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Irrational im ZDF: Markus Lanz träumt sich Verhandlungen mit einem „Wahnsinnigen“ herbei

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In der Talk-Show mit Markus Lanz (ZDF) war Wladimir Klitschko live dazu geschaltet. Er traf Bundeskanzler Scholz in Kiev.
In der Talk-Show mit Markus Lanz (ZDF) war Wladimir Klitschko live dazu geschaltet. Er traf Bundeskanzler Scholz in Kiev. © Screenshot/ZDF

Der Ukraine-Krieg sorgt für viel Gesprächsstoff, so auch wieder bei Markus Lanz. Auch im ZDF stellt sich die Frage, wie es weiter geht.

Hamburg – Bei Markus Lanz im ZDF geht es an diesem Donnerstagabend (17. Juni) um den Besuch des Kanzlers Olaf Scholz (SPD) in Kiew und um die Frage, wie es nun weitergeht mit dem russischen Angriffskrieg in der Ukraine. Neue Antworten gibt es nicht. Der Late-Night Talk zeigt wieder einmal, wie verfahren und teilweise illusorisch in Deutschland über den Ukraine-Konflikt diskutiert wird.

Markus Lanz (ZDF): Wladimir Klitschko live aus der Ukraine dazu geschaltet

Auch am 114. Tag seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine scheint es Moderator Markus Lanz (ZDF) schwer zu fallen, mit der Realität des Krieges umzugehen. Eine Realität, die für den zu Beginn der Sendung zugeschalteten Wladimir Klitschko und die Menschen in der Ukraine bitterer Alltag geworden ist. Sichtlich gezeichnet erwidert Klitschko auf die Frage, wie der Krieg ihn und die Ukraine verändert habe: „Die Welt hat sich verändert. So eine Aggression und so ein Verbrechen, das hat die Welt seit dem Zweiten Weltkrieg nicht gesehen.“

Gäste bei Markus Lanz am 16. Juni
Wladimir KlitschkoBoxer
Manfred WeberPolitiker (EVP)
Kristina DunzJournalistin
Dr. Christian MöllingMilitärexperte

Ein Punkt, den Markus Lanz scheinbar nicht wahrhaben will. Während er nicht davor scheut, gemeinsam mit der Journalistin Kristina Dunz Putin als Wahnsinnigen darzustellen, erhofft er sich zugleich eine Lösung am Verhandlungstisch mit genau diesem. Einen Deal, bei dem die Ukraine auf Territorium verzichtet und dafür der EU beitreten kann.

„Wir haben das Ziel zu überleben“: Wladimir Klitschko berichtet bei Markus Lanz (ZDF) über Ukraine-Krieg

Klitschko kann gefragt nach einem solchen Deal und den Kriegszielen nur auf die existentielle Situation hinweisen, in der sich die Ukraine seit dem 24. Februar befindet: „Wir haben das Ziel zu überleben“, sagt er und verweist auf die Maidan-Revolution. In dieser hatte sich das ukrainische Volk gegen den Russland zugewandten Präsidenten Janukowitsch unter schweren Verlusten erhoben. Man habe sich für „ein Leben mit der EU-Familie“ entschieden.

Friedensverhandlungen könne es für ihn nur unter der Bedingung geben, dass die russischen Truppen das Territorium der Ukraine verlassen. Den Besuch von Olaf Scholz und seinen rumänischen, französischen und italienischen Amtskollegen sieht Klitschko als wichtiges Zeichen für die Welt, aber auch für Russland, dass dessen Aggression nicht akzeptiert werde. Wirklich zynisch wird es, als Markus Lanz (ZDF) fragt, wie es für Klitschko nach dem Ukraine-Krieg weitergehe. Ob er dann in die Politik oder zurück nach Hamburg wolle. „Soweit kann ich nicht denken. Wir denken nur an das eine – Frieden“, antwortet der ehemalige Boxer und Bruder des Bürgermeisters von Kiev.

