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Alex Schwarz (Felix Klare) saß unschuldig für den Mord an seiner Frau im Gefängnis

TV-Kritik: „Unschuldig“

Krimidrama in der ARD: Keiner kommt hier unbeschädigt raus

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Das Erste (ARD) zeigt mit „Unschuldig“ ein anspruchsvolles, erstklassig besetztes Krimidrama nach britischem Vorbild.

In jüngster Zeit überrascht Das Erste mit neuen Nuancen in seiner Produktionspolitik. Mit „Bonusfamilie“ wurde eine moderne schwedische Familienserie nahezu originalgetreu adaptiert und auf dem sonst neunzigminütigen TV-Filmen vorbehaltenen Mittwochabend ausgestrahlt. Jetzt folgt mit „Unschuldig“ die deutsche Version eines britischen Vierteilers. 

Derartige Remakes sind nicht ehrenrührig – sofern die Originalurheberschaft ausgewiesen wird – und in der Branche üblich. Selbst die in Sachen Serienproduktion quantitativ führenden Programmanbieter in den USA folgen dieser Praxis und importieren eifrig Formate beispielsweise aus Israel, Spanien, Skandinavien, Lateinamerika. 

Traditionell sind britische Serien und Mehrteiler in besonderem Maße vertreten: „Queer as Folk“, „Cracker“, „Skins“, „Prime Suspect“, „Widows“, „The Office“, natürlich „House of Cards“. Auch das vielfach preisgekrönte und bis heute Maßstäbe setzende Krimidrama „Broadchurch“ wurde für den US-Markt neu verfilmt. „Unschuldig“ fällt von der Tonalität her in die gleiche Sparte. Der Originaltitel lautet „Innocent“, die Drehbücher stammen von Matthew Arlidge und Chris Lang. Regie führte Richard Clark. Die deutschsprachige Überarbeitung übernahm Florian Oeller und blieb der Vorlage, von einigen nötigen Anpassungen beispielsweise im Bereich des Rechtssystems abgesehen, wohlweislich treu.

ARD-Krimi „Unschuldig“: Ein Mordfall wird neu aufgerollt

Der Architekt Alex Schwarz (Felix Klare) wurde des Mordes an seiner Ehefrau Dana beschuldigt und verbrachte sieben Jahre im Gefängnis. Im Zuge eines Berufungsverfahrens erlangt er die Freiheit. Doch weiterhin existieren Indizien, die ihn mit der Tat in Verbindung bringen. Das stärkste Beweisstück: auf seinem Mantel fanden sich Blutspuren, die damals Dana zugeordnet wurden. Die Polizei ist gezwungen, den Fall wiederaufzunehmen. Um Voreingenommenheit auszuschließen, wird an Stelle des früheren Ermittlungsleiters Jan Menhart (Steven Scharf) nun Kriminaloberkommissarin Katrin Jahnke (Britta Hammelstein) mit dem Fall betraut. 

ARD-Krimi „Unschuldig“: Mord mit einer Portion Familiendrama

Eine nicht ganz unproblematische Konstellation, denn Menhart und Jahnke sind liiert. Inzwischen bemüht sich Alex Schwarz mit Hilfe seines Bruders Daniel (Sascha Alexander Geršak), der all die Jahre um seine Freilassung gekämpft hat, in ein bürgerliches Leben zurückzufinden. Vor allem möchte er seine beiden Kinder Lasse (Yuri Völsch) und Lena (Ruby M. Lichtenberg) wieder zu sich nehmen. Lena ist zwölf Jahre alt und hat kaum Erinnerungen an den Vater, auch Lasse ist ihm entfremdet. Beide leben bei der Schwester (Anna Loos) und dem Schwager (Godehard Giese) der Ermordeten. Die sind weiterhin von Alex’ Schuld überzeugt und haben die Kinder, die sie längst als ihre eigenen ansehen, entsprechend beeinflusst.

„Tatort“-Ermittler im ARD-Krimi „Unschuldig“ in anderem Licht

Katrin Jahnke wird ihrem Auftrag gerecht und rollt mit ihrem Team den Mord an Dana Schwarz noch einmal neu auf. Anfangs mit dem Ziel, Alex Schwarz endgültig und gerichtsfest als Mörder zu entlarven. Aber bald kommen ihr erste Zweifel, die Indizienkette wird löcherig. Das Verbrechen als solches, dann auch die neuen Ermittlungen und Erkenntnisse wirken sich massiv auf alle Beteiligten aus, belasten familiäre und berufliche Beziehungen. Freundschaften zerbrechen, Partnerschaften werden zerrüttet. Die dramatischen Auswirkungen verästeln sich bis hin zu ursprünglich unbeteiligten Randfiguren. 

„Der König von Köln“: Karneval, Kölsch und Korruption

Krimi „Unschuldig“ in der ARD: Überzeugt auch durch die Bilder

„Unschuldig“ ist eine epische Serie in bestem Sinne. Die Suche nach dem Täter bildet nur eine Ebene der Erzählung, die weit über das klassische Krimimuster hinausreicht, Elemente eines Trauerspiels umfasst. Der deutsche Regisseur Nicolai Rohde findet dafür von der Vorlage abweichende, überzeugende Bilder. Die dunkel getönte, exzellente Innenausleuchtung von Kameramann Felix Novo de Oliveira weckt den Eindruck, als sei mit vorhandenem Licht gearbeitet worden. Die trübe Nachsaisonstimmung an der norddeutschen Küste – gedreht wurde in Eckernförde und Hamburg – und die außerordentlichen Schauspielerleistungen unterstützen dieses Regiekonzept. 

Das Erste sendet „Unschuldig“, in der deutschen Version eigentlich als Zweiteiler verfasst, als dreistündigen Fernsehfilm ab 20:15 Uhr am Samstagabend. Eine mutige Programmentscheidung, nicht nur wegen der Länge dieses Films, sondern vor allem wegen seiner thematischen Tiefe. Spannend auch: Mit Almila Bagriacik, Lisa Bitter und Felix Klare sind drei Schauspieler im Ensemble vertreten, die dem Publikum als Ermittler der „Tatort“-Reihe vertraut sind, sich hier aber, das gilt besonders für Klare, von anderen Seiten zeigen können.

Zur Sendung

„Unschuldig“, Samstag, 7.12., 20:15 Uhr, Das Erste

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