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Kommt wieder, wenn ihr schwärzer seid

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Von: Daniel Kothenschulte

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Vincent Piazza als Tommy DeVito (l-r) John Lloyd Young als Frankie Valli, Michael Lomenda als Nick Massi und Erich Bergen als Bob Gaudio in einer Szene des Films «Jersey Boys».
Vincent Piazza als Tommy DeVito (l-r) John Lloyd Young als Frankie Valli, Michael Lomenda als Nick Massi und Erich Bergen als Bob Gaudio in einer Szene des Films «Jersey Boys». © dpa

In der Musicalverfilmung „Jersey Boys“ erzählt der 84-jährige Clint Eastwood leichthändig vom Aufstieg des italo-amerikanischen Sängers Frankie Valli und den „Four Seasons“.

Es dauerte lange, bis sich die Popmusik ihren Platz im seriösen Kulturbetrieb erkämpft hatte. Als es Mitte der 90er auch in Deutschland so weit war, sah es für einen Augenblick so aus, als würden nun endlich all jene Stilrichtungen und soziokulturellen Phänomene in den Feuilletons und Universitäten aufgearbeitet, die so lange im Schatten der Klassikkultur gestanden hatten.

Bald aber stellte sich der Eindruck ein, dass es den Chefredakteuren und Lehrstuhlinhabern weniger um die Aufarbeitung von Bildungslücken ging, als um das Abschöpfen von Popularität an sich. Wenn plötzlich jeder über Madonna schreiben will, haben es die Avantgarden so schwer wie vorher – ganz unerheblich, ob sie sich in „E“ oder „U“ positionieren.

Und so schön es ist, Sechzigjährige niveauvoll über Lady Gaga debattieren zu hören – so traurig ist es zugleich, wenn man in klassischen Konzerten kaum noch Besucher unter sechzig Jahren sieht.

Was die Säulenheiligen des Pop betrifft, so kann es passieren, dass – wie im vergangenen Januar geschehen – ein Phil Everly von den „Everly Brothers“ stirbt und die Nachrufe deutlich machten, wie konjunkturabhängig die Aufmerksamkeit ist. Weder die Beatles noch den Folk Rock hätte es ohne die „Everlys“ gegeben, kaum auch Frankie Valli und die Four Seasons, denen nun kein Geringerer als Clint Eastwood ein Biopic gewidmet hat. Aber genau diese Nebenrollen-Stellung in der Popgeschichte macht den Film besonders interessant.

Gerade noch rechtzeitig vor der „British Invasion“, dem Einfall der Beat-Bands in die US-Charts, konnte das Quartett diese 1962/1963 gleich dreimal anführen. In Deutschland schaffte es während der ganzen Sechzigerjahre lediglich ihr „Rag Doll“ in die Hitlisten, vielleicht die Schönste ihrer ein wenig zu direkt formulierten Teenager-Hymnen: Es ist die nicht ganz spottlose Huldigung an ein hübsches Mädchen, das sich in Lumpen kleidet.

Dass Eastwood den schönen Song erst im Abspann unterbringt, ist nicht das einzige Versäumnis eines schwungvollen, unterhaltsamen Films, rund in der Form, geschmackssicher wie alles, was Eastwood als Regisseur gedreht hat. Aber hätte der ausgewiesene Musikliebhaber nicht doch mehr anstellen können mit immerhin 134 Filmminuten als die routinierte Verfilmung der gleichnamigen Broadway-Show?

In „Jersey Boys“ gibt es alles, was schon zu Zeiten des Elvis-Films „Rhythmus hinter Gittern“ von 1957 einen Rock’n’Roll-Film ausmachte: Ein Jugendlicher aus der Arbeiterklasse entgeht mit Ach und Krach und viel Talent der schiefen Bahn – bis er erkennt, dass Ruhm allein auch nicht allzu glücklich macht. In einem etwas nachgeschobenen Ende, der Würdigung durch die Aufnahme in die Rock’n’Roll Hall of Fame im Jahre 1990, schwärmt der von Broadway-Star John Lloyd Young kongenial gespielte Frankie Valli von der Initialzündung seiner Karriere: „Jenem Augenblick, als wir unter einer Straßenlaterne in Jersey zu unserem Sound gefunden haben.“ Genau diesen Prozess der Stilbildung hätte man gerne in einem Film von Eastwood gesehen, dem wir immerhin die meisterhafte Charlie-Parker-Biografie „Bird“ verdanken.