Weitere TV-Kritiken zu Markus Lanz (ZDF):

Die Corona-Pandemie, der Ukraine-Krieg und die Debatte um Atomkraft erfordern klare Haltung und schnelles Handeln: Bei Markus Lanz im ZDF am 14. Juni gibt es jedoch wenig davon.

Bei Markus Lanz im ZDF am 9. Juni muss sich Peter Altmaier seiner Vergangenheit stellen. Die anderen Gäste geraten bei den Themen Ukraine-Krieg und Energiekrise eher in den Hintergrund.

Zu Gast bei Markus Lanz (ZDF): Verteidigungsexperte hält Friedensangebot sei eine Illusion

Die Diskussion mit seinen Gästen im Studio eröffnet Markus Lanz mit dem Verteidigungsexperten Dr. Christian Möllig. Der Politikwissenschaftler betont, dass in Deutschland die Situation in der Ukraine und was der Krieg für die Menschen vor Ort bedeute, nur sehr schwer nachvollziehbar sei. Genauso schwer sei es zu verstehen, dass bei der jetzigen Situation nur militärische Lösungen möglich seien. „Frieden können sie nur schließen, wenn beide Seiten meinen, dass der Waffengang nicht mehr lohnt.“

Die Vorstellung, man könne Russland in der jetzigen Situation einen Frieden anbieten, bezeichnet er als größte Illusion der deutschen Debatte. Leider schafft es Lanz (ZDF) jedoch nicht, von diesen sehr nüchternen und harten Aussagen in eine wirkliche Diskussion über das Was nun? einzuleiten.

Olaf Scholz zu Besuch in Kiev: Thema in Polit-Talk bei Markus Lanz (ZDF)

Stattdessen geht es Markus Lanz um die Kleiderordnungen und die Frage, ob der heutige Tag ein historischer sei. Die Journalistin Kristina Dunz meint, anhand der Körpersprache, das Verhältnis zwischen Scholz, Macron und Selienskyi herauslesen zu können. Substantiell ist dies wohl kaum und wirklich problematisch wird es, als Dunz meint, für geflohene Ukrainerinnen in Deutschland sprechen zu können.

Sie behauptet, dass diese für ein anderes Vorgehen als Wladimir Klitschko und die Führung in Kiew seien. Es ist eine Binse, denn natürlich wollen alle, dass der Krieg endet, doch die Frage bleibt wie. Ob der Ukraine-Besuch zu einem historischen Tag werde, hängt für Dunz davon ab, ob der Kandidatenstaus für den EU-Beitritt zügig beschlossen werden kann. „Ich sehe die Gefahr, dass dies in den kommenden Tagen zerredet wird“, sagt sie.

Markus Lanz (ZDF): Ukraine-Krieg als Hauptthema bei Talk

Manfred Weber, Vorsitzender der Konservativen Partei in Europa (EVP), hofft, dass ein solcher Beschluss bereits beim EU-Gipfel am kommenden Donnerstag (23. Juni) erfolgt. Anders als Dunz betont er, dass neben dem deutschen, französischen und italienischen Staatschefs auch der rumänische Präsident teil der Delegation war: „Dass diese Europäische Union von Ost und West zusammengehalten wird, wird mit diesem Krieg um so wichtiger.“

Den Besuch des Kanzlers in Kiew begrüßt er im ZDF: „Das letzte Mal, dass Kiew bombardiert wurde, waren es deutsche Soldaten.“ In den letzten Monaten habe Deutschland und die Bundesregierung eine zu passive Rolle eingenommen und sei seiner historischen Verantwortung nicht gerecht geworden.

Verteidigungsexperte kritisiert Waffen-Lieferungen: Aktuelle sei es nur „eine homöopathische Dosis“

Christian Möllig zeichnet bei Markus Lanz ein düsteres Bild über die derzeitige Phase des Krieges und die russische Kriegsführung: „Was sie geändert haben ist, sie schicken im Grunde genommen eine Feuerwalze, eine Vernichtungs- und Todeszone vor sich weg.“ Dies führe dazu, dass die russischen Truppen langsam aber kontinuierlich vorankommen.

