Catherine Deneuve

„La Vérité“ im Kino: Catherine Deneuve gelingt eine hinreißende Persiflage auf die Welt der Riesen-Egos

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
    schließen

Der japanische Meisterregisseur Hirokazu Kore-eda beschert in seinem ersten französischen Film Catherine Deneuve eine Paraderolle: „La Vérité – Leben und lügen lassen“.

  • Catherine Deneuve glänzt in „La Vérité – Leben und lügen lassen“
  • Vertracktes Spiel mit den Erwartungen 
  • „La Vérité“ besitzt eine altmodische Handwerklichkeit

Das französische Kino kann immer noch ein paar Dinge, die sonst nur Hollywood vermag. Es kann einen gefeierten Filmemacher aus dem Ausland anlocken und ihm eine Freikarte für etwas Besonderes offerieren, die berühmte „carte blanche“. Zum Beispiel einen legendären Filmstar zu inszenieren, umweht von allem Ruhm einer großen Filmnation. Und ein cinephiles Publikum, das eine solche Paarung wie eine Sensation empfinden wird: Hirokazu Kore-eda trifft auf Catherine Deneuve.

Die Goldene Palme für seinen Film „Shoplifters“ hatte der Japaner gerade erst in der Tasche, als er einige der größten Stars des französischen Kinos für seinen ersten Auslandsfilm versammelte, darunter Juliette Binoche und Ludivine Sagnier. Und auch Form und Thema von „La Vérité“ sind dezidiert französisch: Mit Anklängen an Truffauts Klassiker „Die amerikanische Nacht“ verbeugt sich Kore-eda vor dem Spiel mit Schein und Sein in einer selbstverliebten Filmwelt.

„La Vérité“: Um Catherine Deneuve herum wirken alle anderen blass

Catherine Deneuve spielt eine alternde Diva, die nach fünfzig Jahren in der Branche die Kunst der Manipulation bruchlos in ihr Familienleben übertragen kann. Zur Veröffentlichung ihrer Memoiren mit dem nicht einmal ironisch gemeinten Titel „Die Wahrheit“ ist ihre Tochter, gespielt von Binoche, selbst erfolgreich als Drehbuchautorin, aus den USA angereist – und scheitert jämmerlich bei dem Versuch, die eine oder andere Lebenslüge zu enttarnen. Kein Wunder – wie sich mehr und mehr erweist, hat die Filmautorin ihrer Mutter selbst manche schöne Lüge soufflieren können.

Kore-eda stellt uns Deneuves Filmfigur gleich am Anfang in einer Interviewszene vor. Dass sie da nicht einmal die Namen einiger ihrer Weggefährten parat hat, lässt nicht unbedingt auf ein schwächelndes Gedächtnis schließen. Deneuve gelingt eine hinreißende Persiflage auf die Welt der Riesen-Egos. Kurze Zeit später nimmt ihr persönlicher Manager nach Jahrzehnten aufopfernder Arbeit seinen Hut. „Sie hat mich nicht einmal im Buch erwähnt. Das ist so, als hätte ich niemals gelebt.“

„La Vérité“: verkümmert förmlich zu einem Teil der Requisite

Wenn es Kore-edas Absicht war, den Stil einer französischen Boulevardkomödie zu treffen, ist es ihm besser gelungen, als es vielen Fans seiner tragikomischen Meisterwerke lieb sein mag. Bei der Premiere im vergangenen Jahr beim Filmfestival Venedig fand „La Vérité“ dann auch nicht ungeteilten Zuspruch; man vermisst das Fragile und den leisen, geduldig ausgespielten Ton seiner japanischen Filme. Poesie aber gibt es durchaus. Etwa, wenn sie ihre Enkeltochter gern im Glauben lässt, sie sei eine Hexe und habe Zauberkräfte: „Siehst du die Schildkröte im Garten? Die ist früher mal ein Mann gewesen.“

Seit mehr als fünf Jahrzehnten ist Catherine Deneuve nie von der Leinwand verschwunden, aber seit Jahren hat sie nicht mehr derart ihre Register ziehen können. Entsprechend blass wirken alle um sie herum – Ethan Hawke verkümmert als Schwiegersohn förmlich zu einem Teil der Requisite.

„La Vérité: Virtuos jongliert Catherine Deneuve mit Un- und Halbwahrheiten

La Vérité – Leben und lügen lassen. F 2019. Regie: Hirokazu Kore-eda. 106 Minuten.

Gleichwohl entdeckt man bei genauem Hinsehen durchaus den doppelten Boden, der Kore-edas vorangegangenen Film „Shoplifters“* erst zu einem so vertrackten Spiel mit den Erwartungen machte. Gedreht auf 35mm und vom Regisseur persönlich geschnitten, besitzt „La Vérité“ eine altmodische Handwerklichkeit, die sich wie eine eigene Wahrheit vor die Lügengeschichte stellt. Mitunter fühlt man sich an den sperrigen Charme von Alain Resnais und seine Alan-Ayckburn-Verfilmungen erinnert.

Tatsächlich kann Kore-eda mindestens ebenso gute Dialoge schreiben – und sie zu höchster Wirkung inszenieren. Einmal geht es um Schauspielerinnen, deren Vor- und Nachnamen mit dem selben Buchstaben beginnen; bei der Erwähnung von Brigitte Bardot kann Deneuves Filmfigur nur mit den Schultern zucken. Wer war das noch gleich? Bertolt Brecht nannte Hollywood den Markt, wo Lügen verkauft werden. In seiner fast philosophischen Hommage feiert Kore-eda die Filmwelt für nichts anderes: Virtuos wie eine Zauberkünstlerin jongliert die Diva mit Un- und Halbwahrheiten. Und wenn sie ihre Enkelin im Glauben lässt, sie könne hexen, ist das nicht einmal gelogen.

Von Daniel Kothenschulte

*fr.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks

Rubriklistenbild: © -/PROKINO Filmverleih GmbH/dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare