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Der Berufsmüde und die Lernbegierige, Matthias Brandt und Maryam Zaree.

"Polizeiruf 110: Tatorte", ARD

Der Kommissar hat andere Prioritäten

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Matthias Brandt verabschiedet sich vom "Polizeiruf", Christian Petzold lässt ihn am Liebeskummer erkrankt sein.

Doch, man kann schon sagen, dass Matthias Brandt zum Abschied noch einen richtigen Fall mit einem richtigen Mord zu lösen bekommt. Man muss andererseits sagen, dass Hanns von Meuffels zu guter Letzt fast ausschließlich – und das wird schlimme Folgen haben – mit seinem Liebeskummer beschäftigt ist. Folge um Folge, 14 Mal insgesamt, hat Brandt als Meuffels nicht den Kopf verlieren müssen; jetzt, es ist sein Fall Nummer 15, telefoniert und fährt der Kommissar Constanze, Barbara Auer, hinterher. Und ruft nochmal an. Und nochmal. Sie sagt: „Lass uns nicht mehr telefonieren, bitte.“ Er will sie trotzdem „abholen“, sie ruft: „Nein!“ Meuffels ist plötzlich einsam, das ist absolut zu begreifen. Volle Umzugskartons stehen in seinem Flur und er legt „It’s the Same Old Song“ von den Four Tops auf („You’ve gone and left my heart in pain“). Aber er ist auch peinlich wie ein verknallter Pennäler.

Christian Petzold, Buch und Regie, verabschiedet jetzt den großartigen Matthias Brandt im Auftrag des BR. Er nennt diesen letzten Meuffels-„Polizeiruf 110“ mit einem Augenzwinkern „Tatorte“. Der Titel passt zur Figur des, eigentlich, gelassenen Ironikers. Und noch immer sind ihm auch einige der schönsten Sätze zugedacht, die an einem Sonntagabend fallen. Diesmal gehört dazu: „Wenn du ,Wurzelbehandlung‘ sagst, dann zucken alle zusammen, stellen keine Fragen mehr.“ Aber diesmal ist eben die „Wurzelbehandlung“ eine Lüge, um nach Nürnberg zu Constanze fahren zu können. Während des Dienstes. Das und noch manches mehr an unreifem Verhalten hätten wir von Meuffels nicht gedacht.

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Er bekommt noch eine neue Kollegin, zum Schluss. Er versteht zuerst gar nicht, wer ihn da anruft. Ungerührt lässt er ihr dann das Polizeiband ins Gesicht schnellen, lässt sie auflaufen, schnauzt sie an, schweigt sie an. Benimmt sich, kurz gesagt, wie ein Flegel und Ekel. Maryam Zaree spielt die junge Beamtin Nadja Micoud als rührend engagierten, ehrgeizigen, durchaus auch pfiffigen Frischling. Wenn Meuffels ihr ein Stöckchen hinhält, apportiert sie und macht dabei das meiste richtig. Zwar ist sie klein – „sind Sie wirklich so klein?“, fragt Meuffels, scheinheilig –, aber oho.

Fall nicht ohne Seltsamkeiten

Der Fall für Meuffels und Micoud ist nicht ohne Seltsamkeiten und Abkürzungen, aber gerade deswegen interessiert er. Auf einem abgelegenen Parkplatz wird eine Frau erschossen (was wollte sie da, morgens vor der Schule?), sie kann aber ihr Kind retten. Der Vater und Ex-Mann hasst sie so offen und offensichtlich, dass er womöglich trotz Sorgerechtsstreits schon mal ausscheidet als Täter. Dann kippt er um, die Zuschauerin lernt eine Kleinigkeit über Katatonie und Mutismus. Außerdem lernt sie, dass Meuffels gerne bügelt (konnte man das schon wissen?). Außerdem, dass er Fernsehkrimis blöd findet. „Die Welt ist nicht immer so wie um 20.15 Uhr“, lässt Petzold ihn schnippisch zu Nadja Micoud sagen. Na ja. Für so einen billigen Satz hat Meuffels eigentlich immer zu viel Niveau gehabt.

Petzold hat trotzdem einen starken und spannenden Film gedreht. Bildkräftig. Schnörkellos. Mit Zeit für einzelne kuriose Szenen: Constanze Hermann richtet für Polizeischüler einen Selbstmord(Mord?)-Schauplatz her, zum Beispiel. Einen Film mit originellen, aufs einzelne Wort Wert legenden Dialogen. Ohne dass dabei Dinge mehrfach erklärt werden – es bleibt vielmehr manches einfach im Raum stehen. Und warum nicht? Die Eltern der Ermordeten sind eigenartig, berichtet Micoud, aha. Delikate Spuren werden gerade noch verfolgt, dann redet auch schon keiner mehr davon.

Aber Christian Petzold hat doch auch einen Film gedreht, der an Meuffels eher nicht wie angegossen sitzt. Und irgendwie kann sich die Zuschauerin zuletzt des Gefühls nicht ganz erwehren, dass sie den außerordentlichen Hanns von Meuffels lieber nicht so fatal geistesabwesend in Erinnerung behalten hätte. Ihm folgt übrigens im kommenden Jahr die Österreicherin Verena Altenberger, sie wird als Elisabeth Eyckhoff in München ermitteln.

„Polizeiruf 110: Tatorte“, ARD, So., 20.15 Uhr.

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