Philosophin Svenja Flaßpöhler fodert im Ukraine-Krieg „Waffenstillstand jetzt“.
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Philosophin Svenja Flaßpöhler fordert im Ukraine-Krieg „Waffenstillstand jetzt“.

TV-Kritik

Im ZDF: Philosophin Flaßpöhler wirft Markus Lanz Kriegstreiberei vor

  • Marc Hairapetian
    VonMarc Hairapetian
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Kurz vor der Sommerpause sind der Ukraine-Krieg und Corona die Themen bei Markus Lanz. Die interessantere Debatte dreht sich um die Ukraine.

Hamburg - Die Sommerpause naht bei Markus Lanz im ZDF. Und dementsprechend etwas moderationsmüde wirkt der smarte Südtiroler auch im ersten Teil seiner Sendung am Dienstagabend. Von den Corona-Dauergästen Karl Lauterbach und Hendrik Streeck, die Stellung zum Evaluierungsbericht des Sachverständigenrats über die Maßnahmen sowie zum künftigen Vorgehen in der Pandemie nehmen, die längst auf dem Weg zur Endemie ist, hat man sich wohl eine hohe Einschaltquote versprochen.

Wirklich neue Erkenntnisse werden hier allerdings nicht zutage gefördert. Wesentlich spannender gestaltet sich der zweite Abschnitt der Talkshow, in der Oberst a.D. und CDU-Bundestagsabgeordneter Roderich Kiesewetter und Philosophin Svenja Flaßpöhler, Unterzeichnerin des Appells „Waffenstillstand jetzt“, in der Diskussion über den russischen Angriffskrieg in der Ukraine aneinander geraten.

Markus Lanz (ZDF): Corona-Politik kein gutes Zeugnis ausgestellt

Wie gesagt lässt sich die erste halbe Stunde bei Markus Lanz (ZDF) schnell abhaken: Der 160-seitige Evaluierungsbericht des Expertenrats stellt bekanntlich der Corona-Politik und dem Robert Koch-Institut kein gutes Zeugnis aus. Denn aufgrund mangelnder Datenlage konnten die Experten, denen neben Streeck auch Soziologin Jutta Allmendinger und der Charité-Chef Heyo K. Kroemer angehören, angeblich die Wirksamkeit erlassener Maßnahmen nicht richtig bewerten: „Während in anderen Ländern Möglichkeiten zur Einschätzung der Wirkung von nicht-pharmazeutischen Maßnahmen genutzt wurden, ist eine koordinierte Begleitforschung während der Corona-Pandemie in Deutschland weitgehend unterblieben.“

Die Gäste bei Markus Lanz
Svenja FlaßpöhlerPhilosophin
Roderich KiesewetterOberst a.D., CDU-Bundestagsabgeordneter
Prof. Dr. Karl LauterbachBundesgesundheitsminister (SPD)
Prof. Dr. Hendrik StreeckVirologe

Auch was die schärfste Maßnahme der Corona-Politik betrifft, nämlich den Lockdown, kamen die Sachverständigen zu keinem richtigen Urteil: „Je länger ein Lockdown dauert und je weniger Menschen bereit sind, die Maßnahme mitzutragen, desto geringer ist der Effekt und umso schwerer wiegen die nicht-intendierten Folgen.“ Außerdem hätte eine schlecht sitzende Maske einen verminderten bis gar keinen Effekt. Doch auch gegenüber dem Bericht hagelte es Kritik. So lässt er im Grunde genommen alles offen und die Frage stellt sich, was er dann überhaupt nützt? 

Corona-Debatte bei Markus Lanz (ZDF): „Wir haben viele Daten, aber die falschen“

Dem Vorwurf, dass die beteiligten Wissenschaftler möglicherweise nicht alle verfügbaren und relevanten Studien mit einbezogen hätten, hält Streeck bei Lanz etwas schwammig entgegen: „Wir haben viele Daten, aber die falschen.“ Das verblüfft nicht nur den Moderator, sondern auch den Zuschauer. Dann spezifiziert der Virologe, der bereits im April 2022 dafür plädierte, das massenhafte, anlasslose Testen in der allgemeinen Bevölkerung zu beenden, weil verfügbare Antigentests zu spät auf die Omikron-Variante reagierten und daher „Infektion und Weitergabe des Virus schon stattgefunden haben können, bevor der Infizierte identifiziert“ sei, man hätte eher auf „Repräsentativstudien“ setzen sollen.

