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François (Edgar Selge) überlegt bei einem Spaziergang durch die Straßen von Paris, welche Auswirkungen eine Islamisierung Frankreichs auf das gesellschaftliche Leben haben könnte.

"Unterwerfung", ARD

Ein Kreuz mit dem Kreuz

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Die ungewöhnliche Adaption des Romans von Michel Houellebecq ist der kühne, aber auch etwas anstrengende Versuch, Bühne, Film und Wirklichkeit miteinander in Einklang zu bringen.

Es ist ebenso erstaunlich wie beachtlich, dass die ARD dieses Drama zur besten Sendezeit ausstrahlt: „Unterwerfung“ ist eine Mischung aus Film und Bühneninszenierung, besteht größtenteils aus einem Monolog, den Edgar Selge allerdings derart vortrefflich vorträgt, dass ein Prädikat seiner Leistung kaum gerecht würde, und ist gleich in mehrfacher Hinsicht anstrengend.

Für Titus Selge, bekannt geworden durch seine höchst vergnüglichen Bad Homburger „Polizeiruf“-Krimis mit Jan-Gregor Kremp (2004 bis 2008) und seither Regisseur vor allem von sehenswerten Komödien wie „Ein Reihenhaus steht selten allein“ (2014) oder „Matthiesens Töchter“ (2016), ist „Unterwerfung“ ein ausgesprochen ungewöhnlicher Stoff. Sein Drehbuch basiert einerseits auf dem 2015 erschienenen Roman von Michel Houellebecq, der zumindest in den europäischen Kulturkreisen eine Diskussion provoziert hat wie lange kein Buch zuvor, und andererseits auf der Inszenierung von Karin Beier am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Sie bildet den Handlungsrahmen, wobei Selge von Anfang an einen raffinierten Reizpunkt setzt, indem er seinen Onkel Edgar, mit dem er zum ersten Mal überhaupt zusammengearbeitet hat, gewissermaßen in drei verschiedenen Rollen präsentiert.

Der Film beginnt damit, dass Edgar Selge zur Arbeit geht. Er sucht das Schauspielhaus auf und nähert sich innerlich wie äußerlich seiner Rolle als Hauptdarsteller des Stücks an, wobei ihn ein etwas wichtigtuerischer Vertreter (Michael Wittenborn) des Staatsschutzes stört; es gab Drohungen gegen den Autor und die Aufführung, die die Behörden ernst nehmen. Derweil entwickelt sich außerhalb des Theaters exakt jene bürgerkriegsähnliche Stimmung, wie sie der Franzose in seinem Roman beschreibt.

Es war Zufall, dass sich die Tumulte rund um den G20-Gipfel im letzten Jahr zum Zeitpunkt der Dreharbeiten ereigneten, aber Selge hat die dokumentarischen Aufnahmen kurzerhand in den Film integriert. Zur gleichen Zeit verwandelt sich Edgar Selge auf der Bühne in François, die Hauptfigur, die als Erzähler durch die Handlung führt. Der alternde und etwas verwahrloste Sorbonne-Professor, der sich seine Lebenszeit mit Studentinnen und gutem Wein vertreibt, dient Houellebecq als Repräsentant eines schon lange saturierten Bürgertums.

Die Handlung des Romans spielt im Jahr 2022, ein Drittel der Franzosen sähe Marine Le Pen gern als neue Staatspräsidentin, aber dann verbünden sich Sozialisten und Konservative, um dies zu verhindern. Auf diese Weise verhelfen sie dem muslimischen Kandidaten zum Sieg, und Frankreich wird ein islamischer Staat. Der areligiöse François wird entlassen, aber der neue Universitätsleiter Rediger (Matthias Brandt) überredet ihn schließlich zur Rückkehr. Die Aussicht auf Polygamie ist dabei ein nicht unwichtiges Argument, und seinem hedonistischen Lebenswandel dürfte der Literaturprofessor auch weiterhin frönen, weshalb er tatsächlich in Erwägung zieht, zum Islam zu konvertieren.

Die Faszination dieser Konstruktion liegt auf der Hand, doch sie ist vor allem akademischer Natur: Künstlerisch ist der Film reizvoll, aber seine Künstlichkeit verhindert eine emotionale Anteilnahme, zumal François nicht unbedingt als Identifikationsfigur taugt; selbst dem formidablen Selge, der auf der Bühne auch körperlich alles gibt, gelingt es nicht, aus dem zunehmend mit seinem Schicksal hadernden und sich in Selbstmitleid suhlenden Professor einen Sympathieträger zu machen.

Das gelingt Matthias Brandt dafür mit scheinbar spielender Leichtigkeit; er verkörpert Rediger als eloquenten Mephisto, sodass dessen These von der Unterwerfung der Frau unter den Mann sowie des Menschen unter Gott plausibel und in der Tat als höchstes Glück erscheint. Die gemeinsamen Szenen von Selge und Brandt bilden die einsamen Höhepunkte des in Paris an den Originalschauplätzen des Romans entstandenen Films, was nicht zuletzt daran liegt, dass all das andere intellektuelle Geplänkel bei weitem nicht die darstellerische Intensität dieser beiden Ausnahmeschauspieler erreicht. Aber es gibt auch inhaltliche Schwächen; so verschwindet beispielsweise François’ junge jüdische Freundin Miriam (Alina Levshin) ziemlich sang- und klanglos aus seinem Leben und damit auch aus der Handlung.

Für viele Zuschauer dürfte zudem der ständige Wechsel zwischen Theaterbühne und Paris, mit dem Titus Selge mutwillig jede Illusion einer filmischen Realität zunichte macht, allzu gewöhnungsbedürftig sein, um sich diesem Wechselbad tatsächlich hinzugeben. Der Regisseur beschränkt sich zwar nicht darauf, den Auftritt abzufilmen, aber schon allein Edgar Selges Sprechweise ist eine ganz andere als in den Filmszenen.

Das Bühnenbild mit seinem in den eisernen Vorhang gestanzten und sich wie eine riesige Zentrifuge drehenden kreuzförmigen Hohlraum, in dem Selge immer wieder herumturnt, tut ein Übriges, um diese Ebene konsequent unfilmisch wirken zu lassen. Empfindliche Menschen werden sich zudem von den mitunter sehr expliziten Dialogen abgestoßen fühlen; mit einer gewissen Bosheit zeigt Selge Menschen, die empört das Schauspielhaus verlassen, als François recht detailfreudig beschreibt, welche Freuden ihm dank Miriams Finger- und Zungenfertigkeit zum Geburtstag widerfahren. Edgar Selge ist für die Bühnenrolle 2016 zum (Theater-) Schauspieler des Jahres gekürt und mit dem Deutschen Theaterpreis Der Faust ausgezeichnet worden.

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