1. Startseite
  2. Kultur
  3. TV & Kino

Talk bei Markus Lanz: „Die Ukraine wird diesen Krieg nicht gewinnen“

Erstellt:

Von: Marc Hairapetian

Kommentare

Markus Lanz im ZDF: Der Talk vom 22. Juni.
Markus Lanz im ZDF: Der Talk vom 22. Juni. © Screenshot ZDF

Tanz der Waffen oder Diplomatie im Ukrainekrieg? Alexander Graf Lambsdorff übernimmt Rolle von Markus Lanz.

Berlin – Werden bei Markus Lanz im ZDF provokante Sprüche geklopft, um im Wortsinn im Gespräch zu bleiben? Hört man Sicherheitsexpertin Florence Gaub zu, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren. Kostprobe: „Wir dürfen nicht vergessen, auch wenn Russen europäisch aussehen, dass es keine Europäer sind, jetzt im kulturellen Sinne, einen anderen Bezug zu Gewalt haben, einen anderen Bezug zum Tod haben“, sagte sie in der Talkshow vom 12. April 2022, um weiter zu „dozieren“: „Naja, das gibt da nicht diesen liberalen, postmodernen Zugang zum Leben … Da geht man einfach anders damit um, dass da Menschen sterben.“ Für den Sender n-tv wurden damit „antislawische Klischees“ propagiert. Ex-Bundestagsabgeordneter Marco Bülow (früher SPD, jetzt Die PARTEI) nannte das gar „rassistischen Müll“.

Einen Maulkorb erhielt die Analystin vom Institut der Europäischen Union für Sicherheitsstudien bei Markus Lanz im ZDF allerdings nicht. Im Gegenteil: Am Abend des 22. Juni sitzt sie wieder in seiner Gesprächsrunde und zieht zwar keine Vergleiche mehr, denen man Rassismus unterstellen könnte, spricht aber im Zusammenhang mit dem russischen Angriffskrieg in der Ukraine von einem „Tanz der Waffen“ auf beiden Seiten. Das doch etwas pietätlose Wortspiel stößt vor allem dem konservativen Publizisten Wolfram Weimer auf. „Die Russen rücken sehr langsam vor, und es ist sehr blutig. Es ist das größte Hinschlachten einer Nation, das wir in unserem bisherigen Leben erlebt haben“, beschreibt der Verleger des „The European“ die aktuelle Kriegslage, nachdem der russische Präsident Wladimir Putin mit seinem Blitzkrieg in der Ukraine gescheitert sei und nun seine Kräfte im Osten des Landes konzentriere. Von einem verharmlosenden „Tanz der Waffen“ zu reden, nennt er deshalb „unangebracht“: „Für mich ist das kein Tanz! Da sterben jeden Tag Menschen!“

Markus Lanz (ZDF): Mit Putin telefonieren ist „nicht verkehrt“

Sein bisheriges Fazit ist allerdings nicht weniger provokant: „Die Ukraine wird diesen Krieg nicht gewinnen. Deshalb bin ich sehr dafür, möglichst schnell Waffenstillstandsverhandlungen zu führen und nicht weiter darauf zu hoffen, man könnte diesen Krieg irgendwie gewinnen oder als läge in der Streckung des Krieges für uns ein Vorteil.“ Ein Ende des Krieges werde auch bedeuten, dass nicht mehr „300 bis 500 junge Menschen täglich geopfert“ würden. Deshalb müsse man jetzt die diplomatische Karte ziehen. „Das würde ich mir von der Bundesregierung wünschen, die den Kanal nach Moskau immer offen gehalten hat.“ Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) würde doch häufiger mit Wladimir Putin telefonieren. Ein Umstand, den auch Moderator Markus Lanz „keinesfalls verkehrt“ findet.

Dies wiederum bringt Florence Gaub auf die Palme. Wolfram Weimer habe vermehrt von „wir“ gesprochen. „Wir machen gar nichts!“, weist sie ihn zurecht. Deutschland würde ja nicht in der Ukraine gegen Russland kämpfen: „Die Ukrainer brauchen keine Truppen, die haben sie. Das sind nicht wir. Und wir sind auch nicht die, die sie ermutigen, weiterzukämpfen. Es ist ihre eigene Entscheidung.“ Ihrer Ansicht nach würde Russland auch nicht stetig vorrücken: „Die Front verschiebt sich vor und zurück.“ Zwar sei die russische Armee in der Offensive. Um selbst zu attackieren, fehle es der Ukraine an Artillerie, zudem sie auch nicht den Luftraum dominiere: „Aber jetzt zu sagen, die Ukraine könne den Krieg nicht gewinnen, finde ich zynisch“, watscht sie Weimar ab. Waffenstillstandsverhandlungen sieht sie kritisch, denn „Putin ist noch nicht an dem Punkt angelangt, wo er einen Deal will.“ 

