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Bei Markus Lanz (ZDF): „Putin hat das Ziel, die Ukraine zu vernichten“

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Von: Tina Waldeck

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Markus Lanz und Gäste am 23. Juni 2022.
Markus Lanz und Gäste am 23. Juni 2022. © Screenshot ZDF

TV-Talk zum Umgang des Westens mit dem Krieg in Osteuropa, zur Debatte um einen EU-Beitritt der Ukraine sowie über die Erwartungen an den EU- und den G7-Gipfel.

Berlin – Bei Markus Lanz (ZDF) diskutieren Olivia Kortas (freie Journalistin für „Die Zeit“), Jessica Berlin (Politologin), Sönke Neitzel (Professor für Militärgeschichte) und Dietmar Bartsch (Vorsitzender „DIE LINKE“) überraschend harmonisch, aber nur bedingt mit gleichen Ansichten, über kommunikative Strategien im Krieg.

Nach einer Reise in die Ukraine schrieb Olivia Kortas, dass die Menschen dort „in einer seltsamen Zwischenwelt“ festhängen, „irgendwo zwischen Krieg und Frieden.“ Denn der Wunsch nach Normalität wird immer noch von circa 100 bis 200 Menschen überlagert, die dort täglich sterben: Aber die Regierung versucht, nicht stetig nach außen signalisieren, „dass die Ukraine verlieren könnte“: Nicht Schwäche vermitteln, sondern „sich kämpferisch zeigen.“

Dem kriegerischen Ruf nach Waffen sowie militärischen Geräten steht das Zögern und Zaudern der deutschen Politik gegenüber. Olivia Kortas ist Polin, sieht sich aber selbst als deutsche Journalistin – in der Ukraine wird ganz anders reagiert, wenn sie aus deutscher Sicht die Menschen anspricht oder aus polnischer, berichtet sie bei Markus Lanz (ZDF). Über die polnische Regierung wird viel freundschaftlicher gesprochen, auch wenn die deutsche Perspektive erklärbar scheint. Die Abhängigkeit von den russischen Energielieferungen, die „Kriegsschuld“ aus dem Zweiten Weltkrieg oder dass Deutschland selbst kaum Munition hat – alle diese möglichen Gründe kennt die ukrainische Bevölkerung, aber sie helfen ihnen in der Situation nicht weiter. „Wenn die Ukraine sich auf Deutschland verlassen hätte, wäre sie längst eine russische Provinz“, fügt Sönke Neitzel hinzu.

Markus Lanz (ZDF): Linken-Chef Bartsch setzt auf Diplomatie

Dietmar Bartsch (Die Linke) sieht immer noch nicht die Lösung auf der militärischen Ebene, sondern in Diplomatie. Sollte der Ukraine-Krieg noch Jahre dauern, gibt es noch weitere „zigtausend Tote“, Vertreibung und Flucht, – „das muss man, wenn es irgend geht, verhindern.“ Warum sprechen sie in den Diskussionen so oft von Waffenlieferungen anstatt über friedliche Lösungswege? Waffen werden für ihn nicht die Antwort sein und er zitiert Helmut Schmidt: „Lieber 100 Stunden umsonst verhandeln als eine Minute schießen.“

Markus Lanz am 23. Juni 2022 im ZDFDie Gäste der Sendung
Olivia KortasFreie Journalistin
Jessica BerlinPolitologin
Sönke NeitzelProfessor für Militärgeschichte
Dietmar BartschVorsitzender „DIE LINKE“

Auch wenn die militärische Basis unterstützt wird, schließt dies das Ende der diplomatischen Ebene ja nicht aus, bringt Jessica Berlin einen weiteren Standpunkt ein. Sie sieht keine Worte mehr, die Wladimir Putin umstimmen könnten: „Putin hat das Ziel, die Ukraine zu vernichten“ und die Nation auszulöschen, — das Ziel, das Deutschland oder auch der Westen verfolgt, muss da ebenfalls klarer definiert, kommuniziert und umgesetzt werden. Wladimir Putin „reagiert nur auf Stärke“. Jedes „Zeichen von Schwäche und Verzögerung aus dem Westen sieht er als Einladung, weiterzumachen.“ Sie würde als Ziel gerne konsequent sehen, „dass die russische Armee aus der Ukraine hinausgetrieben wird.“ Die deutsche Regierung habe schon viel zu viel gesagt und zu wenig gehandelt: Die Politik hier „klopft sich auf die Schultern“, weil eine Milliarde Euro in die Ukraine überwiesen wurde: In der gleichen Zeit sind 15 Milliarden für Energie nach Russland gewandert.

Markus Lanz (ZDF): „So kommt man nicht voran“

In Kriegszeiten sollte einheitlich gehandelt und auch kommuniziert werden, führt auch Olivia Kortas auf. Wolodymyr Selensky setzt da stark auf die Medien: „Er ist ein sehr talentierter Kommunikator.“ Im Gegensatz zu den deutschen Politikern, allen voran Olaf Scholz. Dieser verkündet in den Medien Beschlüsse, über die die Verantwortlichen in der Bundeswehr nicht einmal vorher informiert werden, kritisiert Sönke Neitzel. „Es ist keine klare Führung, keine durchdachte Strategie.“ Es wird immer wieder improvisiert und alle Aktionen scheinbar nur auf Druck der öffentlichen Meinung sowie dem Druck der NATO-Partner zu geschehen.

Das Militär in Deutschland hätte gerne konkrete Pläne von der Politik, erklärt Sönke Neitzel, aber von dort kommt „ein Suchen und Stochern im Nebel“ – ein Eindruck, der auch bis in die Bevölkerung hinein prägt. „Verstehe, wer will, was dahinter ist.“ Und die EU „hat die Lösung dieses Konfliktes nach Washington ausgelagert.“ Die Vereinigten Staaten liefern die meisten Waffen. Aber auch hier sieht Sönke Neitzel gerade eine Ratlosigkeit, wie sich dieser Konflikt wieder lösen soll.

Zur Sendung

Markus Lanz, Sendung vom 23. Juni 2022 im ZDF. Die Sendung in der Mediathek.

„Es kommt zur Unzeit: Der strategische Schwerpunkt der Amerikaner ist eigentlich China.“ Und jetzt merken sie, sie müssen auch in Russland wieder den Takt vorgeben. Das, was dort investiert wird, fehlt im Pazifik und hinterlässt dort die Sorge, dass China das ausnutzen könnte, – aber Sönke Neitzel sieht die einzige Lösung darin, die Ukraine militärisch so weit aufzurüsten, dass sie als Staat überlebt. Damit für Wladimir Putin ein Zeichen gesetzt wird: Egal was kommt, „du beißt dir daran die Zähne aus.“ Also doch Waffen liefern, solange die Ukraine es benötigt? Für Deutschland wird das in der Allianz wahrscheinlich auch weiterhin bedeuten: Wenn die anderen etwas machen, „dann machen wir (halt ein bisschen) mit.“ (Tina Waldeck)

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