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Verdächtige Wirtin (Nahoko Fort-Nishigami). 

„Polizeiruf 110: Totes Rennen“

Die Kommissarin träumt schlecht

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Der Polizeiruf aus Magdeburg, diesmal als eine Art Solo für Ermittlerin Doreen Brasch.

Die Leiden der Hauptkommissarin Doreen Brasch sind im neuen Polizeiruf aus Magdeburg keine Lappalie. Dass die Schulter schmerzt, ist nur das Entrée, dazu gleich noch ein Alptraum, in dem der Ermittlerin offenbar vor Beginn der Sendung wesentliche Protagonisten und Elemente der Folge „Totes Rennen“ bereits begegnen: Ein Mann mit einem Bart, Pferde. Und nicht nur das Bild ist dazu rot.

Nachher wird Doreen Brasch mit Tropfen betäubt und nur im Hemd im Gebüsch liegengelassen. Das ist so brutal – und Claudia Michelsen spielt die Not und Beschämung so glänzend, gut in Szene gesetzt zudem die schwer erträgliche Verlegenheit der Kollegen –, dass es doch besser wäre zu verstehen, wie sie in diese Lage geraten konnte. Und was genau die Täter damit bezweckt haben, außer der schieren Gewaltausübung.

Wie die Dinge sich entwickeln, gehört das aber bloß zu jener seltsamen, dann aber auch seltsam substanzlosen, unkonzentrierten Stimmung dieses Brasch-Solos. Das nach dem stillen Abgang auch ihres (nach Sylvester Groth) zweiten Kollegen, sechs Mal gespielt von Matthias Matschke, im Grunde keins ist. Kriminalrat Lemp, Felix Vörtler, macht nämlich gerne ein bisschen mit – „wenn ein Zirkusclown Musik hört, fängt er auch wieder an zu tanzen“ –, vor allem schiebt sich ein LKA-Mann auffällig unauffällig ins Geschehen, der dezent zwielichtige Michael Maertens.

Den kennt sie schon, aus ihrem Traum

Ganz netter Typ eigentlich. Andererseits weiß man, was die für Rollen bekommen, die LKA-Leute im Sonntagsabendkrimi, und diesmal kommt es besonders dicke: Der dezent Zwielichtige ist der Mann aus dem Traum. Er hatte zudem eine Verbindung zum eingangs aufgefundenen Toten: einem jungen Vater, der durch eine schwere Spielsucht zum hochverschuldeten Nichtsnutz verkommen ist. Der kleine Sohn kommt nicht vom Computerspielchen los. Die furchtbar junge, todernste Witwe, Anke Retzlaff, schreit in ihr Kissen.

Und Kriminalrat Lemp singt „Forever Young“

Die Spielproblematik hat zum Teil interessante, auch erschütternde Szenen im Wettladen zur Folge und bringt Informationen über Betrug beim Pferdewetten ins Wohnzimmer – Pferderennen, sagt ein alter Hase, Martin Semmelrogge, seien „am Arsch“ und nur noch ein „Ausverkauf“. Darüber würde man gerne mehr erfahren, aber, wie gesagt, alle sind ein wenig abgelenkt. So sieht man Brasch und den LKA-Mann beim Flirten im asiatischen Restaurant (wo Brasch besser mal die Wirtin unter die Lupe nehmen sollte, ohne dass wir recht sagen könnten, warum). Oder den Polizisten, der sich in einer imposanten, aber doch auch unzweckmäßigen Szene in den Pool fallen lässt. Oder den Kriminalrat Lemp, der offenbar an die guten alten Zeiten seiner Jugend denkt und daheim zur Gitarre seine Interpretation von Alphavilles „Forever Young“ singt. Es ist auch in dieser Version unwiderstehlich. So dass man selbst ganz melancholisch wird, obwohl das die dümmste aller Gelegenheiten dafür ist.

Denn auf Torsten C. Fischers lakonische Inszenierung mit einer irgendwie somnambulen und traurigen Kommissarin kann man sich zwar noch einlassen. Aber das verwickelte, immer wieder ein bisschen unscharfe Drehbuch von Stefan Dähnert und Lion H. Lau macht es selbst dem Michelsen-Fan nicht leicht. Zu viel und dabei zu wenig, eine unglückselige Mischung.

„Polizeiruf 110: Totes Rennen“,ARD, 20.15 Uhr.

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