Markus Lanz (ZDF): Warten auf den „Henry-Kissinger-Moment“

Man bräuchte auch nicht den von Wolfram Weimar zitierten „Henry-Kissinger-Moment“ mit Verhandlungen in verfahreneren Kriegssituationen: „Henry Kissinger ist ein alter Name“, so Florence Gaub nicht gerade respektvoll, „Er ist kein Großmeister der Diplomatie. Er sagt viel Zeug.“ Vehement verteidigt daraufhin Wolfram Weimar den mittlerweile 99-jährigen Ex-Nationalen-Sicherheitsberater (1969 - 1973) und ehemaligen Außenminister (1973 - 1977) der Vereinigten Staaten, dem Großteile seiner Familie durch die Nazis zum Opfer fielen und der freiwillig in den Ardennen gegen Hitler kämpfte: „Er beendete den Vietnamkrieg, ist Friedensnobelpreisträger und stand immer auf der richtigen Seite der Menschenrechte.“ Auch der Verfasser dieser Zeilen kann bestätigen, dass der immer noch von wacher Intelligenz geleitete gebürtige Fürther nicht einfach „viel Zeug“ redet. Ohne Termin stellt er sich bei einer zufälligen Begegnung im Jahr 2008 im Hotel Adlon Kempinski Berlin meinen Fragen zum Vietnamkrieg und räumte sogar Fehler ein, die er im Dienst seines Landes „vermutlich wieder so machen würde“.

Der gar nicht diplomatisch zurückhaltende Diplomat und FDP-Fraktionsvize Alexander Graf Lambsdorff geht mit Wolfram Weimer ebenfalls nicht d’accord. Die Ukraine habe nämlich ihr wichtigstes Kriegsziel schon erreicht: Die Verteidigung ihrer staatliche Existenz. Deshalb sei es an ihr, wann sie Russland Friedensverhandlungen anböte! Aufgrund der „Verstocktheit auf der anderen Seite“ sei dies aber nicht möglich. Nachdem die Talkshow eine Stunde sachlich-langweilig zu einem anderen durchaus wichtigen Thema - der durch den russischen Ukraine-Krieg drohenden Energieknappheit hierzulande samt „Notfallplan Gas“ der Bundesregierung, wobei die im weiteren Verlauf Sendepause habende Energieökonomin Claudia Kemfert den Alarmismus von Alexander Graf Lambsdorff („Wir haben eine enorme Versorgungsproblematik!“) versucht, zu widerlegen - vor sich hin plätschert, befinden „wir“ uns jetzt endlich in einer lebendigen und kontrovers geführten Fernsehdiskussion!

Markus Lanz (ZDF): „Wir liefern ihnen Waffen, wir geben ihnen Geld“

Wenn Wolfram Weimar von „wir“ spräche, meine er nämlich die Alliierten: „Wir liefern ihnen Waffen, wir geben ihnen Geld, wir organisieren einen Staatenbund. Sollen wir damit aufhören?“, fragt Alexander Graf Lambsdorff den Journalisten und übernimmt damit die Rolle von Markus Lanz, der an diesem Abend erstaunlich zurückhaltend und weniger bissig wirkt. Wolfram Weimer antwortet, im Stil eines Spitzenpolitikers nicht direkt, fordert aber, Deutschland solle den italienischen Vorschlag unterstützen, gemeinsam mit der Türkei in einen Verhandlungsmodus einzutreten. Die bisherigen Bemühungen der Türkei zu Friedensverhandlungen seien zwar löblich gewesen, hätten aber nichts gebracht, kontert Alexander Graff Lambsdorff, der selbst Gründungsmitglied der Deutsch-Türkischen Stiftung (DTS) in Hamburg und der Atlantischen Initiative, eines Mitgliedsvereins des Verbands der Deutsch-Amerikanischen Clubs (VDAC), ist.

Markus Lanz im ZDFDie Gäste der Sendung vom 21. Juni 2022
Florence GaubSicherheitsexpertin
Claudia KemfertEnergieökonomin
Alexander Graf LambsdorffFDP-Fraktionsvize
Wolfram WeimerPublizist

Die deutsch-französische Politikwissenschaftlerin Florence Gaub zeigt sich dann überraschend einfühlsam, indem sie „die ethischen Probleme Wolfram Weimers nachvollziehen kann“, betont aber gleichzeitig, dass für die Ukraine Souveränität und Nationalität auf dem Prüfstand steht: „Wenn die Ukrainer dafür sterben wollen, ist es nicht an uns zu sagen: Ich bin nicht mehr dein Alliierter.“ Dann macht sie der Ukraine und ihren weltweiten Sympathisanten Hoffnung: „Die Ukrainer haben die bessere Motivation, aber sie haben nicht die gleichen Waffen und das gleiche Material. Aber Putin hat ein Problem mit seinen Truppen.“

Die Sterberate in der russischen Armee, in der vorrangig junge Männer aus der Provinz rekrutiert würden und nur eine fünftägige Ausbildung erhielten, wäre extrem hoch: Deshalb könne man - und wieder zieht sie einen etwas merkwürdigen Vergleich „mit zwei Fußballmannschaften“ - nicht sagen, wer der Stärkere sei: „Es ist zu früh, zu sagen, die Ukraine habe den Krieg verloren.“ Drei Minuten zu früh, was selten genug geschieht, beendet Markus Lanz diesmal auch seine Sendung, dabei hätten „wir“ gern noch länger dem Schlagabtausch zwischen Florence Gaub, Wolfram Weimar und Alexander Graff Lambsdorff beigewohnt. (Marc Hairapetian)

Auch interessant

Kommentare