Er verteidigt sich und den Expertenrat, indem er darauf hinweist, das man bei Zeitknappheit den Evaluierungsbericht fristgerecht abgegeben habe. Das entlockt dann auch dem zugeschalteten Lauterbach, der in den letzten zwei Jahren vom Talkshow-Gesundheitsminister der Opposition zum Bundesgesundheitsminister der neuen Regierung avancierte, ein Lob.

Markus Lanz (ZDF): Virologe Streeck unter Druck

Als Markus Lanz ihn fragt „Herr Lauterbach, was haben Sie aus dem Gutachten gelernt?“, sagt dieser - typisch Politiker - gleich mehrfach: „Ich blicke nicht nach hinten. Ich blicke nach vorn.“ Es bringe nichts, die alte Regierung jetzt noch die für die Fehler in der Corona-Politik zu kritisieren. Dennoch findet er: „Wir haben Spielplätze geschlossen, das hat nichts gebracht. Oder Masken außen getragen. An einigen Stellen sind wir übers Ziel hinausgeschossen.“ Dem pflichtet Streeck bei: Es sei unsinnig gewesen, Sportplätze draußen zu schließen oder zu verbieten, dass man gemeinsam auf einer Bank sitzt.

Zur Sendung

Sehen Sie den Markus-Lanz-Talk noch einmal in der ZDF-Mediathek.

Dann mokiert sich der studierte Mediziner und Gesundheitsökonom Lauterbach noch über „Kampagnen“, die die Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie kritisiert hätten: „Man darf nicht jede Meinung gleichgewichten. Auch Meinungen müssen begründet sein. Wissenschaftlich unterfütterte Meinungen sind höher zu bewerten, als Meinungen, die einfach so daherkommen.“ 

Markus Lanz (ZDF): Svenja Flaßpöhler streitet mit Verteidigungsexperte Roderich Kiesewetter

Dies verärgert Svenja Flaßpöhler, Chefredakteurin vom Philosophie Magazin. Man hätte schon mehr auf kritische Meinungen zu übertriebenen Corona-Maßnahmen hören sollen, ohne sofort als „Querdenker“ abqualifiziert zu werden. Auch beim Ukraine-Krieg vertritt sie Positionen, die nicht massenkompatibel, aber dennoch diskussionswürdig sind. Nach dem Offenen Brief an Kanzler Olaf Scholz vom 29. April in der Zeitschrift Emma, indem der Bundeskanzler in seiner bisherigen Besonnenheit im Ukraine-Konflikt unterstützt, die Lieferung schwerer Waffen in die Ukraine abgelehnt und vor einem Dritten Weltkrieg gewarnt wurde, gehört sie auch zu den Unterzeichnern von „Waffenstillstand jetzt!“ bei Zeit Online.

Darin werden „sofortige“ Friedensverhandlungen gefordert, da die Ukraine den Krieg nicht mehr gewinnen könne. Flaßpöhler hat bei Markus Lanz im ZDF die nicht gerade einfache Aufgabe, sich gegen den sehr besonnen diskutierenden CDU-Verteidigungsexperten Roderich Kiesewetter durchzusetzen. Und auch gegen den Moderator! Dieser lässt zwischendurch sogar eigene Kriegsbegeisterung aufkommen, wenn er beispielsweise schwärmt: „Wir haben sogar die Schlangeninsel zurückerobert.“

Markus Lanz (ZDF): Hitzige Debatte über „intellektuelle Unfähigkeit“

Hitzig wird es als Markus Lanz die beiden Gäste mit einem Tweet von Kiesewetter aus der vergangenen Woche konfrontiert, der Flaßpöhler und den Mitunterzeichnern wie Schriftstellerin Juli Zeh und Autor Richard David Precht „intellektuelle Unfähigkeit“ vorwirft. Es sei unnötig gewesen, „Öl ins Feuer zu gießen“ und diese Bemerkung erneut zu zitieren, weist Flaßpöhler den Präsentator zurecht. Das sei eben seine journalistische Vorgehensweise, entgegnet dieser ebenfalls etwas beleidigt. Im weiteren Verlauf der Diskussion spricht sich der Oberst a.D., welcher von 2011 bis 2016 Präsident des Reservistenverbandes gewesen ist, für weitere Waffenlieferungen an die Ukraine aus: „Entscheidend ist, was die Ukraine braucht!“

