+
„Never Look at the Sun“, Baloji, Frankreich 2019.

Kurzfilmtage Oberhausen

Kurzfilmtage: Schwelgerische Schönheit

  • schließen

Es gibt viel zu entdecken: Am 13. Mai eröffnen die 66. Oberhausener Kurzfilmtage ihre Online-Ausgabe.

Der Filmbetrieb, für Orson Welles die großartigste aller elektrischen Eisenbahnen, steht weltweit seit rund zwei Monaten still. Trotzdem stellten die Oberhausener Kurzfilmtage, die heute ihre 66. Ausgabe online eröffnen, einigen Stammgästen die Frage: „Kann und muss man jetzt Filme machen?“ Niemand lässt sich das wohl derzeit zweimal fragen. Für den „Preis einer Therapiesitzung“ schickten sie filmische Lebenszeichen, die sich sehen lassen können. Regisseur Franz Müller zum Beispiel wartet in „Die bewohnte Insel“ mit einer hinreißenden Ensembleszene auf. Aufgenommen bereits 2012, wusste er bislang nie etwas damit anzufangen.

66. Oberhausener Kurzfilmtage: Mit magischer Künstlichkeit

In einer Parklandschaft versammeln sich Menschen zu einem rätselhaften Miteinander, doch den eigentlichen Zauber entwickelt der Film erst dadurch, dass es sich um zwei „Takes“ der gleichen Szene handelt. Sie spiegeln einander wie die beliebten Bilderrätsel von Original und Fälschung – und verströmen jene magische Künstlichkeit, von der François Truffaut in seinem Film „Die amerikanische Nacht“ erzählte. „Filmemachen ist eine der raffiniertesten Möglichkeiten der Kontaktaufnahme“, kommentiert Müller das Material.

Auch Oberhausen besitzt im Mai diese magische Künstlichkeit. Nun ist alles anders: Auf der Webseite „kurzfilmtage.de“ kleben 9,99-Euro-Preisschilder. Für den üblichen Monatspreis eines Streamingdienstes kann man insgesamt 350 Kurzfilme ansehen, darunter die kompletten Wettbewerbe. Viele Fachbesucher, die in Oberhausen schon lange mehr Zeit an Sichtungs-Bildschirmen verbringen als in den Kinos, werden die Heimsichtung wohl sogar begrüßen. Doch wer das Kino liebt als Ort der Begegnung und, mehr noch, die große Leinwand, wird dabei melancholisch. Das Erstaunliche aber ist, dass sich Vorahnungen der gegenwärtigen Krise bereits in der Filmkunst finden.

66. Oberhausener Kurzfilmtage zeigt viele Filmemacherinnen

Die Animationsfilmerin Katherina Huber hat ein geradezu prophetisches Seismogramm sozialer Distanziertheit geschaffen: In ihrem 21-Minuten-Film „Der natürliche Tod der Maus“ beschreibt sie am Alltag einer jungen Frau eine konsumkritische Lebenswirklichkeit zwischen Verzicht und Entsagung. Die Bedrohung durch Infektionen spielt dabei bereits ebenso eine Rolle wie das Maskentragen – doch das eigentlich Faszinierende ist, wie Huber hier eine Bereitschaft beschreibt, das eigene Leben zu beschränken. In einer surrealen Fantasie entlädt sich die Entfremdung in einer Gewaltphantasie, dazwischen gibt es leere Landschaften wie bei Antonioni und die originelle Nebenfigur einer „ungewollten, imaginären Tochter“. In einer siebenminütigen Monologszene – unerhört im Animationsfilm – macht Huber die Selbstbeschränkung schließlich auch formal zum Thema.

Es sind besonders Filmemacherinnen, die in den Oberhausener Wettbewerben in diesem Jahr die radikalsten Wege gehen. Dazu gehört auch die Rückkehr zu anlaogen Filmtechniken. Die britische Filmkünstlerin Jane Parker hat ihren betörenden 16mm-Film „Amaryllis – a Study“ im Inneren von Blüten aufgenommen. So minimalistisch die Herangehensweise, so monumental und überwältigend das Ergebnis: Seit den Glanztagen von Technicolor hat man solche Rottöne nicht mehr gesehen. Welche Befreiung bietet so ein rauschhaftes Kino. Besonders bei Sylvia Schedlbauer, die mit dem delirierenden „Labor of Love“ ihr abstraktes Kino förmlich direkt auf unsere Netzhaut projiziert.

Wahrscheinlich sind die meisten Bilder, die von der Corona-Krise in Erinnerung bleiben werden, schlecht aufgelöste Videotelefonate. Auch Oberhausen hat eine Menge davon ins Netz gestellt, Interviews mit Künstlern und Wissenschaftlern, die für ausgefallene Debatten entschädigen sollen. Nichts hat man in dieser entsagungsvollen Zeit aber nötiger, als die schwelgerische Opulenz grandioser Kurzfilme.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion