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Einem alten Genre neue Seiten abgewinnen: Shu Qi in einer Szene des Schwertkämpferfilms „The Assassin“.

Filmfestival in Cannes

Der Koloss und der Strich

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Cannes vor dem Finale: Isabelle Huppert und Gérard Depardieu im „Tal der Liebe“, Jacques Audiard und Hou Hsiao-Hsien in Bestform.

In den besseren Tagen, die Cannes gesehen hat, hätte die Presse wohl keinen Centime für die Geschichte mit den Pfennigabsätzen gegeben. Nun aber muss man sich fragen, was die „Siebte Kunst“, wie die Franzosen stolz das Kino nennen, überhaupt noch wert ist, wenn seit Tagen über Stöckelschuhe debattiert wird. Drei Besucherinnen waren offenbar wegen zu flachen Schuhwerks des roten Teppichs verwiesen worden. Sollte das also das Frauenbild des Festivals sein, das schon vor Beginn kritisiert wurde, weil es nur zwei Regisseurinnen in den Wettbewerb einlud?

Nun hat sich Direktor Thierry Frémaux sogar offiziell entschuldigt: „Vielleicht gab es einen kleinen Moment des Übereifers“, lautet hoffentlich das Schlusswort der absurden Debatte, die nicht mehr zu kontrollieren schien, nachdem sich Hollywoodstar Emily Blunt eingeschaltet und das Gegenteil zum Postulat erhoben hatte: „Jede Frau sollte auf High Heels verzichten.“

Cannes-Veteranen können darüber nur die Köpfe schütteln. Einerseits sieht man tagtäglich Sandalenträgerinnen ungehindert, ja bewundert über das Rot flanieren, den nötigen Schick einmal vorausgesetzt. Anderseits gelten für Männer weit strengere Auflagen, meine Lektion stammt von meinem ersten Festivalbesuch vor 14 Jahren: Am unteren Rand der roten Treppe musste ich erst eine schwarze Fliege kaufen – und wurde, oben angekommen, doch noch abgewiesen: Meine nagelneuen Schuhe waren leider nur von Camper.

Bei so viel Aufregung kann der Thriller „Sicario“, in dem Emily Blunt im Wettbewerb zu sehen ist, kaum mithalten. Als amerikanische Polizistin wird sie im Grenzgebiet zu Mexiko unfreiwillig zur Komplizin eines korrupten FBI-Agenten. Unter der Regie des Kanadiers Denys Villeneuve wird leider nicht mehr als ein durchschnittlicher Polizei-Thriller daraus. Vor allem aber bietet das Frauenbild des Films sehr reellen Anlass zur Kritik. In einer zentralen Szene wird sie von ihren Vorgesetzten als Lockvogel eingesetzt: Man ist sich sicher, dass sie sich zu einem One-Night-Stand verführen lässt. Doch anstatt die Begegnung glaubhaft auszuspinnen, reicht im Drehbuch die Information, dass sie seit längerem alleinstehend ist, für die nötige Motivierung. Nach seiner meisterhaften Theateradaption „Die Frau die singt“ ist Villeneuve ähnlich anspruchsvollen Stoffen aus dem Weg gegangen. Für eine Einladung nach Cannes reicht – wie im Fall von Gus Van Sants desaströsem „The Sea of Trees“ – wie so oft der gute Name.

Wie ein unechter Van-Sant-Film wirkt dagegen der französische Wettbewerbsbeitrag „Valley of Love“ von Guillaume Nicloux. Er hat sich offensichtlich den Minimalismus, die Landschaftsfotografie und die Todesthematik von dessen „Gerry“ zum Vorbild für sein Road Movie genommen: Zwei geschiedene Eltern erfüllen mit der gemeinsamen Reise ins Death Valley den letzten Wunsch ihres Sohnes, der Suizid begangen hat. In Briefen hat er die Reiseroute vorgegeben und ein letztes Wiedersehen versprochen.

Weder die dünne Filmidee noch die spektakuläre Wüstenlandschaft machen freilich einen Film daraus. Allein ein Besetzungscoup lässt uns das „Tal der Liebe“ mit überraschender Geduld bereisen: Isabelle Huppert und Gérard Depardieu tragen den Film praktisch allein auf ihren Schultern. Nicloux revanchiert sich, indem er die schon in ihrer körperlichen Ausstrahlung so gegensätzlichen Filmikonen wie Naturgewalten inszeniert. Isabelle Huppert, diesem feinen Strich in weiter Landschaft, gehört die mehrminütige Anfangseinstellung, die sie nur von hinten, auf dem Weg zum hintersten Bungalow einer Motel-Anlage zeigt.

