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Komödie „Axiom“ im Kino: Julius, der Lügner

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Von: Daniel Kothenschulte

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Erfindet Julius da eine Geschichte über die Henne und das Ei? Bon Voyage Films/ Martin Valentin Menke
Erfindet Julius da eine Geschichte über die Henne und das Ei? © Bon Voyage Films GmbH/Martin Val

Wie selten sind kluge deutsche Filmkomödien: Jöns Jönssons Farce „Axiom“ über das Hochstapeln als Überlebensstrategie aber ist eine .

Bertolt Brecht nannte Hollywood den Markt, wo Lügen verkauft werden. Das klang nicht so, als glaubte er an eine höhere Wahrheit hinter dem schönen Schein, der Schminke und den Pappfassaden. Dabei werden Filme oft gerade dann besonders interessant, wenn sie uns nicht nur Wahrheiten vorspielen, sondern zugleich auch Lügen. Der „Film Noir“ war ein Paradies der Lügner und Lügnerinnen. Alfred Hitchcock drehte seinen persönlichen Lieblingsfilm in dieser Zeit, „Im Schatten des Zweifels“, das Porträt eines schamlosen Lügners.

Der ungewöhnliche deutsche Autorenfilm „Axiom“ führt in seinen ersten Szenen an einen Ort, an dem Falsches noch weniger als anderswo geduldet wird, ein Kunstmuseum. Das Kölner Museum Ludwig spielt sich selbst als Arbeitsplatz des Protagonisten, Julius. Der gutaussehende Mann Ende dreißig mit der Ausstrahlung eines Bürgersohns verdingt sich hier als Museumswärter. Doch schon die Art, wie er mit festen Schritten durch die Säle schreitet und mit freundlicher Bestimmtheit Besucherinnen und Besucher ermahnt, zum Beispiel das Fotografieren zu unterlassen, macht ihn uns verdächtig. Wer in diesem Beruf etwas anderes als Unsichtbarkeit anstrebt, begeht eine Grenzüberschreitung. Etwas merkwürdig wirkt auch seine Ansprache eines jungen Kollegen. Will er ihn nur freundlich unter seine Fittiche nehmen oder ist da etwas Forschendes, das sein Gegenüber fast aussaugen möchte? Als müsse es sich die Kollegialität erst mit intimen Geständnissen erkaufen.

Tatsächlich hat Julius einen besonderen Bedarf an persönlichen Geschichten. Er schnappt sie auf – zum Beispiel in der Bahn – und gibt sie bei anderer Gelegenheit als eigene Erlebnisse wieder zum Besten; etwa bei einem gemeinsamen Ausflug mit Freunden zum vermeintlichen Segelboot seiner Familie.

Erstaunlich, dass denen sein merkwürdiges Verhalten noch nicht aufgefallen ist, zumal auch an dieser Situation etwas faul anmutet. Insbesondere als sich andeutet, dass er den geplanten Trip schon mehrere Male kurzfristig abgebrochen haben muss. Auch jetzt will er kurz vor dem Ziel noch alles abblasen, da, wie er sich künstlich aufregt, niemand an eine Schwimmweste gedacht habe. Als der junge Kollege aus dem Museum sich anschickt, das Problem zu lösen, spielt dem glücklosen Verhinderer plötzlich ein anderer Umstand in die Hände.

Der schwedische, in Deutschland lebende Filmemacher Jöns Jönsson porträtiert in dieser verwegen erzählten, geistreichen Miniatur einen manischen Lügner. Es ist erstaunlich, wie schnell man Julius als Zuschauer auf die Schliche kommt – und wie schwer man ihn doch in seinen Absichten durchschaut.

Zunächst scheint der von Moritz von Treuenfels mit natürlicher Noblesse verkörperte Schwindler ein typischer Hochstapler. Gegenüber seiner Freundin, einer jungen Opernsängerin, gibt er vor, er sei ein Architekt. Ohne sich einen direkten Vorteil zu erhoffen, schleicht er sich einmal in ein Architektenatelier. Bis ihn eine Mitarbeiterin enttarnt, hat er bereits genug typische Gesprächsfetzen getankt, um eine Abendunterhaltung mit den bürgerlichen Eltern seiner Freundin zu bestreiten. Dass es diese Frau tatsächlich gibt, ist eine der findigsten Pointen des Films – war sie doch vor ihrem Auftauchen selbst Gegenstand einer von Julius’ höchst unglaubwürdigen Erzählungen.

Längst hat die Frage nach Dichtung und Wahrheit zu diesem Zeitpunkt weitere Kreise gezogen als um die eigentliche Hauptfigur. Lügen haben kurze Beine, heißt es, aber sie wirken manchmal ansteckend. Eine Geschichte – sie handelt von einem nackten Mann an der Ampel, den Julius und seine Freundin unabhängig voneinander gesehen haben wollen – entwickelt ein Eigenleben. So entstehen wohl urbane Legenden. Der Lügenvirus nistet sich schließlich derart in der Geschichte ein, dass man Julius’ Irritation über die Konkurrenz nur teilen kann.

„Axiom“ – so nennt man jene Offensichtlichkeit, die keines Beweises mehr bedarf. Das Spiel mit derart unumstößlichen Vorurteilen ist das Brot der Hochstapler, aber es ist auch das Fett auf den sozialen Stellschrauben der Klassengesellschaft. Carl Zuckmayers verwandelter Uniformträger, der „Hauptmann von Köpenick“, kam gar nicht in die Verlegenheit zu schwindeln, so überzeugend wirkte das Axiom, das ihn umgab. Noch immer faszinieren Hochstaplergeschichte wie zurzeit die Netflix-Serie „Inventing Anna“ um das erschlichene Luxusleben der Deutschen Anna Sorokin.

Jönsson hat aber nicht einfach eine moderne Köpenickiade über die immer komplexeren sozialen Codes des heutigen Klassismus geschrieben. Auch als Theaterautor tätig, verortet er mit seinen geschliffenen Dialogen ein Wertesystem, in dem sich Menschen in einer Art Dauer-Bewerbungsgespräch befinden. Die Wechselwirkungen von Selbstdarstellung und Vertrauensvorschuss liefern den idealen Nährboden für Soziopathen.

Ist Julius also ein pathologischer Fall? Je weiter ihn seine kurzen Lügenbeine tragen, desto mehr kann man den Eindruck gewinnen, er sei das ideale Produkt einer Zeit, in der man sich vor allem selber zu verkaufen hat. Und vielleicht ist sein konstantes Produzieren von Desinformation über die Identität sogar der beste Schutz davor, ein gläserner Mensch zu werden.

Axiom . D 2022. Regie: Jöns Jönsson. 112 Minuten.

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