Unter diesem Helm steckt ein neuer Kopf: Hauptkommissar Jens Stellbrink (Devid Striesow) sorgt im Saarländischen für Recht und Ordnung.
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Unter diesem Helm steckt ein neuer Kopf: Hauptkommissar Jens Stellbrink (Devid Striesow) sorgt im Saarländischen für Recht und Ordnung.

Tatort Saarland

Kommissar mit Wickelhose

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Devid Striesow ersetzt als neuer „Tatort“-Ermittler im Saarland die Kommissare Kappl und Deininger - und hebt sich deutlich ab von den Kommissarskollegen rundum.

Das kann ja heiter werden. Nur Minuten braucht der neue saarländische „Tatort“, sich in all der Sonntagabend-Krimifülle einen Platz freizuschlagen als originelle Variante zwischen dem Münsteraner Komikerduo und der poetischen Verschrobenheit, wie sie der Hessische Rundfunk mit dem klavierspielenden Ulrich Tukur und dem Schauplatz Wiesbaden versuchte.

Da schlappt ein blauäugiger Devid Striesow mit Kopfhörern (!), in Gummistiefeln (!!) und kurzer (!!!), karierter (!!!!) Hose durch einen Baumarkt und versucht, eine Klobürste zu entwenden, weil die begehrte Bürste sich sozusagen auf der falschen, der gerade gezählten Seite der Inventur befindet. Gerade hat er seiner Mama am Telefon erklärt, dass nein, sein neuer Job beim Morddezernat nicht gefährlicher ist als der alte bei der Bundespolizei – „ermordet werden in der Regel die anderen“ – , da wird auf dem Parkplatz des Baumarkts schon auf ihn geschossen, noch ehe er seine Einkäufe vollständig auf dem hellroten Mofa (!!!!!) verstauen kann.

Mach' den Yoga-Baum

Der Neue also, der nach sechs Jahren die Kommissare Kappl und Deininger (Maximilian Brückner, Gregor Weber) ersetzt, hebt sich durchaus deutlich ab von den Kommissarskollegen rundum. Jens Stellbrink (Devid Striesow) ist nicht mürrisch oder melancholisch, dafür kinderlieb, an die Bürotür hängt er ein Windspiel und vor dem Fenster macht er den Yoga-Baum, in einer Wickelhose aus Thailand. Sein respektables Motto lautet „für den tüchtigen Mann gibt es kein Übel“ – und schnell wird klar, dass seine Kollegin nicht Recht hat, wenn sie sagt: „Du bist so hoffnungslos naiv.“

Kommissar Stellbrink ist ein Reiner, aber kein Tor.

Da hat der Saarländische Rundfunk doch einen ziemlichen Coup gelandet. Denn wenn einer den von allen Unterschätzten (von „Zirkusabteilung“ spricht die Staatsanwältin) glaubwürdig spielen kann, dann Devid Striesow, dem man erstmal nichts, bald aber alles zutraut. Elisabeth Brück muss als Lisa Marx den sachlich-skeptischen, taffen Gegenpart geben, mit 1. FC-Saarbrücken-Wimpel statt Windspiel. Kommissarin Marx lernt man kennen, als sie beim Kampftraining die Staatsanwältin platt macht. Sie trifft außerdem ins Schwarze.

Ein feines Ermittlerteam

Der Yogi und die Lederjacken-Lady also, das ist schon in diesem ersten Fall ein recht feines Team, auch wenn sie es da noch nicht wissen. Denn der neue Saarbrücker Kollege findet im Baumarkt nicht nur eine Klobürste, sondern auch das kein Deutsch sprechende Mädchen Melinda, mit dem er gleich darauf fliehen muss, weil auf sie beide geschossen wird. Die beiden landen nach dem Drehbuch von Lars Montag und Dirk Kämper in einem ehemaligen Freizeitpark; Regisseur Hannu Salonen zeigt diesen als verwunschenen, leicht unheimlichen Märchenwald. Fliegenpilze und Miniatur-Schlösser stehen im Nebel. Beim Wort Cinderella verstehen sich Melinda und Stellbrink.

Bis der Groschen fällt

Vorwerfen kann man diesem munteren, aber doch auch im rechten Moment ernsten Tatort, dass die Schurken nicht nur klischeehafte Dunkelmänner sind – und darum durchsichtig –, sondern klischeehaft nordafrikanische Dunkelmänner. Als Zuschauer merkt man so schnell, dass da was nicht stimmen soll – etwa mit dem Dolmetscher (Samir Fuchs) mit den großen Augen –, dass man darauf wartet, wann endlich bei der Polizei der Groschen fällt.

Rehabilitiert werden immerhin die leidenschaftlichen Krimileser und -gucker, in Gestalt der herrlich nervenstarken Frau Müller (Silvia Bervingas), die Stellbrink auf die Sprünge hilft.

„Melinda“ ist ein guter Start. Zu einem exzellenten Sonntagabendkrimi fehlt ein Stückchen nur – das können die Saarländer mit Striesow allemal noch schaffen.

Tatort: Melinda, Sonntag, 20.15 Uhr, ARD.

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