Cannes, vor der Eröffnung der Filmfestspiele.
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Cannes, vor der Eröffnung der Filmfestspiele.

Cannes

Kollektiver Filmrausch in Cannes

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Fast schon ein Lebensalter auf dem Buckel: Heute beginnt das 68. Filmfestival von Cannes. Eröffnet wird mit dem Sozialdrama „La tête haute“ der Französin Emmanuelle Bercot, der außer Konkurrenz läuft.

Kann man „cadavre exquis“, das Lieblingsspiel der Surrealisten, auch mit sich alleine spielen? Kopf und Körperteile selbst in freier Folge aneinanderreihen? Tatsächlich vermischen sich bei einem Filmfestival wie dem von Cannes schon nach ein paar Tagen Details aus Filmen zu schwer entwirrbaren Wachträumen. Heute beginnt das Festival zum 68. Mal, fast schon ein Lebensalter hat der kollektive Filmrausch auf dem Buckel.

Kein Wunder, dass der Österreicher Peter Tscherkassky mit seinem Avantgardefilm „The Exquisite Corpus“ den Geschmack des cinephilen Frankreich trifft. Mit dem Lichtstift zeichnet er direkt auf das Zelluloid und kopiert dabei Schattenwesen aus Horrorfilmen zu immer neuen Kreaturen. Sein Kurzfilm gehört zu den Höhepunkten der „Quinzaine des Réalisateurs“, dem Parallelfestival, das sich zum Schaulaufen am Roten Teppich auf der anderen Straßenseite der Croisette verhält wie die Nacht zum Tage. Hatte man dort eine Zeitlang versucht, aus dem Überangebot des Abgelehnten eine Art zweitbestes Cannes zu schmieden, setzte man zuletzt offensiv auf künstlerische Alternativen. Ist es wirklich noch so, dass das offizielle Cannes wie in seinen prägenden Jahren ein Festival der Regisseure ist?

Die offizielle Dramaturgie lässt etwas anderes vermuten. Schon der heutige Eröffnungsfilm, das Sozialdrama „La tête haute“ der Französin Emmanuelle Bercot, läuft außer Konkurrenz – und garantiert mit seinem Star Catherine Deneuve zumindest genug Publicity im eigenen Land. Als Jugendrichterin nimmt die 71-Jährige hier einen wiederholt rückfälligen Jugendstraftäter (Benoît Magimel) unter ihre Fittiche. Soziale Gegensätze sind ein Dauerthema im französischen Arthouse-Kino, was man als Korrektiv zu einem blinden Flecken in Teilen der Politik begreifen kann. Anderseits ersetzen glückliche Kino-Enden wie bei „Ziemlich beste Freunde“ kaum Debatten über die Situation insbesondere der algerisch-stämmigen Jugend in den Vorstädten. Unvergessen ist Nicolas Sarkozys Wort „racaille (Abschaum), das er bei den Unruhen 2005 prägte.

Gern Gefälligkeits-Konsens

Immerhin thematisch bricht dieser Eröffnungsfilm mit dem für diesen Platz typischen Gefälligkeits-Konsens. Dennoch überstrahlt die Außenwirkung populärer Blockbuster-Premieren außer Konkurrenz jedes Jahr deutlicher die künstlerische Ausrichtung. Nicht, dass George Millers episches Wüstenrennen „Mad Max Fury Road“ ein Film wäre, der die Extreme scheute. Doch wenn man wirklich eine Aussage mit dieser Aufführung verbinden wollte, sollte man ihn lieber – ebenso wie den Pixar-Animationsfilm „Inside Out“ – gleich in den Wettbewerb heben. Woody Allens Anwesenheit außer Konkurrenz lassen wir uns dagegen gern gefallen, man sieht ihn ja sonst nicht in persona. Sein „Irrational Man“ ist ein depressiver Philosophieprofessor (Joaquin Phoenix), den auch die Zuneigung seiner besten Studentin (Emma Stone) nicht ins Leben zurückholen kann. Das gelingt unfreiwillig einem Fremden.

Fast die gleiche Geschichte erzählt, wenn man so will, Gus Van Sant in einem japanischen Wald: In „The Sea of Trees“ trifft ein lebensmüder Amerikaner auf einen gleichgesinnten Einheimischen – und entwickelt in der Anteilnahme, aber auch unter dem Eindruck der Landschaft, neuen Lebensmut. Auch der Thailänder Apichatpong Weerasethakul, dessen „Uncle Boonmee“ 2010 die Goldene Palme gewann, widmet sich in seinem neuen Film „Cemetery of Splendor“ den Heilkräften der Natur. Einmal mehr sind es die Geister der Verstorbenen, die – in der Umgebung eines Krankenhauses – positiven Einfluss auf den Zustand bewusstloser Soldaten haben. Dass es dieser Film nur in den Nebenwettbewerb „Un certain regard“ geschafft hat, ist indes kein gutes Zeichen – traditionell erlebt man bekannte Regisseure hier oft mit ihren Nebenwerken.

Der mit Spannung erwartete neue Film des avantgardistischen Filmerzählers Miguel Gomes aus Portugal hätte dagegen wohl schon aus formalen Gründen nicht in den offiziellen Wettbewerb gepasst. Mit einer ganzen Trilogie wartet er in diesem Jahr auf, nun eben in der „Quinzaine des Réalisateurs“: Er hat sich mit „Arabian Nights“ an den Märchenschatz von „Tausendundeiner Nacht“ gewagt und nach allem Anschein noch mit reichlich Phantasie erweitert. Keine Stars, aber dafür Meerjungfrauen und eine Kuh, die über einen tausendjährigen Olivenbaum sinniert, schmücken seinen Film, und das soll uns Grund genug sein, dieses Jahr das Glück auch auf der „falschen“ Seite der Croisette zu suchen. Schade, dass Joel und Ethan Coen als Jury-Präsidenten dort ihrer Arbeit nicht nachgehen können – es könnte dort sehr nach ihrem Geschmack zugehen.

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