Die hohen Verluste auf ukrainischer Seite erklärt er damit, dass die Streitkräfte über keine gepanzerten Fahrzeuge verfügen und die nötigen schweren Waffen fehlten, um die russische Artillerie auszuschalten. Die bisherigen Waffenlieferungen scheinen ihm „eine homöopathische Dosis gegen die massive Feuerkraft der russischen Armee“. Daher sieht er die Schlacht um den Donbass bereits als verloren und betont zugleich, dass damit der Krieg aber keinesfalls ende.

Markus Lanz (ZDF): Politiker ist der Meinung, der Ukraine-Krieg sei ein Angriff auf Europa

Manfred Weber warnt bei Markus Lanz (ZDF) vor herausfordernden ökonomischen Zeiten im Herbst und Winter. „Es ist wichtig, dass wir Deutschen verstehen, es ist nicht nur ein Krieg zwischen der Ukraine und Russland, sondern Putin testet uns alle.“ Auch Möllig sieht in dem Angriff Russlands auf die Ukraine einen Angriff auf Europa. Daher fordert er: „Es ist besser, wir liefern unsere Artilleriesysteme jetzt in die Ukraine, denn da sind sie besser eingesetzt, als wenn sie bei uns in den Baracken stehen.“

Dies wäre ein klares Signal an Moskau. An diesem Punkt der Diskussion offenbart Kristina Dunz das „grauenvolle“ Dilemma, in dem sich der Krieg befinde. Die Russen hält sie allein aufgrund der Zahl der Soldaten für überlegen. „Dagegen kann die Ukraine sich gar nicht verteidigen und deswegen muss verhandelt werden“, meint sie. Es gehe darum zu überlegen, wie sich der Prozess hin zu einem Ende des Krieges in irgendeiner Weise abkürzen lässt.

Putin wolle keine Verhandlungen: Polit-Talk bei Markus Lanz (ZDF)

Möllig sieht in dieser Argumentation jedoch einen Trugschluss. Denn Putin bekomme gerade auf dem militärischen Wege, was er will, und somit hat die Ukraine keine Verhandlungsposition. Mrkus Lanz (ZDF) ergreift die Möglichkeit, um eine Sequenz von Wladimir Putin einzuspielen, in dem er sich mit Peter dem Großen vergleicht und fragt: „Wie will man mit so einem verhandeln?“ An diesem Punkt zeigt Kristina Dunz Ehrlichkeit, denn sie räumt ein, dass es sich beim Wunsch nach Verhandlungen um eine Hoffnung, ein Wunschdenken handle.

Manfred Weber sieht einen neuen Kalten Krieg aufziehen und fordert eine europäische Verteidigungsstrategie, anstelle von nationalen Lösungen wie etwa die 100 Milliarden, die die Bundesregierung für die Bundeswehr ausgeben will. „Wir verschwenden zu viel Geld in nationale Strukturen und denken zu wenig europäisch.“ Außerdem stellt er zur Debatte, ob es ein Fehler war, dass die Ukraine 2008 nicht in die Nato aufgenommen wurde. Er fordert daher mittelfristig den Beitritt der Ukraine und auch des Nachbarlandes Moldau zum westlichen Militärbündnis.

Markus Lanz (ZDF): Viele verschiedene Meinungen zum weiteren Verlauf des Ukraine

Vor allem an den Positionen von Kristian Dunz und Christian Möllig zeigt sich bei Markus Lanz (ZDF) die Ambivalenz der Situation. Die Journalistin verkörpert den Wunsch vieler Deutsche nach einer Verhandlungslösung. Nach einem schnellen Ende des grauenhaften Krieges. Auch Markus Lanz ist dieser Wunsch und das Schaudern über die bittere und schreckliche Realität anzumerken. Dem gegenüber steht die Position von Christian Möllig, der Verhandlungen erst für möglich hält, wenn beide Seiten erkennen: Sie können nichts mehr gewinnen.

„Das ist das Horrorszenario. Das ist Erster Weltkrieg. Etwas, was kein Mensch ernsthaft wollen kann“, erwidert Lanz. Die Frage bleibt, ob es noch darum geht, was wir wollen. (Maximilian Hübner)

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