Alice Schwarzer.
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TV-Kritik "Hart aber fair"

Kopfschüttelndes Gemaule

  • Judith v. Sternburg
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"Kinderarmut, viel zu viele Alleinerziehende sind auf viel zu niedrige Hartz-IV-Sätze angewiesen" lautete eines der Themen bei Frank Plasberg. Prompt gerieten sich Alice Schwarzer und Arnulf Baring in die Wolle. Von Judith von Sternburg

In der gestrigen Sendung "Hart aber fair" mit Frank Plasberg ging es am höchsten beziehungsweise tiefsten her, als Alice Schwarzer und der Publizist Arnulf Baring sich in die Wolle bekamen. Thema: Kinderarmut, viel zu viele Alleinerziehende sind auf viel zu niedrige Hartz-IV-Sätze angewiesen. Alice Schwarzer zog nach ihrer Art vom Leder. Baring unterlief nach Art der Konservativen alles mit stirnrunzelndem, kopfschüttelndem Gemaule. Dann fragte Alice Schwarzer, ob Arnulf Baring schon einmal ein Kind geboren und gewickelt habe. Arnulf Baring sagte, dass er vier Kinder habe und - wenn das kein akustisches Missverständnis war - diese nachgerade ständig wickelte. Er lasse sich von ihr nicht am Zeug flicken. Wer kinderlos sei, habe da nicht den Mund aufzumachen.

Potzdonner. Nun könnte man sagen, die beiden nehmen sich nicht viel. Aber man könnte auch sagen: Auf eine etwas platte und in die Jahre gekommene feministische Rhetorik gab Baring eine so unvernünftige Hau-drauf-Antwort, dass man das Gespräch anschließend eigentlich hätte beenden können. Denn in der gesamten Diskussion sprachen selbstverständlich Menschen über Themen, die sie unmittelbar nicht betreffen: Gutsituierte über Arme, Männer über Frauen, Alte über Junge. Vor allem Alte über Junge.

Die Diskussion ging aber weiter, beziehungsweise der lebhafte Austausch unter Leuten, die nun auch nicht so viel besser im Bilde waren als andere politisch interessierte Zeitgenossen. Das hatte eine sympathische Seite, und so war das sicher auch gedacht. Aber es war auch nicht ertragreich. Dieselbe Runde saß schon vor hundert Tagen zusammen und war damals aus nicht ganz nachvollziehbaren Gründen ziemlich optimistisch, was die neue Koalition aus Union und FDP anbelangte. Nun zeigten sich die meisten logischerweise sehr enttäuscht.

Der Komödiant Dieter Hallervorden prophezeite, das Thema Steuerentlastung werde der FDP auf die Füße fallen. Hans-Ulrich Jörges von der Illustrierten Stern befand, Angela Merkel habe rasant an Autorität verloren. Die Schülerin Miriam Böhm fand es seltsam, wie die Kabinettsposten hin- und hergeschoben wurden. Wer Mathe studiere, unterrichte später doch auch nicht Deutsch (ein schönes Beispiel für jugendliche Logik, die später mit tollen Argumenten entkräftet wird: "Politiker haben doch Referenten" und so weiter).

Arnulf Baring gab eine schon oft gehörte Grunddevise aus: Außenminister Guido Westerwelle habe keine Ahnung von Außenpolitik, Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg hingegen sei einer der erfahrensten Auslandspolitiker der jüngeren Generation. Aber wieso nur klingt der Satz: Westerwelle war noch nie zuvor in Paris und Washington, können Sie sich das vorstellen?, bei Baring so wie bei anderen der Satz: Was, Ihr Kind geht nicht in den Ballettunterricht? Miriam Böhm fand zu Guttenberg gar nicht so überzeugend. Da Baring sie aber gleich darauf hinwies, dass sie auch da ganz falsch liege, konnte sie das nicht näher ausführen.

Der Journalist Klaus Bednarz, der schon vor hundert Tagen Böses ahnte, fühlte sich vom Fortgang der Dinge mehr als bestätigt. Noch nie, so scheine es ihm, sei eine Koalition so chaotisch gestartet wie diese. Jene Zuschauer, die ihm beipflichten, können nur immer wieder darüber staunen, wie das letztlich hingenommen wird. Auch diesmal werden bei den Älteren Erinnerungen wach: Wie nah schien den konservativen Beobachtern das Ende der Welt, als bei Rot-Grün unter Schröder/Fischer nicht sofort alles lief wie geschmiert.

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