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Markus Lanz im ZDF: Monologe der allwissenden alten Herren

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Von: Michael Meyns

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Talkrunde zur Haltung der Linkspartei zu Russland und der NATO, zu den geostrategischen sowie völker- und menschenrechtlichen Folgen des Überfalls Russlands auf die Ukraine.

Berlin – Sehr, sehr viel könnte man zum Verhältnis von Deutschland und Russland sagen, zwei Länder, die im Laufe ihrer Geschichte Kriege geführt haben, sich annäherten und momentan wieder um eine Haltung zueinander ringen. Doch ob das deutsch-russische-Verhältnis über das Level des Kalten Krieges hinausgewachsen ist, daran konnte man in der Sendung von Markus Lanz zweifeln.

Zwei alte (und, ja, auch weiße) Männer hatte Markus Lanz im ZDF eingeladen. Der eine, Gerhart Baum, ehemaliger Bundesinnenminister der FDP, ist inzwischen 89 Jahre alt und hat selbst russische Vorfahren: Seine Mutter wurde in Moskau geboren. Auf die NATO wollte Baum nichts kommen lassen, Kriege, die das westliche Verteidigungsbündnis geführt hat – vom Kosovo, über Afghanistan bis zum Irak – wollte Baum keineswegs als vergleichbar zum Angriff Russlands auf die Ukraine verstanden wissen.

TV-Talk mit Markus Lanz vom 30. Juni 2022.
TV-Talk mit Markus Lanz vom 30. Juni 2022. © Screenshot ZDF

Pauschale Kritik an Janine Wissler bei Markus Lanz

Auch der andere alte Mann der Runde, der 74 Jahre alte Historiker Prof. Karl Schlögel blies ins selbe Horn. Schlögel, der zahlreiche Bücher über Osteuropa veröffentlicht hat, 2015, also unmittelbar nach der russischen Annektion der Krim, „Showdown in Kiew“, versuchte bei Markus Lanz im ZDF immer wieder einen großen, historischen Bogen zu schlagen, die Kriege von heute mit denen von gestern zu verbinden.

Besonders Janine Wissler, die am Wochenende wiedergewählte Co-Vorsitzende der Linken, musste sich herbe und oft auch pauschale Kritik anhören. „Jeder Krieg hat eine Vorgeschichte“, sagte Wissler und bedauerte, dass sich nach dem Ende der Blockkonfrontation, der Auflösung des Warschauer Paktes, nicht auch die NATO aufgelöst hat und eine neue europäische Friedensordnung entstand. „Nichts rechtfertigt den Angriff von Russland“. Dennoch bleibt festzuhalten, so Wissler, dass Fehler gemacht wurden, die zur gegenwärtigen Situation geführt haben.

„Markus Lanz“ vom 30. Juni 2022 im ZDFDie Gäste der Sendung
Janine WisslerPolitikerin
Gerhart Baum,Politiker
Marina KormbakiJournalistin
Prof. Karl SchlögelHistoriker

All das wollten Wisslers Gegenüber nicht gelten lassen, ganz besonders dem Anspruch, eine Antikriegspartei zu sein, konnte Schlögel nichts abgewinnen. Wenn es gegen jemanden wie Putin gehe, wenn die seit Jahrzehnten geltenden Regeln der globalen Ordnung weggewischt werden, ist kein Platz für Frieden und Diplomatie, so Schlögel. Wären die Bilder von Markus Lanz Sendung nicht farbig, hätte man angesichts der Aussagen von Baum und Schlögel glatt den Eindruck gewinnen können, man befände sich in seligen Kalter-Krieg-Zeiten beim Frühschoppen in der ARD.

Markus Lanz: Reflexhafte Totschlagfragen

Frauen waren damals fast nie zu Gast, immerhin das hat sich 2022 geändert. Neben Wissler war die Journalistin Marina Kormbaki bei Markus Lanz Sendung im ZDF zu Gast. Die Politikexpertin, die bald von „The Pioneer“ zum „Spiegel“ wechseln wird, beteiligte sich immer wieder am konzertierten Angriff der Männerfront auf Janine Wissler. Als allein für eine diplomatische Lösung argumentierende, machte Wissler eine oft unglückliche Figur, was allerdings auch am Unwillen ihrer Gegner lag, von ihren festgefahrenen Positionen abzurücken.

Allein die Möglichkeit, dass der Ukraine-Krieg nicht ausschließlich mit Waffen beendet werden kann, schien in der Weltsicht der alten Herrschaften (inklusive Lanz) eine vollkommen absurde Vorstellung zu sein. Die Erinnerung an den Kalten Krieg, die oft bis ins Pathologische gesteigerte Angst vor Russland, vor der „roten Gefahr“ sitzt offenbar tief. Ging es bei Markus Lanz im ZDF um die Frage einer diplomatischen Lösung, war die reflexhafte Totschlagfrage sofort: „Mit wem sollte man denn reden?“ Mit so einer Einstellung ist ein Ende des Krieges natürlich nur durch einen militärischen Sieg vorstellbar.

Zur Sendung

„Markus Lanz“ vom 30. Juni 2022 im ZDF. Die ganze Folge in der Mediathek.

Zunehmend wurde so aus einer Diskussion zwischen fünf Personen ein doppelter Monolog der allwissenden alten Herren. Die zwar gerne bemängelten, dass in Deutschland zu viel über als mit der Ukraine geredet wird, selbst aber keinerlei Probleme damit hatten, die Welt und ihre Probleme zu erklären. „Was verstehen wir mit Blick auf Russland nicht?“, fragte Markus Lanz in seiner ZDF-Sendung Karl Schlögel. „Tja, ich glaube auch Russland versteht selbst nicht, was gerade passiert“, vermutete der Althistoriker, was ganz gut den Tonfall der Sendung traf.

Wenig Konkretes oder gar überraschendes wurde gesagt, dafür bekannte Denkmuster variiert und vor allem ungläubig darüber gestaunt, was denn da gerade passiert. Ein wenig weiter könnte man nach vier Monaten Ukraine-Krieg inzwischen zwar sein, doch bei Markus Lanz war man noch nicht so weit. (Michael Meyns)

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