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Kunst oder Leben

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Von: Daniel Kothenschulte

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Eva Hesse um 1963.
Eva Hesse um 1963. © Real Fiction Filmverleih

Marcie Begleiters Dokumentarfilm über Leben und Arbeit der Künstlerin Eva Hesse hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck

Ein Dokumentarfilm über Eva Hesse ist Ereignis genug. Die Zerbrechlichkeit ihrer Skulpturen macht es unmöglich, ihre wichtigsten Arbeiten an einem Ort zu versammeln. So ist die Kinoleinwand der beste Ort für eine virtuelle Ausstellung: Allein die explosionsartige künstlerische Entwicklung der Amerikanerin, die der Minimal Art Persönlichkeit und Seele gab, Arbeit für Arbeit zu verfolgen, ist spannender als jedes Biopic. Doch da die 1970 mit nur 34 Jahren verstorbene Künstlerin umfassende Tagebücher und Briefe hinterließ, lässt sich zugleich auch die Dramatik ihres Lebens verfolgen, und dies ist die naheliegende Struktur, die Marcie Begleiter für ihren Dokumentarfilm wählt.

Es ist immer verführerisch, Kunst über die Biografien ihrer Urheber zu vermitteln, aber es birgt auch die Gefahr, dass sich die Wahrnehmung zugleich verstellt. Wahrscheinlich würden wir van Gogh besser verstehen, wenn sich nicht die Geschichte vom abgeschnittenen Ohr übermächtig vor seine Bilder geschoben hätte. Joseph Beuys nutzte die autobiographische Methode sehr bewusst, indem er der Kunstwelt eine teils erfundene Lebenserzählung präsentierte. Eva Hesse hat ihr tragisches, entbehrungsreiches aber auch beglückendes und imponierendes Leben hingegen kaum öffentlich thematisiert und nicht zum Teil ihrer Kunst gemacht. Sie ließ ihre Werke sprechen, und genau das könnten sie auch auf der Leinwand, gäbe man ihnen nur ein wenig Freiraum.

Ja, es ist erstaunlich und unbedingt erzählenswert, dass die Hamburger Jüdin, die im Alter von zwei Jahren mit der Schwester über einen Kindertransport nach Holland floh und schließlich 1939 mit ihren Eltern die USA erreichte, 1965 zurück nach Deutschland kam. Und dass sie ausgerechnet in Kettwig an der Ruhr, wohin sie das Industriellenpaar Scheidt mit ihrem Mann, dem Bildhauer Tom Doyle eingeladen hatte, zu ihrem Stil fand. Man verfolgt die Geschichte gebannt, doch sie legt sich in einem typisch-kulturjournalistischen Stil vor Hesses Arbeiten.

Es ist anregend und erhellend, all den Zeitzeugen zu begegnen, die Marcie Begleiter aufgesucht hat: Ex-Mann Tom Doyle entschuldigt noch heute seine Untreue mit jungenhaftem Grinsen, Minimalist Carl Andre würdigt Hesse in ruhigen Worten als bedeutende Kollegin und schwärmt von der New Yorker Szene der frühen 60er. Der Mülheimer Filmkünstler Werner Nekes schließlich, der 1965 seinen ersten Film über „Tom Doyle und Eva Hesse“ drehte, liefert einen wichtigen Hinweis auf einen japanischen Animationsfilm, den Eva Hesse bei den Oberhausener Kurzfilmtagen bewunderte.

Dass jedoch auch vom Nekes-Film wie auch von den wenigen späteren Filmdokumenten Hesses nur Sekundenausschnitte gezeigt werden, ist schwer verständlich. Sicher, diese Ausschnitte kosten die Produktion Geld, aber was gibt es denn Wertvolleres in einem Film über eine verstorbene Künstlerin zu zeigen als sie selbst bei ihrer Arbeit? Wie kleinteilig dieses wertvolle Material zerschnitten wurde – das zeugt von wenig Respekt.

Obendrein wird versäumt, die überlebenden Arbeiten Hesses zu dokumentieren. Was hindert die Filmemacherin daran, einfach einmal eine wortlose Minute mit späten Hesse-Installationen auf das Publikum wirken zu lassen? Ist es die Fernsehkonvention, bloß keine Ruhe aufkommen zu lassen? Illustrative Animationssequenzen legen sich schließlich wie ein künstlerischer Stilbruch über die tragischen Momente im Leben Eva Hesses, die an einem Gehirntumor starb. So wortreich die Interviews mit den Kuratoren sind, fällt zugleich auf, dass auch hier nur über den Menschen, kaum aber über die Arbeit gesprochen wird.

Wäre es nicht interessant, der Autorin der Werkmonographie Renate Petzinger länger zuzuhören, wenn sie Bezüge zur jüdischen Spiritualität in Hesses späten Werken ausmacht? Wenn je eine Künstlerin für ihre Kunst gelebt hat, war es Eva Hesse. Und das muss man diesem Film lassen: Er weckt alle Neugier, nun selbst den Originalen zu begegnen.

Eva Hesse. D/USA 2015. Regie: Marcie Begleiter. 102 Min.

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