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Maischberger (ARD): Röttgen will nicht Putin, sondern „den Krieg besiegen“

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Von: Teresa Schomburg

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TV-Talk mit Sandra Maischberger im Ersten.
TV-Talk mit Sandra Maischberger im Ersten. © Screenshot ARD

Die ukrainische Armee meldet militärische Erfolge. Besteht noch eine Chance auf Frieden? Darüber wird in der ARD diskutiert.

Berlin – Gibt es endlich Friedensverhandlungen in der Ukraine, sodass wir auch in Deutschland bald wieder unbesorgt den Gashahn aufdrehen können? Oder wird es mit neuen Waffenlieferungen erst richtig ungemütlich, weil wir nun womöglich als Kriegspartei gelten? Und was ist der richtige Weg? Die Situation scheint ebenso verfahren wie der Versuch, aus dieser Gemengelage eine sinnvolle Diskussion zustande zu bringen. Moderatorin Sandra Maischberger versucht es an diesem Abend in der ARD dennoch, indem sie mit CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen und der Linken-Fraktionsvorsitzenden Amira Mohamed Ali zwei Zündstoff verheißende Kontrahenten in den Debattierring schickt. 

Maischberger (ARD): Kommentatoren sehen keine Basis für Friedensverhandlungen

Doch so recht scheint Maischberger selbst nicht an ihr Konzept zu glauben, denn immer wieder schweift sie mit dem Fokus ab, versucht sich mal an Parallelen zwischen den Sanktionen gegen Russland und denen langjährigen gegen den in Iran und nimmt der Diskussion einigen Wind aus den Segeln, indem sie wichtige Punkte schon von ihren drei Kommentator-Gästen vorwegnehmen lässt.

ZEIT-Journalistin Mariam Lau sieht aktuell „keine Grundlage“ für Friedensverhandlungen. „Stern“-Chefredakteur Gregor Peter Schmitz meint, nur die USA wären in der Lage, die Basis für Verhandlungen zu schaffen. Und der Kabarettist Urban Priol sorgt neben bissigen Kommentaren zwischendurch für erleichternde Lacher mit Wortspielen über Marder als Panzer oder Tiere oder Viktor Orbán als „Gulasch-Putin aus Ungarn“. Wirklich bewegend wird das Gespräch aber nur an einem völlig unerwarteten Punkt.

Mariam Lau, deren Familie selbst aus dem Iran stammt, räumt ein, dass die Sanktionen im Fall des Iran zumindest innenpolitisch wenig geholfen hätten. Und weist darauf hin, woher die eigentliche Kraft kommt, die für Veränderung sorgen könnte: 13- und 14-jährige Mädchen, die unverschleiert dem Diktator drohen. Kinder also, die todesmutig für ihre Zukunft kämpfen. Doch das kann und darf kein Beispiel oder Vorbild für Russland und die Ukraine sein, weshalb dieser so wichtige Punkt an diesem Abend in der ARD leider im Sande verlaufen muss. Bleibt zu hoffen, dass ihm an anderer Stelle eine eigene Diskussion gewidmet wird.

Norbert Röttgen und Amira Mohamed Ali werfen einander Träumereien und Illusionen vor

Die Debatte bei Maischberger nimmt Fahrt auf, als sich schließlich Norbert Röttgen und Amira Mohammed Ali gegenüber sitzen. Er gibt mit sonorer Stimme den Staatsmann, der immer wieder versucht, seiner Kontrahentin „Träumerei“ vorzuwerfen. Sie wirkt gehetzt, spricht so schnell, dass manchmal die Worte durcheinander purzeln, lässt sich aber auch nicht von den abwertenden Kommentaren beirren. Die Sympathien im Publikum scheinen verteilt, beide ernten immer wieder Applaus. 

Maischberger (ARD)Die Gäste der Sendung vom 5. Oktober 2022
Amira Mohamed AliFraktionsvorsitzende der Linken
Norbert RöttgenCDU-Außenpolitiker
Gerhart Baum von der FDPEhemaliger FDP-Innenminister
Urban PriolKabarettist
Gregor Peter SchmitzChefredakteur des Stern
Mariam LauJournalistin der ZEIT

„Putin ist jetzt wirklich unter Druck, er muss seine eigene Macht verteidigen,“ meint Norbert Röttgen. Verhandlungen hält er für unrealistisch, „weil Putin den Krieg will“. Amira Mohamed Ali argumentiert dagegen, es sei „eine Illusion, dass man Russland auf militärischem Weg besiegen kann“. Beide werfen sich also gegenseitig vor, die jeweils andere Position entbehre einer faktenbasierten Grundlage und stütze sich nur auf Wunschgebilde. Während Norbert Röttgen es für ausgeschlossen erklärt, dass Putin auch zu Atomwaffen greifen könnte, meint Amira Mohamed Ali: „Das kann man nicht ausschließen“. Während die Linken-Politikerin dem gebetsmühlenartig wiederholten Satz nicht traut, dass Verhandlungen mit Putin keinen Sinn machen, spricht der CDU-Mann davon, dass „Der Krieg besiegt werden muss“.

Einig sind sich beide allerdings darin, dass niemand ein aktives Eingreifen der NATO und damit einen Dritten Weltkrieg möchte. Ein sehr kleiner gemeinsamer Nenner, der beunruhigend wenig Aufschluss darüber gibt, was uns und vor allem die Ukraine nun eigentlich erwarten könnte im Winter.

Maischberger (ARD): Der 90-jährige FDP-Mann Gerhard Baum will Putin anklagen

Zum Schluss, vielleicht auch zur Aufmunterung, hat Sandra Maischger noch Gerhard Baum mitgebracht, von 1978 bis 1982 Innenminister, der Ende des Monats seinen 90. Geburtstag feiert. Ein Mensch, der den Zweiten Weltkrieg noch miterlebt und so am eigenen Leib erfahren hat, wie es ausgehen kann, wein ein brutales Unrechtsregime wütet. „Danach habe ich 70 Jahre Frieden und Freiheit erlebt“, sagt Baum, und es klingt nach einem Abschied von dieser Zeit. Ideen und Erfahrungen hat der FDP-Mann eine Menge im Gepäck. Allerdings gelingt es Maischberger auch hier nicht, diese zu einer starken Erzählung zu bündeln, stattdessen sprechen die beiden im Minutentakt über eine neue Weltordnung, die es nun mithilfe von Staaten wie China, Indien und Brasilien wieder aufzubauen gilt. Darüber, dass Putin nicht mit Russland gleichzusetzen sei und über Menschenrechtskämpfe im Iran und in Myanmar.

Spannend könnte es werden, als Maischberger Baum auffordert, von seinem aktuell besonders aufsehenerregenden Projekt zu berichten: Er will Putin vor Gericht bringen, sich auf das Völkerstrafrecht berufend. Doch Baum gibt selbst bescheiden zu: „Das wird schwierig“. Verurteilen könne man den russischen Machthaber von Deutschland aus ohnehin nicht. Aber es ist immerhin nicht mehr und nicht weniger als ein starkes Zeichen, das sich auch auf andere Kandidaten ausdehnen ließe: „Wir können hier Täter anklagen, die irgendwo auf der Welt gegen ihre eigenen Landsleute Kriegsverbrechen begehen.“ Weiter wird darauf aber nicht eingegangen, und so klingt die insgesamt wenig fruchtbare ARD-Sendung immerhin versöhnlich aus, mit Glückwünschen an eine faszinierende Persönlichkeit. (Teresa Schomburg)

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