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Jede Geste überlegt: Sophia Loren, Ibrahima Gueye.

Netflix

La vita è bella

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Der großen Sophia Loren gelingt ein glänzendes Comeback in dem Netflix-Sozialdrama „Du hast das Leben vor dir“.

Seine erste Begegnung mit dem Glamour von Hollywood und Cinecittà hatte der spätere Filmkritiker mit elf Jahren, an jenem Tag, als Sophia Loren in den Kölner Kaufhof kam. Um nichts dem Zufall zu überlassen, hatte ich mich auf dieses Ereignis etwas gründlicher vorbereitet als die anderen Wartenden, die brav ein Exemplar ihrer Autobiografie „Leben und Lieben“ erworben hatten. Ich hingegen hatte, die Ausgabe scheuend, ein ganzseitiges Loren-Porträt aus der „Hörzu“ ausgeschnitten und – eingedenk des zu erwartenden Gedränges – säuberlich auf Pappe geklebt.

Das Motiv hätte kaum besser gewählt sein können, zeigte es doch die damals 42-jährige Schauspielerin bei ähnlicher Gelegenheit und in exakt identischer Aufmachung, bis hin zur halbgetönten Riesensonnenbrille. Wie überrascht war ich dann über den Entsetzensseufzer der Abgebildeten, die sich wütend weigerte, ein Foto zu unterschreiben, das ihr doch, wie ich fand, nicht ähnlicher hätte sehen können. Das gefiel mir wiederum ganz und gar nicht, und erst nach kurzer Diskussion unterschrieb die Gefeierte widerwillig die Papprückseite. Nur ein wirklicher Star, dachte ich durchaus geschmeichelt, wird auch vor einem Elfjährigen stets auf die Makellosigkeit seines Images bedacht sein.

Auch wenn ich Sophia Loren damals nur aus der Komödie „Hausboot“ und dem Monumentalfilm „Attila – die Geißel Gottes“ kannte, blickte sie bereits auf eine lange und bewundernswerte Karriere zurück. Mit 15 war sie als Statistin zum Film gekommen, bevor sie im Jahr darauf bei einer Schönheitskonkurrenz ihren späteren Ehemann, den Produzenten Carlo Ponti kennenlernte.

Ihre Schönheit mochte ihre Eintrittskarte in die Filmwelt gewesen sein, doch spätestens seit ihrer Hauptrolle in Vittorio De Sicas Kriegsdrama „Und dennoch leben sie“ von 1960 galt sie auch als große Charakterdarstellerin. Vermutlich wäre dieses Talent Waffe genug gewesen, dem Vergehen der Schönheit zu trotzen, doch Sophia Lorens Leinwandauftritte wurden in ihrer zweiten Karrierehälfte immer seltener. Nun aber ist sie zurück, mit 86, und sie muss dafür nicht einmal zu Premieren reisen und Kindern Autogramme geben. Die Regiearbeit ihres Sohnes Edoardo Ponti, „Du hast das Leben vor dir“ kommt im Internetfernsehen heraus, bei Netflix, das in der Corona-Krise für Millionen zum Ersatzkino geworden ist.

Ein Schutzraum im Keller

Nach dem gleichnamigen, 1975 erschienenen Roman von Romain Gary spielt sie die ehemalige Prostituierte Madame Rosa, die in ihrem Haus in der süditalienischen Stadt Bari Kinder ihrer Kolleginnen aufzieht. Als Auschwitz-Überlebende leidet sie unter Angstzuständen und hat sich im Keller des heruntergekommenen Wohnblocks einen persönlichen Schutzraum eingerichtet. Mit dem senegalesischen Flüchtlingsjungen Mohammed, der sich Momó nennt, kommt jetzt ein Kind in ihr Leben, das selbst Traumatisches erlebt haben muss. Auch wenn darüber kaum gesprochen wird und der in kleinkriminelle Aktivitäten verstrickte Junge zunächst äußerst abweisend wirkt, zweifelt man nicht an ihrer intuitiven Verbindung.

Darstellerisch entstehen daraus erstaunliche Momente. Sophia Lorens Spiel ist zurückgenommen, sie trägt ihr bewusst schlecht geschminktes Gesicht wie eine Selbstverständlichkeit. Es muss etwas Befreiendes darin liegen, einmal nicht an die eigene Attraktivität zu denken. Ihr junger Spielpartner Ibrahima Gueye, der seine erste Rolle spielt, ist ein Naturtalent: Verschlossenheit darzustellen, heißt Nichtagieren auszudrücken. Auch Erwachsene tun sich damit schwer. Minimalismus ist eigentlich nicht, was man von diesem zugleich schwelgerisch-emotionalen Film erwarten würde, aber die Balance, die daraus entsteht, ist erstaunlich. Auf den ersten Blick denkt man, dies wird ein Film, der zu viel von allem aufbietet – und dann erscheint doch jede Szene, ja fast jede Geste reiflich überlegt.

Eine Vaterfigur für Momó

Edoardo Ponti hat die Vorlage, die bereits 1978 von dem israelischen Regisseur Moshé Mizrahi Oscar-gekrönt mit Simone Signoret verfilmt wurde, drastisch vereinfacht. Er hat die zentrale Figur des Vaters des Jungen gestrichen, und man muss auch nicht mehr wissen, dass dieser Momós Mutter getötet hat. Dafür übernimmt Ponti das diverse Milieu der ursprünglich in einem Pariser Vorort angesiedelten Geschichte, das heute überaus zeitgenössisch anmutet. Das Zusammenleben der Kulturen ist in dieser Adaption zum zentralen Aspekt geworden. Asghar Farhadi, der gefeierte iranische Filmregisseur, spielt den muslimischen Ladenbesitzer Mr. Hamil, den die Jüdin Rosa als eine Art Vaterfigur für den Jungen auserkoren hat, während sie ein anderes Kind Hebräisch lehrt. Behutsam und ohne Dogmatismus eröffnet Mr. Hamil dem Jungen die Welt des Koran.

Edoardo Ponti hat in einem Fernsehinterview erklärt, dass er seinen Film als eine Hommage an Vittorio De Sicas Neorealismus versteht – sehr zum Erstaunen von Sophia Loren, die sich aber sichtlich über den Vergleich freute. Tatsächlich ist die Zeit wieder reif für Sozialdramen wie De Sicas „Fahrraddiebe“ oder „Das Wunder von Mailand“, auch wenn sich ihre Form nicht wiederholen lässt. Visuell geht auch Ponti einen anderen Weg; der britische Kameramann Angus Hudson komponiert das breite Format in satten Farben – jedoch ohne offensiven Ästhetizismus. Ebenso viel trägt der große libanesische Komponist Gabriel Yared zum Gelingen des Films bei, dessen leise, melodische Themen den Dialog zwischen den Kulturen wortlos vertiefen. Ein Glücksfall alles zusammen und erst recht als spätes Glanzlicht in der Karriere Sophia Lorens – und ein weiterer Film, um den es schade wäre, wenn er durch die Kinoschließungen übersehen würde.

„Du hast das Leben vor dir“. Italien 2020. Regie: Edoardo Ponti. 94 Minuten, zu sehen auf Netflix.

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