Denn man kann ja vom Falsett-Gesang der Four Seasons und der oft etwas brachialen Metaphorik ihrer Liebeslieder halten, was man will – als italo-amerikanische Antwort auf die schwarzen „Doo-Wop“-Vocal-Groups besaßen sie zweifellos genug eigenes Flair, um die Zeiten zu überdauern. Einer hübschen kleinen Szene gelingt immerhin eine stilistische Einordnung. Da klopfen die Jungs vergeblich an die Türen der Musikverleger in New Yorks legendärem Brill Building, und aus einer tönt es zurück: „Kommt wieder, wenn ihr schwarz geworden seid.“

Jeder Musikfilm, der etwas auf sich hält, schwelgt in Szenen, in denen sich im Zusammenspiel begabter Talente neue musikalische Horizonte auftun. Wie schade, dass dieser Film so wenig daraus macht. Wer etwa einmal Johnny Cash live erlebt hat, erinnert sich an die Geschichten, die er da von seinen ersten Aufnahmesessions erzählte. Wie er das in der Country-Szene verpönte Schlagzeug durch ein Stück Pappe zwischen den Gitarrensaiten ersetzte. James Mangolds Cash-Biopic „Walk the Line“ tat gut daran, sich auf solche Momente zu konzentrieren.

Eastwood erzählt lieber vom Rein und Raus ins und aus dem Gefängnis und den kleinkriminellen Aktivitäten von Vallis Mitstreitern. Doch es sind austauschbare Episoden, die uns zwar eine Ahnung vom Überlebenswillen der „Jersey Boys“ vermitteln, aber keine Ahnung von ihrer musikalischen Größe.

Dass Frankie Vallis bester Freund und Gesangspartner Tommy DeVito (Vincent Piazza) einem Gangsterboss zuarbeitet, liefert immerhin Christopher Walken eine wunderbare Nebenrolle. Seit sich Walken durch das Fatboy-Slim-Video „Weapon of Choice“ tanzte, ist seine Liebe zum Musical bekannt. Leider bekommt er erst in der Schlussszene Gelegenheit dazu – einem minimalistischen Abgesang auf die hohe Ballettkultur in den Filmmusicals von Metro-Goldwyn-Mayer. Man hätte gerne mehr schwelgerische Musicalnummern gesehen. Doch das Broadway-Stück „Jersey Boys“ ist in seiner strengen Vier-Akt-Struktur nun einmal kein „Mamma Mia“. In jedem Teil wird die Geschichte von einem anderen Bandmitglied erzählt – ein verfremdendes Stilmittel, das Eastwood übernimmt, ohne sich von den Theaterkonventionen lähmen zu lassen.

Leichthändig wie kaum ein zweiter Hollywoodregisseur schüttet er das Ausgangsmaterial zusammen. Gern kann er darauf verzichten, durch überflüssige Außenschauplätze einen „filmischen“ Eindruck zu generieren. So bleibt er der Bühne treu ohne theatralisch zu wirken, das ist schon eine Leistung. Und sogar für einen verschmitzten Kurzauftritt fand er noch Zeit in einer Szene, die das Zeitkolorit der frühen 60er einfangen soll. Da flackert er in einer Folge der Westernserie „Rawhide“ („Cowboys“) über den Bildschirm, als wollte er sagen: Wo bin ich denn gewesen, als die „Four Seasons“ ihre größten Erfolge feierten

Jersey Boys. Regie: Clint Eastwood. USA 2014. 134 Min.

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