Das Lieblingsteam des Abends bei Jörg Pilawa: Oliver Welde (links) und Kai Pflaume.
+
Das Lieblingsteam des Abends bei Jörg Pilawa: Oliver Welde (links) und Kai Pflaume.

TV-Kritik "Star Quiz"

Kurz vorm Irrenhaus

  • Boris Halva
    vonBoris Halva
    schließen

Zwei Stunden Murks. Im Gegensatz zu "Wetten, dass...?" hat dieses Quiz zwar noch eine Art Bildungsauftrag. Doch der beschränkt sich auf viel Blödelkram und wenige Aha-Erlebnisse. Von Boris Halva

Es ist zum Heulen. Immer wieder liest man von jungen Regisseuren, die am Schneidetisch schwitzen und Minute um Minute aus ihren Filmen rausschneiden, um ja nicht über 90 Minuten zu kommen. Und andere Formate? Die dürfen auch gerne mal überziehen.

Wenn Gottschalk bei "Wetten, dass ...?" eine halbe Stunde länger macht - Schwamm drüber. Aber was an gefühlten zwölf Samstagen im Jahr Standard ist, sollte bitte schön nicht auf jede andere, x-beliebige Quiz- und Unterhaltungssendung abstrahlen.

Ach nein, Moment. Das war ja jetzt die völlig falsche Fährte. Das "Star-Quiz" der ARD mit Jörg Pilawa und illustren Gästen, für den guten Zweck ein bisschen "Wer wird Millionär" spielen, ist ja tatsächlich auf zwei Stunden angelegt.

Zwei Stunden für so einen Murks. Es stimmt schon, im Gegensatz zu Gottschalks Show hat dieses Quiz noch eine Art Bildungsauftrag und intellektuellen Nutzwert. Der beschränkt sich aber in weiten Teilen auf viel Blödelkram und sehr, sehr wenige Aha-Erlebnisse. Eines der wertvollsten Zitate dieses langen TV-Abends stammt von Moderator Kai Pflaume, der in der ersten Rate-Runde im Team mit Sportmoderator und Comedian Oliver Welke gegen den dritten Talkmaster der Sendung, Johannes B. Kerner, und Volksmusik-Diva Carmen Nebel antrat. Pflaume sagte, nachdem Pilawa angekündigt hatte, nun kämen die Fragen, "die mit Bildung zu tun haben": "Ich finde das uncharmant, wenn man so prahlt."

Es ist aber mindestens genauso uncharmant, den Menschen vor dem Bildschirm ihre Zeit zu stehlen mit Fragen wie: "Was passt am Besten zu Braten mit Soße?" Nebel wusste es: halbseidene Klöße, was Kerner extrem beeindruckte. Kerner ging ans Halbwissen ohnehin ganz unverkrampft ran: Nachdem der Quizmaster, also Pilawa, aufgeklärt hatte, das die Artikel-Nummer IEC 60-irgendwas-2-4 für ein Antennenkabel stehe, was man ganz leicht herleiten könne, wenn man sich die letzten Ziffern ansehe, sagte Kerner: "Ich hab’s auch nach der Erklärung nicht verstanden."

Das waren die guten Momente der Sendung. Der Zauber des Augeblicks. Wie sagt man: Situationskomik. Die war dann wie weggeblasen, als in der zweiten Runde Gerhard Delling und Nachrichtensprecherin Judith Rakers im kobaltblauen Kleid gegen Günter Netzer und Günter Struve, den ehemaligen Programmdirektor der ARD, gegeneinander antraten. Delling: charmant defensiv. Netzer: wie immer bissig. Aber Struve, der wollte es an diesem Abend wissen und feuerte aus allen Rohren. "Avocado essen Sie ja nicht so oft", warf er Netzer vor, der ja eigentlich sein Teamkollege war. Delling erkannte sofort des Pudels Kern: "Ich finde, die Atmosphäre ist leicht vergiftet" und jammerte nach einer falschen Antwort: "Dieses Lachen", also Netzers Lachen, "ist die größte Strafe."

Als Struve dann bei der 150.000-Euro-Frage einwirft, "es ist manchmal besser, zu sagen, wir nehmen das leichte, wenn es nahe liegen würde, das komplizierte zu nehmen", rutscht Delling das zweite wertvolle Zitat des Abends raus: "Das ist aber jetzt kurz vorm Irrenhaus, wie Sie jetzt denken." Das war nicht nett, aber lustig, so wie zwei bis drei andere Situationen. Aber eines muss noch mal gesagt werden: Es ist ja schön und gut, wenn sich Prominente für den guten Zweck ein bisschen gegenseitig vorführen.

Aber es wäre doch wirklich eine Alternative, das Geld einfach so an die Stiftungen, Hilfswerke und Schulprojekte zu überweise und in der Zeit Filme zu zeigen. Vielleicht sogar solche, die nicht unter Tränen auf 90 Minuten zusammengeschnitten werden müssen. Aber es hat sich wohl auch bei den öffentlich-rechtlichen so eingeschlichen, dass man á la "Deutschland sucht den Superstar" eine sehr, sehr dünne Show, die in einer Stunde rum sein könnte, unnötig aufbläst. Es ist zum Heulen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare