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Arte hat seltene Tonbandgespräche des verstorbenen Regisseurs Stanley Kubrick filmisch umsetzen lassen. Herausgekommen ist die Dokumentation „Kubrick erzählt Kubrick“. 

TV-Kritik

„Kubrick erzählt Kubrick“ - Der Mann, der Raumschiffe Walzer tanzen ließ

Herausforderung gemeistert: Arte hat seltene Tonbandgespräche des verstorbenen Regisseurs Stanley Kubrick filmisch umsetzen lassen. Herausgekommen ist die Dokumentation „Kubrick erzählt Kubrick“. 

  • Arte zeigt eine Dokumentation über den Regisseur Stanley Kubrick
  • Seltene Tonbandgespräche des verstorbenen Regisseurs wurden filmisch umgesetzt
  • Kubrick ist bekannt für seine Filme wie „Shining“ und „Full Metal Jacket“

Zwischen 1951 und 1999 realisierte Stanley Kubrick drei Dokumentar- und dreizehn Spielfilme. Ein vergleichsweise kleines Œuvre, aber eines mit anhaltender Wirkung. Für die Reihenfilme des heutigen Filmgeschäfts wäre Kubrick nicht zu haben gewesen. Er wiederholte sich nie, erprobte mit Ausnahme des Western alle Genres des westlichen Kinos und lieferte jedes Mal eine Filmarbeit, die neue Maßstäbe setzte. Kubrick weitete die Möglichkeiten der Genreerzählung, und er etablierte neue Techniken wie die Steadicam-Aufnahme. Er ließ Raumschiffmodelle Walzer tanzen und initiierte die Verwendung lichtstarker Objektive, die, so im Film „Barry Lyndon“, einen Dreh nur bei Kerzenlicht ermöglichten. In einer Zeit, in der Computer noch die verwegenste Bildidee möglich machen, mag man darüber lächeln. Zu Kubricks Lebzeiten waren Publikum wie Kritiker beeindruckt. Aber auch heute noch ist eine sorgfältige Ausleuchtung, die Kubrick immer ein Anliegen war, keineswegs selbstverständlich. Man betrachte die Netflix-Serie „The Witcher“ mit ihrer auffallend nachlässigen Lichtsetzung.

Regisseur Stanley Kubrick: Lehrjahre auf New Yorks Straßen

Begonnen hatte Kubrick seine berufliche Laufbahn als Fotoreporter. Er fotografierte bevorzugt auf der Straße mit natürlichem Licht. Diese Herkunft hatte entscheidenden Einfluss auf seine Filme. Die Bildkomposition war ihm wichtig. Nicht selten griff Kubrick selbst zur Kamera. Gegenüber seinem Interviewer Michel Ciment erklärte er einmal: „Wie soll man einen Film drehen, wenn man keine Ahnung von Fotografie hat?“ Ein Satz, der in jeder Filmakademie gleich am Eingang in Stein gemeißelt werden sollte. Kubrick war gebürtiger New Yorker, erregte mit seinen ersten, unabhängig produzierten Filmen große Aufmerksamkeit, kehrte aber nach ersten Erfolgen dem Hollywood-Betrieb den Rücken und ließ sich in der Nähe von London nieder. Dort kaufte er ein luxuriöses Anwesen mit eigenen Studio- und Schnittkapazitäten. Gleich wo seine Filme spielten, ob wie „Shining“ in den Bergen Colorados oder wie „Full Metal Jacket“ in Vietnam – gedreht wurden sie, in einigen Fällen um Landschaftsaufnahmen eines Assistenzteams ergänzt, in England.

Dokumentation über Stanley Kubrick: Vom Meister geduldet

Dort lebte Kubrick mit seiner deutschstämmigen Ehefrau Christiane, geborene Harlan, und ihren Kindern sehr zurückgezogen. Es gibt keine Mitwirkung in den populären Talkshows des US-amerikanischen oder britischen Fernsehens, mit denen sich filmische Hagiographien füllen ließen. Kubrick misstraute solchen Auftritten, die den Protagonisten vorab festgelegte heitere Anekdoten und publikumswirksame Aperçus abverlangen, aber selten Raum für vertiefende Gespräche lassen. Obendrein hielt er es für müßig, Interpretationen der eigenen Filme abzugeben. Umso wertvoller sind die Tonbandaufzeichnungen des französischen Filmjournalisten Michel Ciment, der als einer der wenigen Kubrick häufiger und jeweils über einen längeren Zeitraum interviewen durfte, nachdem der Regisseur eine ihm wohlgefällige Filmanalyse Ciments gelesen hatte. Offenbar behielt Kubrick bei diesen Begegnungen das Heft in der Hand. Ciment beschreibt die Situation folgendermaßen: „Ich wurde für ein solch ein Gespräch toleriert. Oder vorübergehend geduldet.“ Das nicht nur an dieser Stelle holprige Deutsch verdankt sich der deutschen Synchronisation. Der originalsprachliche Text ist leider nicht zu verstehen. Ciments Landsmann Gregory Monro, ein Schauspieler und Dokumentarfilmer mit dem Themenschwerpunkt Kino, hat mit „Kubrick erzählt Kubrick“, eine rumpelige Übersetzung des Originaltitels „Kubrick par Kubrick“ beziehungsweise „Kubrick by Kubrick“, auf Basis dieses Materials einen originellen Film erstellt. Er stand vor der Herausforderung, bildliche Lösungen zu finden für Ciments Tonbandmitschnitte. Gleich zu Beginn macht Monro die Mittelbarkeit seiner Illustrationen deutlich. Ein Super-8-Projektor wird angeworfen. Auf der Leinwand erscheint eine frühe monochrome Wochenschauaufnahme, die Kubrick nebst Begleiterin beim Eintreffen zu einer Filmpremiere zeigt. Hier fügt sich noch alles, wie man es von populären Hollywood-Vertretern kennt. Bildjournalisten sind vor Ort, Kinobegeisterte und Autogrammjäger säumen den Weg. Ein Schnitt, die Aufnahme eines älteren Farbfernsehers. Im Bild eine Nachrichtensprecherin der britischen Rundfunkanstalt BBC, die den unerwarteten Tod Kubricks vermeldet.

Dokumentation auf Arte „Kubrick ezählt Kubrick“:Wie einst François Truffaut

Die Zeit zwischen diesen beiden Ereignissen füllt Monro mit Archivmaterial, vor allem Fotos von Dreharbeiten, Expertenaussagen und Zeitzeugenberichten, teils auch mit privaten Aufnahmen der Kubricks. Ergänzend gibt es Inszenierungen, in denen Monro berühmte Motive aus Kubricks Filmen aufgreift, vor allem die abschließende surreale Wiedergeburtssequenz aus „2001 – Odyssee im Weltraum“. All dem ist aber Kubricks Stimme unterlegt, in der deutschen Fassung gesprochen von Jörg Hartmann, dem größeren Publikum unter anderem bekannt als Hauptkommissar Faber aus den WDR-Beiträgen zur „Tatort“-Reihe und der Serie „Weissensee“. Der Austausch zwischen dem Interviewer Ciment und Kubrick erinnert in seiner Tiefe und Bedeutsamkeit an die Gespräche, die François Truffaut mit seinem Idol Alfred Hitchcock führte. Wie Truffaut, hat auch Ciment seine filmhistorisch wertvolle Ausbeute in einem Buch veröffentlicht. Es heißt schlicht „Kubrick“ und ist in in mehreren Auflagen in französischer und englischer Sprache erschienen. Arte rahmt die Ausstrahlung dieses ungewöhnlichen Porträts, einer Art attraktiv bebilderter Podcast, mit Kubricks epischer Thackeray-Verfilmung „Barry Lyndon“ (20:15 Uhr) mit Ryan O’Neal, Marisa Berenson und Hardy Krüger sowie dem Konzertmitschnitt „Stanley Kubricks Filmmusik im Konzertsaal: Barry Lyndon Tribute“ (0:15 Uhr).

von Harald Keller

Zur Sendung: „Kubruck erzählt Kubrick“ auf Arte

Sendetermin „Kubrick erzählt Kubrick“, Sonntag, 12.4., 23:10 Uhr, Arte

Die Sendung in der Arte-Mediathek

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