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Kühn (Thomas Loibl) lässt sich zu einer Kopfnuss hinreißen.

„Kühn hat zu tun“, ARD

Roman auf 90 Minuten verdichtet - das klappt nicht

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Die Bestsellerverfilmung nach Jan Weiler im Ersten ist erkennbar ambitioniert - und doch nicht vollends gelungen.

Das hätte ja gerade noch gefehlt: ein weiterer Krimitermin, mittwochs im Ersten. Es gibt, genretypisch, Morde in dem Spielfilm „Kühn hat zu tun“, die Entführung eines Kindes, Erpresserbriefe. Und doch reagierten bereits Leserinnen und Leser der literarischen Vorlage, des gleichnamigen Romans von Jan Weiler, enttäuscht – wer einen konventionellen Krimi mit den gängigen Stationen „Mord – Ermittlung – Festnahme“ erwartet, wird mit Buch und filmischer Adaption wohl nicht glücklich werden.

Martin Kühn (Thomas Loibl) ist Hauptkommissar und ein typischer Vertreter des Mittelstands. Verheiratet, zwei Kinder, Besitzer eines noch nicht abbezahlten kistenförmigen Häuschens in einer modernen, eintönigen Vorstadtsiedlung. Kühns detektivische Fähigkeiten sind außerordentlich. Er muss die Leichenschau und Spurenauswertung gar nicht erst abwarten, um zu erkennen, dass ihm der korpulente junge Mann, der seinen Großvater tot aufgefunden haben will, ein Lügengebilde auftischt. 

Regisseur Ralf Huettner nimmt den Erzählfaden mit einer gerade zu Beginn gewagten Montage auf und lässt Cutter Benjamin Kaubisch in schnellem Takt zwischen Kühns Tatortbegehung und der Einvernahme des Verdächtigen hin und her schneiden, streut obendrein Gedächtnissplitter ein, die Kühn abzulenken drohen. Im weiteren Verlauf der Geschichte nehmen diese anfallartig auftretenden Erinnerungen zu, dauern länger, werden intensiver, werfen Kühn aus der Bahn. Aus Kühns Unterbewusstsein treten Bilder eines gewalttätigen Raubüberfalls hervor, ein andermal geht es einem Lämmchen an den wollenen Kragen. Die Rückblenden bleiben kaleidoskopartige Fragmente, und es wird nie vollends deutlich, ob es sich um reale Ereignisse oder Fantasiegebilde handelt.

Die Behelligungen aus der Tiefe der Psyche wären schon belastend genug, aber Kühn sieht sich weiteren Anfechtungen ausgesetzt. Sein Auto ist dauerhaft kaputt, er muss sich den PKW des Nachbarn leihen. Im Boden der Siedlung werden giftige Stoffe gefunden, die auf eine frühere Munitionsfabrik zurückgehen. Die Gesundheit der Bewohner ist bedroht, ihre Häuschen sind nichts mehr wert. 

Die Romanvorlage ist hochkomplex

Der Sohn der Kühns schließt sich einer Gruppe von Neonazis an, die Tochter will zum Geburtstag unbedingt ein Pony. Ihr Vater bringt es einfach nicht übers Herz, ihr diesen Wunsch zu verweigern. Mitten in all den Trubel platzt die Meldung über einen neuen Leichenfund. Bis zum Auffindeort ist es nicht weit – der Tote liegt nur wenige Meter hinter Kühns Grundstück. Kühn sieht sich gezwungen, die eigenen Nachbarn zu vernehmen.

Die Romanvorlage ist hochkomplex, und sie musste auf neunzig Minuten Sendezeit verdichtet werden. Keine leichte Aufgabe, und das Ergebnis kann nicht zufriedenstellen. Kenner des Buches werden vieles vermissen, den anderen wird sich nicht jeder Handlungszweig erschließen. Drehbuchautor Volker Einrauch und Regisseur Huettner gingen durchaus ambitioniert zu Werke. 

Kühn trudelt immer weiter in Richtung Nervenzusammenbruch, die Realität droht ihn zu überfordern, ihn zu erdrücken. Wiederkehrende symbolkräftige Bilder – geborstenes Glas mit spinnwebartigen Sprüngen, wohl eine Anspielung auf die Broken-Windows-Theorie – stützen das Spiel von Hauptdarsteller Thomas Loibl. Loibl paart subtiles Mienenspiel mit einer massigen Körperlichkeit. Umso anrührender, wenn der so robust wirkende Kühn unter den permanenten Nackenschlägen des Schicksals peu á peu in sich zusammenzusinken scheint.

Es hilft nichts – letzten Endes wurde trotz aller Streichungen immer noch zu viel in die Geschichte gepackt. Vor allem in den Nebenhandlungen bleibt manches offen, wird nicht auserzählt, stiftet gar Verwirrung in negativem Sinne. Für einen solchen Stoff wäre ein Mehrteiler das angemessene Format gewesen, hätte eine umfassendere, geduldigere und damit eingehendere Erzählung ermöglicht, die in der Neunzig-Minuten-Fassung zwangsläufig sprunghaft und verzettelt wirken muss. 

Auch kommen hier die Frauen – das hätte eigentlich im Vorfeld der Produktion schon auffallen müssen – merklich zu kurz. Sie treten als Randfiguren in Erscheinung, wichtig zwar für die Handlung, und doch nur in Zuträgerfunktion. Nach all den einschlägigen öffentlichen Debatten der letzten Monate doch seltsam, dass bei diesem Thema noch immer Sensibilitätsmängel zu verzeichnen sind.

„Kühn hat zu tun“, 30.1., Das Erste, 20:15 Uhr

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