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Hier wurden Kulturen von Mikroorganismen in einer Petrischale angelegt.

„Resistance Fighters“, arte

Kurze Episode aus dem Leben der Mikroorganismen

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Ein Film über die Folgen davon, dass weltweit kaum noch Zeit und Geld in die Erforschung neuer Antibiotika investiert wird.

Dies ist ein Horrorfilm. Nur ist er nicht fiktional, sondern wissenschaftlich fundiert. Das Szenario wirkt also ziemlich unausweichlich. Aber der Reihe nach.

Im September 2016 gab es eine UNO-Tagung zum dem Besorgnis erregenden Thema zunehmender Antibiotika-Resistenzen. In 35 Jahren, so die Ausgangs-These, werden bei Menschen Infektionen Todesursache Nummer eins sein, weil kaum ein Antibiotikum noch wirkt. Die Kosten des zusammenbrechenden Gesundheitssystems wurden auf eine Dagobert-Duck-Zahl von Hunderten Billionen Dollar beziffert. Konkret hieße das, dass die moderne Chirurgie, überhaupt ein großer Teil der modernen Medizin am Ende wäre, weil sie ohne Antibiotika nicht funktioniert.

Wenn man das darwinistisch in längeren Zeiträumen durchdenkt, ist eigentlich klar: Mikroorganismen schufen auf unserem Planeten Voraussetzungen für komplexere Lebensformen. Unser Erfolg, einige wenige von ihnen mit Antibiotika in Schach zu halten, ist nur eine kurze Episode in der Evolution des Lebens. Die Bakterien werden siegen, unvermeidlich. Lebt wohl!

Der Mikrobiologe Timothy Walsh (re.) nimmt Proben in einer Hühnerzuchtfarm in Vietnam.

Natürlich gäbe es dazu noch mehr zu sagen. Denn dass Resistenzen zunehmen, weil Bakterien auf eine perfide Art lernfähig sind, ist ein logischer Prozess, wenn ständig mit Antibiotika in nicht-sterilen Umgebungen hantiert wird. Das tut nicht in erster Linie die moderne Medizin, sondern die Massentierhaltung, und eine weniger sterile Umgebung als eine Schweine- oder Hühnerfarm kann man sich kaum vorstellen.

Der Einsatz von Antibiotika in Größenordnungen von Hunderten Tonnen jährlich bekämpft nicht, sondern verhindert (gerade noch) Infektionen und lässt Tiere schneller wachsen. Dass dabei längst auch die so genannten Reserve-Antibiotika hunderttonnenweise angewandt werden, also die Medikamente, die man in der Humanmedizin bräuchte, wenn nichts Anderes mehr hilft, gehört zu den hässlichen Begleiterscheinungen des Kapitalismus. Wenn es das Zeug gibt, muss es auch verkauft und eingesetzt werden, findet die herstellende Industrie. Die Agrarpolitik erhebt nur marginale Einwände, während in der Abluft der Massentierhaltungs-Ställe unglaubliche Mengen resistenter Staphylokokken in die Umwelt gepustet werden.

Womit wir beim zweiten Teil des globalen Problems sind. Antibiotika zu finden und herzustellen, ist kompliziert, langwierig und teuer. Es geht schließlich nicht nur darum, ein Medikament zu finden, das Bakterien tötet, es sollte doch bitte die größere Bioform, die von Bakterien befallen ist – Hühner, Schweine, Lachse, Menschen – nicht gleich mit umbringen. So fallen von hundert gefundenen Medikamenten schon mal 99 aus.

Findet die Forschung nun einen Stoff, so Michael Wech in seinem Film, der die erwünschte Wirksamkeit aufweist, hat sie viel Zeit (im Schnitt zehn Jahre) aufgewandt und Geld ausgegeben und will, nein, muss damit Umsatz machen. Die Humanmedizin aber will das neue Medikament möglichst als Reserve-Antibiotikum zurückhalten. So verdient die Pharma-Industrie aber nichts daran. Also hört sie auf zu forschen, kostet ja nur Geld. Fakt ist also: Es wird heute weltweit kaum noch Zeit und Geld in die Erforschung neuer Antibiotika investiert.

Wahrlich, wir leben in finsteren Zeiten.

Eine von vielen Fragen: Warum verfolgt der Staat mit so viel Eifer Terroristen und lässt Massentierhalter und Agrarpolitiker fast nach Belieben gewähren? Sie sind anscheinend mittelfristig viel gefährlicher.

„Resistance Fighters“, Dokumentarfilm, arte, 19. März, 20.15 Uhr, im Netz: arte +7

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