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"Kommissarin Lucas - Tote Erde": Ellen Lucas (Ulrike Kriener) steht in der Mitte eines vierköpfigen Polizeiteams, neben ihr steht Boris Noethen (Michael Roll) und spricht mit ihr.

TV-Kritik 

Irgendwann fliegt der erste Stein: ZDF zeigt 29. Fall von „Kommissarin Lucas“

In dem interessanten Krimi aus der Reihe mit Ulrike Kriener stehen jugendliche Umweltschützer unter Mordverdacht.

Als das Drehbuch zu diesem Krimi entstanden ist, konnte niemand ahnen, welch’ weltweiten Zuspruch die Schulstreikaktion „Fridays for Future“ haben würde. Die Geschichte des 29. Falls für Ellen Lucas (Ulrike Kriener) spricht für das gute Gespür von Autor Mike Viebrock: Die Regensburger Hauptkommissarin wird mit drei Gymnasiasten konfrontiert, die die Welt retten wollen und ein radikales Umdenken fordern. 

Ulrike Kriener ermittelt wieder im ZDF

Die Aktionen der Gruppe gelten vor allem dem Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat. Offenbar hat das Herbizid jedoch bald ausgedient: Ein Regensburger Biotechlabor, das von einem großen Chemiekonzern unterstützt wird, hat eine Alternative namens Phytosat erfunden, die nicht gesundheitsschädlich ist. 

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Natürlich kommt dann alles ganz anders, sonst wäre „Tote Erde“ im Nu vorbei, und irgendwie muss ja auch noch ein Krimi aus der Handlung werden. Deshalb beginnt der Film nach einem Prolog, in dem das Thema angerissen wird, mit einem Scheunenbrand, bei dem ein Landwirt ums Leben kommt. Der Mann war aber wohl bloß ein sogenannter Kollateralschaden, der Anschlag galt anscheinend einem Pflanzenschutzmittelvorrat. 

Weil der Hof verschuldet ist und das Opfer eine beträchtliche Risiko-Lebensversicherung abgeschlossen hatte, verdächtigt Lucas’ Chef Boris Noethen (Michael Roll) trotzdem den Bruder des Toten; die beiden haben den Betrieb gemeinsam geführt. 

Tatsächlich gibt es diverse Indizien, die den Bauern (Markus Brandl) erheblich belasten. Regisseurin Sabine Bernardi führt jedoch auf eine andere Fährte und damit die Zuschauer an der Nase herum, indem sie das junge Trio unmittelbar vor dem Ereignis konspirativ beim Aufbruch zeigt. Außerdem gibt es ein Video über eine aggressive Auseinandersetzung zwischen den Jugendlichen und dem Opfer. 

„Tote Erde“ ist 29. Krimi mit Ulrike Kriener 

Endgültig zum Rätsel wird der Fall, als einer der Schüler mit gebrochenem Genick gefunden wird: Der junge Mann hat ein Praktikum bei Neox gemacht, jenem Start-up-Unternehmen, das Phytosat entwickelt hat. Das Herbizid steht kurz vor der Zulassung, die Firma kann daher keine schlechten Nachrichten brauchen. 

Die Geschäftsführerin (Genija Rykova) ist zwar offenkundig äußerst ehrgeizig, aber eigentlich gehört Neox zu den Guten. Oder doch nicht? Die Geschichte ist interessant und mal was Anderes. Natürlich gibt es einigen Erklärungsbedarf, weil das Thema Unkrautbekämpfung komplizierter ist, als die Parolen auf den Protestplakaten nahelegen, aber Viebrock hat die entsprechenden Ausführungen gut in die Dialoge integriert. 

Ähnlich geschickt geht der Film mit dem Umweltschutzgedanken um: Ellen Lucas hat ihre Jugend in den Sechzigern verbracht (jedenfalls ist Kriener Jahrgang 1954) und kann sich bestens in die jungen Leute hineinversetzen, zumal sie amüsiert zur Kenntnis nimmt, dass die Wortführerin gern Che Guevara zitiert. 

Glyphosat wird thematisiert 

Allerdings gibt es auch unüberhörbare Schwächen bei der Umsetzung: Junge Schauspieler ohne Ausbildung sind zwar stets eifrig bemüht, aber vielen fehlt die nötige Reife, um Emotionen richtig zu dosieren; deshalb reduzieren gerade männliche Jugendliche ihre Figuren oft auf Zorn. 

Kommt dann, wie in diesem Fall, noch eine Mission hinzu, ist das Ergebnis ein heiliger Eifer, der eher abschreckend als ansteckend wirkt. Natürlich entspricht das ebenso wie der deklamatorische Tonfall der Parolen sowie die schlichte Aufteilung der Welt in Gut und Böse bis zu einem gewissen Punkt der Realität, aber das macht es in „Tote Erde“ schwer, Sympathien für die beiden Überlebenden des Trios zu empfinden. 

Vermutlich dürften sich selbst junge Zuschauer nicht zur Identifikation eingeladen fühlen: Luna Jordan wird als Wortführerin Marie von der Regisseurin, die zuletzt das tragikomische Familiendrama „Ein Ferienhaus auf Teneriffa“ und mit „Böser Boden“ (2017) einen NDR-„Tatort“ über ein zumindest verwandtes Thema (Fracking) gedreht hat, betont burschikos und derart cool inszeniert, dass sie bei der Nachricht vom Tod des Landwirts nicht mal mit der Wimper zuckt; das ist nicht besonders glaubwürdig. 

Drehbuch verpasst Chance 

Gefühle zeigt sie erst, als Lucas sie mit einer früheren Freundin (Emilie Neumeister) konfrontiert, die mitten in einer Sabotage-Aktion ausgestiegen ist und seit einem anschließenden Unfall im Rollstuhl sitzt. Etwas konstruiert wirkt auch das Motiv von Maries Mitstreiter David (Bruno Alexander), zumal das Drehbuch hier eine Chance verpasst. 

Die weitaus überwiegende Mehrheit der Umweltaktivisten äußert ihren Protest friedlich, aber irgendwann, warnt Noethen, „fliegt der erste Stein“. Zu Ende gedacht führt der Gedanke zurück ins Jahr 1968, als eine militante Minderheit innerhalb der Studentenbewegung zunächst zum „Kampf gegen Sachen“ aufrief und später als „Rote Armee Fraktion“ die Republik erschütterte. 

Zweite Hälfte verliert Spannung 

Der Schluss, als David die Forschungseinrichtung in die Luft jagen will, ist davon nicht weit entfernt, aber Viebrock vertieft den Gedanken nicht weiter. Das Finale ist zwar trotzdem einigermaßen fesselnd, aber bis dahin geht dem Film in der zweiten Hälfte die innere Spannung verloren. Die Bildgestaltung (Oliver Maximilian Kraus) ist allerdings sehr sorgfältig.    Von Tilman P. Gangloff

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