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„Wolfsland: 20 Stunden“ im Ersten: Der Geiselgangster von Görlitz

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Von: Harald Keller

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Auf der Suche nach dem Mörder spricht „Butsch“ (Götz Schubert, rechts) mit den Hausbewohnern (Florian Kleine und Dominique Chiout).
Auf der Suche nach dem Mörder spricht „Butsch“ (Götz Schubert, rechts) mit den Hausbewohnern (Florian Kleine und Dominique Chiout). © © MDR/Molina Film/Maor Weisburd

Sächsisch noir: Mit zwei neuen Filmen geht die düstere Reihe „Wolfsland“ um Kommissar Burkard Schulz und seine Partnerin Viola Delbrück in die Fortsetzung.

Frankfurt – Wie groß mag der Radius sein, den man einhalten muss, um nicht von Kommissar Burkard „Butsch“ Schulz (Götz Schubert) in irgendwelche Kalamitäten verwickelt zu werden? Am besten bleibt man wohl ganz außer Sichtweite. Seine Partnerin Viola Delbrück (Yvonne Catterfeld) wirkt gleichfalls wie ein Magnet auf Malaisen. Zu Beginn der Reihe „Wolfsland“ wurde sie von ihrem psychisch erkrankten Ex-Gatten kujoniert. Schulz zog sich später den Hass eines Jugendfreundes zu. Er wurde einer Vergewaltigung beschuldigt, des Mordes verdächtigt und erlitt schließlich eine Schussverletzung, die ihn in den Rollstuhl zwang.

Das liegt nun, aus Zuschauerwarte betrachtet, ein Jahr zurück. Mit zwei neuen Filmen wird die Reihe fortgesetzt. Schulz bezieht eine neue Wohnung, Delbrück packt beim Umzug mit an. Schulz nennt sie Kessie. Vermutlich hat er mal den Filmtitel „Butch Cassidy und Sundance Kid“ vernommen und irrtümlich aus der einen Figur zwei gemacht.

Noch stehen nicht alle Möbel an ihrem Platz, da ereignet sich gleich wieder ein Mord. Das Opfer ist Schulz’ Vermieter. Der Täter oder die Täterin klettert am Balkon hinunter und flieht durch Schulz’ Wohnung, dort prächtige Spuren hinterlassend, die jedem Kriminalisten Freudenschimmer in die Augen gezaubert hätten. Nur Schulz mosert herum, als der sanfte Kriminaltechniker Jakob Böhme (Jan Dose) seiner Arbeit nachgehen will.

„Wolfsland: 20 Stunden“ im Ersten: Schillernde Mietergemeinschaft

Die Täter- und Zeugensuche führt Schulz von Wohnung zu Wohnung. Er und die Zuschauerschaft lernen so gleich mal die neuen Hausgenossen kennen. Eine Domina, ein Gamer, ein Bodybuilder, ein Masochist. „Irrenhaus“ resümiert Schulz lakonisch und weiß noch gar nicht, wie recht er damit hat.

Auf die Kollegin Delbrück wartet eine gesonderte Heimsuchung. Ihre resolute Mutter (Petra Zieser) reist aus Hamburg an und bemüht sich gegen den Willen der Tochter, diese von ihrem Dasein im zumindest bildgestalterisch – einmal ist Christoph Chassée, im zweiten Film Philipp Kirsamer für die Fotografie verantwortlich – ziemlich trüben und menschenleeren Görlitz zu erlösen.

Der Täter ist ein verwirrter Mensch und gibt sich zu erkennen, indem er Delbrück erst niederschlägt und dann schanghaied. Der Entführer Gunnar Wendt (Lasse Myhr) ist ein vom Leben enttäuschter Mensch, der in den Polizeidienst strebte, aber abgelehnt wurde und sich jetzt mit großem Waffenarsenal und ausreichend Vorräten auf eine imaginäre Großabrechnung vorbereitet. Der Hausbesitzer war ihm auf die Schliche gekommen, damit nahm die Tragödie ihren Anfang.

„Wolfsland: 20 Stunden“ im Ersten

„Wolfsland: 20 Stunden“, Donnerstag, 22.12.2022, 20:15 Uhr, Das Erste

„Wolfsland: 20 Stunden“ im Ersten: Verfolgungsjagd in Ketten

Der Neurotiker weiß gar nicht, was er mit seiner Geisel anfangen soll, kutschiert mit ihr über Brachen und durch die Innenstadt, fuchtelt mit der Pistole, präsentiert sie gar stolz einer Gruppe von Schülern. Diese Szenen erinnern sehr an die Odyssee der Geiselgangster von Gladbeck. Der Schauspieler Lasse Myhr wurde maskenbildnerisch Hans-Jürgen Rösner angeglichen, einem der damaligen Täter.

Derweil jagt der durch altmodische Handschellen mit Staatsanwältin Anne Konzak (Christina Große) verkuppelte Schulz dem Entführer hinterher. „Flucht in Ketten“, mit umgekehrten Vorzeichen, trifft „African Queen“. Popkulturanspielungen sind etwas Schönes und schmeicheln den Kundigen, aber das Autorenteam Sönke Lars Neuwöhner und Sven S. Poser, von dem auch die Idee zur Reihe stammt, serviert seine Referenzen nicht gerade subtil.

Das gilt generell für die Anlage des gesamten Formats. Schulz ist ein auf empathischem Gebiet unterentwickeltes, affektgesteuertes ruppiges Raubein, das jeden Menschen in seiner Umgebung vor den Kopf stößt und von vornherein duzt. Was im zweiten Film des diesjährigen Zyklus mit dem Titel „Das dreckige Dutzend“ (Popkulturanspielung!) immerhin eine schöne Dialogzeile abwirft: „Waren wir nicht schon beim Sie?“, fragt die Staatsanwältin Konzak höflich. Allerdings macht ihn das im Grunde untauglich für den Polizeidienst, erst recht, als Delbrück ebenfalls im zweiten Film temporär zu seiner Chefin aufsteigt und der Bursche endgültig aus dem Ruder läuft. „Es gibt Drecksäcke und Chefdrecksäcke“, so Schulz’ Lagebeurteilung. „Sie wird jetzt ein Chefdrecksack.“

„Wolfsland: 20 Stunden“ im Ersten: Der Rüpel und die Schmerzensfrau

In Ensembleserien können Griesgrame wie Schulz ein Gewinn sein. Man denke an Detective Belker in „Polizeirevier Hill Street“ oder Andy Sipowicz in „NYPD Blue“. Solche Figuren brauchen aber einen überzeugenden erweiterten sozialen Rahmen, eine gewisse Tiefe und dürfen sich durchaus entwickeln. Die Figur „Butsch“ Schulz aber tritt auf der Stelle, bleibt gradlinig der unberechenbare und damit eigentlich dienstuntaugliche Rüpel, die Kollegin Delbrück erfüllt den Typus der psychisch angeschlagenen, wenngleich wehrhaften „Jungfrau in Nöten“.

Am Ende von „Das dreckige Dutzend“ zeichnet sich ab, dass Neuwöhner und Poser mit Schulz, Delbrück und der Staatsanwältin Konzak noch Eminentes vorhaben. Es wäre kein Schade, wenn man nicht wieder ein Jahr warten müsste, bis die Fäden weitergesponnen werden. (Harald Keller)

Die 27-jährige Schauspielerin Lotte Schubert, die Tochter des Schauspielers Götz Schubert, fordert andere Formen des Theaters. Es müsse angstfreies Arbeiten ohne Diskriminierung geben.

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