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Konflikte, für die sich keine Erklärung findet.
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Konflikte, für die sich keine Erklärung findet.

"33 Szenen aus dem Leben"

Kreuz der Sterblichkeit

Alles ist schön, das Haus, der Garten, der Tag. Der Garten ist ein wenig verwildert, das Haus zu klein, wenn alle Kinder zu Besuch kommen. Mutter Bascha,

Von HEIKE KÜHN

Alles ist schön, das Haus, der Garten, der Tag. Der Garten ist ein wenig verwildert, das Haus zu klein, wenn alle Kinder zu Besuch kommen. Mutter Bascha, eine egozentrische Krimiautorin, will mit ihrer ältesten, wohl auf die Vierzig zugehende Tochter Kaska einen Sonntag auf dem Lande teilen. Kaum sitzt Kaska am Tisch, fällt ihr ein, dass sie nie mit den Eltern gegessen hat: Sie ist als Kind zur Großmutter abgeschoben worden. Warum? Ja, warum?

In Malgorzata Szumowskas verstörend aufrichtigen Film "33 Szenen aus dem Leben" gibt es viele Konflikte, für die sich keine Erklärung findet. Und wenn, was könnte das ändern? Baschas Mann Jurek ist Dokumentarfilmer, der seine besten Arbeiten während des kommunistischen Regimes gedreht hat. Nun laufen seine Filme im Nachtprogramm. Von Bascha erwartet er, dass sie aufbleibt und zuschaut. Ihre Bestseller liest er nicht. Die jüngere Tochter Julia, mit ihren 30 Jahren noch immer Nesthaken der Familie, wird von der Presse als Star unter Polens jungen Malern und Photokünstlern gefeiert. Ihr Familienhintergrund wird notiert wie ein Bankguthaben in der Schweiz. Soviel Kunst in der Kindheit muss sich doch zur Kreativität verzinsen!

Verschlingende Einsamkeit

Julias Mann Piotrek, Komponist, mit Preisen überhäuft, legt nachts seine Arme um sie und summt ihr vor, wie die Harfe in seinem neuen Werk klingen soll. Die Kunst kommt mit der Liebe - möchte man glauben. Dann fährt Piotrek zur Orchesterprobe und lässt Julia wieder einmal allein. Diesmal verschlingt sie die Einsamkeit: Bei ihrer Mutter wird Krebs diagnostiziert. Was sagt man zu einer Sterbenden, die nach Pizza verlangt und durch die Beatmungsschläuche raucht?

Malgorzata Hajweska in der Rolle der sterbenden Diva Bascha widerlegt das Ideal des vergeistigten Abschieds mit groteskem Lebenshunger. Wie alle in dieser hellsichtigen Familie krankt Bascha mit Hingabe an den Widersprüchen von Einsicht und Bedürftigkeit. Wie edel wäre es, versöhnt zu sterben…

"33 Szenen aus dem Leben" zeigt nichts Besonderes, nur das Kreuz, sterblich zu sein. Von seltener Präzision und zynisch nur soweit, wie Zynismus die kaum auszuhaltende Trauer über unsere Vergänglichkeit am Leben erhält, schreiben die 33 Szenen des Films das Gesetz des Menschseins. Zwischen dem Wunsch, das Angemessene zu tun, und dem Gefühl, damit nur Absurdität zu produzieren, pendelt die Hauptfigur Julia ein schmerzliches Erwachsenwerden aus. Julia Jentsch in der Rolle der verwöhnten, auch von Adrian, dem besten Freund der Familie zu sehr geliebten Nachwuchskünstlerin, zerreißt sich förmlich zwischen Sorge, Hysterie und sexuell konnotierter Verdrängung.

So falsch wie die Filmfigur auf die Ansprüche reagiert, nach dem Tod der Mutter Verantwortung für den alkoholsüchtigen Vater und ihre zerfallende Ehe zu übernehmen, so richtig macht die Schauspielerin alles: Ein Seitensprung bekommt in ihrer Darstellung eine universelle Dimension von eigener und fremder Verkennung, von Fluch und Segen unserer innersten, unhintergehbaren Nacktheit.

Manche Szenen von Mitleid und Selbstsucht, von Liebe und Betrug sind so unvereinbar miteinander, dass die Regie sie mit schwarzen Intermezzi voneinander trennt. In diesem dunklen Schweigen ertönt Piotreks Musik. Da sind die Harfen, eine Kaskade von Trauer und Begehren, eine Vergeblichkeit, die so erlesen blutet, dass Erfüllung ein Akt der Rohheit wäre.

Die Kunst hat die Macht, unsere Unzulänglichkeit soviel besser klingen zu lassen. Aber der Künstler, der diesen Ausgleich ersinnt, ist als Mensch abwesend. Wie sollen wir mit dem Ungenügen leben? Der letzte Filmemacher, der Tod und Zweifel, Sexualität und Gelächter derart radikal befragte, war Krzysztof Kieslowski. Malgorzata Szumowska tritt sein Erbe an, mit derselben Furchtlosigkeit.

33 Szenen aus dem Leben, Regie:

Malgorzata Szumowska, Deutschland / Polen 2008, 98 Minuten.

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