Dépardieu, der Koloss, spielt weite Teile des Films lediglich in der Unterhose. Einmal teilt sich das Breitwandbild, links sitzt verschwindend klein Huppert, rechts, noch durch das Bett erhöht, thront hünenhaft ihr Filmpartner: Unwillkürlich denkt man an das berühmte Diane-Arbus-Foto der Familie eines Riesen. Noch nie bekam man so viel Depardieu für seine Kinokarte: Als trauernder Vater, der sich nur widerstrebend auf die Reise eingelassen hat, gelingt ihm eine eindrucksvolle Darstellung. Kaum vorzustellen, zu welcher Hochform er hätte auflaufen können – hätte Nicloux’ Kino nur etwas mehr zu bieten als musikalische Anklänge an Hitchcocks „Psycho“ und vorhersehbare Geistererscheinungen.

Nur einer unter den sieben französischen Wettbewerbsbeiträgen ragt heraus. Gedreht hat ihn Jacques Audiard, der noch einmal zurückfindet zum sozialen Realismus von „Der Prophet“ – und durch eine Reduktion im Tempo eine noch feinere Ausdrucksform erreicht. „Dheepan“, der Filmtitel ist der Name der Hauptfigur, erzählt von drei Bürgerkriegs-Flüchtlingen aus Sri Lanka, die in einem Pariser Vorort unterkommen. Ein Schlepper hat den Mann, die Frau und das etwa neunjährige Mädchen mit den Pässen einer verstorbenen Familie ausgestattet. So sind sie bei der Rolle geblieben, kümmern sich um das Waisenkind, auch wenn ihnen die Liebesfähigkeit fehlt, so sehr sie diese manchmal selbst vermissen. Dass am Ende doch noch ein aktionsreiches Drama daraus wird, hat dieses einfühlsam und originell erzählte Beziehungsdrama gar nicht nötig.

Aber dann ist Audiard ganz in seinem Element: Wenn sich die drei unversehens in einer Fortsetzung des Bürgerkriegs unter tamilischen Nachbarn wiederfinden, findet sein Film zu einem spektakulären Finale.

Man kann sich gut vorstellen, dass die Jurypräsidenten Joel und Ethan Coen der Aktualität und Tiefe dieses Dramas Anerkennung zollen. Auch wenn ihnen in den letzten acht Tagen kein besserer Film gezeigt worden ist als Todd Haynes’ makelloses Gesellschaftsdrama „Carol“. Noch immer führt es die Kritikerumfragen an. In einer ungesehenen Detailtreue lässt Haynes das konservative Amerika der frühen fünfziger Jahre auferstehen und schafft einen zeitlosen Liebesfilm.

Dennoch lehrt die Cannes-Erfahrung, dass Favoriten nicht immer mit dem verdienten Palmengold nach Hause gehen. Als Überraschungskandidat könnte ausgerechnet ein historischer Martial-Arts-Film aus dem alten China bei der Preisverleihung am kommenden Sonntag das Rennen machen. Regisseur Hou Hsiao-Hsien galt bisher als einer der angesehensten Vertreter eines minimalistischen Kunstfilms. Doch gerade deshalb ist es ihm wohl nun gelungen, einem alten Genre völlig neue Seiten abzugewinnen. „The Assassin“ ist in seinen malerischen Bildern ein Meisterwerk des Schwertkämpferfilms geworden.

In den weiteren Kategorien bot das überdurchschnittliche Wettbewerbsprogramm gleich viele aussichtsreiche Kandidaten. Als sicher gilt dabei ein Preis für den ungarischen Holocaust-Film „The Son of Saul“, der in die Tötungsmaschine Auschwitz führt. Unter den Darstellern hat sich der britische Star Colin Farrell ins Herz der Festivalbesucher gespielt. Mit seiner Satire „The Lobster“ bescherte ihm der Grieche Yorgos Lanthimos einen preiswürdigen Ausflug ins Kunstkino. Auch in Cannes ist der Hummer ein überaus begehrtes Tier, neben der beliebten Auster. Und das Beste: In den Fischrestaurants der Croisette gibt es nicht mal eine Kleider-Etikette.

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