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Natascha Sadr Haghighian spricht über Venedig.

Kunst-Biennale

Mein Name sei ein Konstrukt

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Natascha Sadr Haghighian verantwortet listig den Beitrag im Deutschen Pavillon auf der Biennale von Venedig.

Es war einmal eine Künstlerin, die zwar nicht so erpresserisch war wie das Rumpelstilzchen, dessen Leitspruch aber doch beherzigte: „Wie gut, dass niemand weiß, dass ich ... heiß’!“ Das hat schon bei dem jähzornigen Giftnickel nicht funktioniert und klappt auch nur in begrenztem Maße bei Natascha Sadr Haghighian. Die vielleicht 1967 in Teheran geborene Deutsch-Iranerin – Wikipedia vermeldet getreulich, dass sie unter anderem 1979 in München zur Welt gekommen sein könnte – hat sich konsequenterweise einen Tarnnamen zugelegt. Literaturfreunde könnten zur Erhellung auf Max Frischs Roman „Mein Name sei Gantenbein“ zurückgreifen. Bei der Bremer Professorin für Bildhauerei heißt es sozusagen, mein Name sei Natascha Süder Happelmann. Laut Presseinformationen ein algorithmisch ermitteltes Konstrukt aus Fehlschreibungen des echten Namens.

Die Künstlerin hat also eine fiktive Kollegin erfunden, die den Deutschen Pavillon der Kunst-Biennale von Venedig bespielen darf. Begegnen kann man Happelmann schon jetzt im Internet, in dem die ebenfalls erfundene Sprecherin Helene Duldung (Schauspielerin Susanne Sachsse) und Videos informieren. Die Künstlerin in diesem Stück bleibt wortlos. Fürs Kostüm hat sie einen burschikosen Stil gewählt, der gut zu ihrem rundlichen Felsenkopf passt. Der hindert nicht an der Orientierung, denn Happelmann wandert sicher durch ausgeräumte Landschaften in Deutschland und Italien. Menschen gibt es nicht, nur industrielle Landwirtschaft und Industriehallen, in denen, unsichtbar, Arbeiter oder Flüchtlinge untergebracht sein müssen. Vitale Natur existiert als struppige Straßenrandvegetation.

Sind diese Filme melancholisch, ist das Video der Pressepräsentation komisch. Ernst und duldsam trägt Duldung stichhaltige und nichtstichhaltige Informationen im gewohnten schwer verdaulichen Kuratoren-Sprech vor. Immerhin erfahren wir, wie gefährlich Namen sein können: Sie waren die Datenerfassung der alten Zeit, die in der Epoche der asozialen Netzwerke richtig human wirkt. Tatsächlich möchte Sadr Haghighian nicht beim Spiel „Künstlergenie“ mitmachen. Deswegen rief sie bereits im Jahr 2004 die Biografie-Tauschbörse bioswop.net ins Leben: Weg mit dem Curriculum Vitae!

Meist bereitet die Professorin ernste, soziopolitische Themen mit schlitzohrigem Humor in optisch und akustisch überhaupt nicht tränendrögen Installationen auf. Nur bei „Society of Friends of Halit“, die sich 2017 auf der Documenta 14 präsentierte, war der Schmerz zu groß. Halit Yozgat, von den NSU-Mördern erschossen, ließ ein Verfassungsschützer in dessen Laden liegen, ohne zu helfen. Die „Society“ war nicht mehr distanzierte Kunst, sondern sorgte tatkräftig für Realität. Sie beauftragte das Londoner Institut Forensic Architecture, das die räumliche Situation kriminalistische analysierte.

Die Tigermücke flog in einer Ausstellung in Florenz da schon lustiger herum. Obwohl Sadr Haghighian mit der Installation „passing one loop into another“ Klimaerhitzung und die rohe Seite der Globalisierung aufgriff, integrierte sie doch Positives und verknüpfte Information mit Komik: Das Bündnis der Florentiner mit der Pipistrelle-Fledermaus, die Mücken in Massen vernascht, machte der Künstlerin richtig Spaß. Daran sieht man, dass sie nicht nur vielschichtig argumentiert, sondern gern auf die jeweilige Örtlichkeit eingeht – und vor allem auf Zusammenarbeit setzt. So gibt es für ihre Venedig-Arbeit, die noch geheim ist, eine stattliche Liste von Musikern, die mitwirken werden.

So kann man sagen, dass Natascha Süder Happelmann ein Künstler-Wesen ist, das sich aus zahlreichen einzelnen zusammensetzt. Schon allein das ist ein hoch sympathischer Ansatz, der Humanität und Hoffnung auf hintergründige Weise verbindet.

Kunst-Biennale in Venedig

Die Kunst-Biennale in Venedig beginnt am 11. Mai und läuft bis 24. November.

www.deutscher-pavillon.org/journal

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