Das hört man wörtlich in der Sendung von Markus Lanz seit Monaten immer wieder. Kriegsziel müsse sein, dass sich die russische Armee auf ihre Stellungen von vor dem Krieg zurückziehe und die staatliche Unabhängigkeit der Ukraine gewährleistet sei. Außerdem müsse Russland dazu verpflichtet werden, Reparationen zu zahlen, führt Kieswetter weiter aus. Ehrlich gesagt klingt dieser gut gemeinte Wunsch genauso utopisch wie das Zustandekommen eines „sofortigen“ Waffenstillstands aus dem offenen Brief.

Markus Lanz (ZDF): Prominente engagieren sich für Waffenstillstand

Dennoch nimmt er Flaßpöhler und ihre Mitstreiter ernst und betont mehrfach, dass man doch versuchen könnte, einen gemeinsamen Nenner zu finden: „Mir fehlen nur zwei Perspektiven. Das eine ist die Frage, wie es nach dem Waffenstillstand mit der Ukraine weitergeht. Außerdem werden die russischen Kriegsziele nicht berücksichtigt. Putin hat im letzten Juli gesagt, die Ukraine habe kein Existenzrecht, und vor Kriegsbeginn deutlich gemacht, das nächste Ziel sei Moldau.“

Es sei richtig, dass die Ukraine Waffen benötige, wenn sie kämpfen wolle, pflichtet ihm dann Flaßpöhler bei: „Aber man muss doch als jemand, der Waffen liefert, eine moralische Verantwortung übernehmen, was mit diesen Waffen passiert oder passieren kann. Es gibt sehr ernstzunehmende Stimmen von Militärexperten, die sagen, die Ukraine kann diesen Krieg nicht gewinnen - auch wenn man das will. Wünschen ist schön, aber Sie müssen die Realität auch sehen.“ Und dann fragt sie eine durchaus berechtigte Frage: „Woher nehmen jene, die die Waffen in die Ukraine liefern, die Gewissheit eines Sieges?“ 

Schlagabtausch zum Ukraine-Krieg bei Markus Lanz (ZDF)

Kiesewetter räumt ein, dass er selbst Zweifel habe, möchte aber mit einer Gegenfrage antworten: „Was wäre, wenn wir nichts machen würden? Dann folgt ein echter Schlagabtausch, der die ZDF-Talkshow tatsächlich noch interessant macht: „Aber die Verhandlungsposition wird doch immer schlechter, mit jedem russischen Erfolg“, empört sich Flaßpöhler. Kiesewetter cool: „Genau, weil wir nicht liefern!“ Gebetsmühlenartig plädiert die Philosophin nun dafür, dass der Westen eine „Deeskalationsstrategie“ betreiben müsse. Dies sei gerade mit Blick auf die globalen Kriegsfolgen wie Hungersnöte oder Auseinandersetzungen in mehreren asiatischen und afrikanischen Ländern wichtig.

Es sei wahr, dass der russische Präsident für den Krieg verantwortlich sei. Auch sie sympathisiere ganz klar mit der Ukraine. Doch es gehe ihr und ihren Mitstreitern jetzt in erster Linie um „Schadensbegrenzung“. Und dann macht sie Kiesewetter und Lanz noch einen heftigen Vorwurf: „Aber so lange Sie den Krieg weiter befeuern, wird das nicht passieren.“ Gerade jetzt, wo es wirklich spannend wird, bricht Markus Lanz aus Zeitgründen die Sendung ab, weil „ich sonst Ärger bekomme“. Und der Zuschauer ist verärgert, dass er an dieser Stelle nicht den Mumm hat, doch mal eine Überziehung auf seine Kappe zu nehmen… (Marc Hairapetian)

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