einfach noch bessere Filme machen. Immer noch besser. Dann klappt’s auch mit Cannes. In der deutschen Filmakademie bin ich nicht, die hat meine Filme bisher auch immer mit Missachtung gestraft. Aber ich gucke in jedem Jahr mit einem Kollegen die DVD-Kiste zum Deutschen Filmpreis durch. Wir spielen dann ein Spiel namens Lola-Saufen. Das geht so: Man legt einen Film ein, und wer den dann als erstes nicht mehr aushält, schreit „Stopp“ und muss zur Strafe einen Schnaps trinken. Dann wird der nächste Film eingelegt. Das ist eine wunderbare Art, sich mit deutschen Filmen einen lustigen Abend zu machen. Dem deutschen Film fehlt also nichts, das man nicht mit ein paar Schnäpsen ausgleichen könnte.

Interview: Anke Westphal

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