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Szene aus Ari Folmans Animationsfilm "Waltz with Bashir".
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Szene aus Ari Folmans Animationsfilm "Waltz with Bashir".

Filmfestival in Cannes

Kollektive Blindheit

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Blindness, Blindheit: Der Titel des Eröffnungsfilms des 61. Festivals von Cannes könnte das stärkste Kinothema sein.

Blindness, Blindheit: Der Titel des Eröffnungsfilms des 61. Festivals von Cannes könnte das stärkste Kinothema sein. Doch während die moderne Kunst früh das Schwarz für sich entdeckte, die Neue Musik die Stille in all ihrer klanglichen Vielfalt aushorchte, haben sich Filmemacher immer vor dem letzten Schritt gefürchtet. Wer im dunklen Saal auch noch den Projektorenstrahl unterbricht, der kündigt auch jenen Vertrag mit der Schaulust, der selbst den radikalsten Filmkünstlern heilig ist. Lieber hält man es mit Bunuel, der für seinen Film "Der andalusische Hund" mit einem Messer in ein Auge schnitt, damit wir die unseren reflexartig von selber schlössen.

Dunkel wird es nie im Film des Brasilianers Fernando Mereilles, dafür hat schon José Saramago in seinem Roman "Die Stadt der Blinden" gesorgt: Die Epidemie, die in rasender Verbreitung die Bewohner einer Großstadt befällt, blendet nicht ins Schwarz, sondern ins Weiß: So wird es nun im Kino in den bedrohlichsten Augenblicken taghell, was Kameraleute selten für eine gute Idee halten und unerwünschte Ablenkung garantiert. Ein unablässiger Erzähler betreibt Romanrezitation im Filmtheater und spielt den unerwünschten Blindenhund. Dabei braucht man für die Deutungsebene gar keine Laterne: Schnell wird ein Glaubensverlust als mögliche Ursache fehlender Illumination herangezogen. Und Trost spendet allenfalls Julianne Moore, die einzig Sehende, während einer peinlichen Nacktszene mit ihrer trockenen Feststellung: Die Blindheit der anderen verschaffe wenigstens den Hässlichen einen gewissen Vorteil. Cinephile hören solche Scherze gar nicht gern. Wir brauchen unsere Augen noch.

Vielleicht für Angelina Jolie auf dem Roten Teppich, die ihre Stimme an eine animierte Tigerin in "Kung Fu Panda" verliehen hat und nun noch ihre physische Anwesenheit nachreicht. Oder, dringender noch, für den sensationellen Wettbewerbsbeitrag aus Israel, Deutschland und Frankreich, "Waltz with Bashir".

Der Dokumentarfilmer Ari Folman macht sich auf die Suche, ein Loch in seiner Erinnerung zu schließen. Als Zwanzigjähriger muss er im Libanonkrieg Zeuge eines Massakers gewesen sein, das Christen an Palästinensern verübten. Ein Psychiater glaubt allerdings eher an eine Übertragung des Traumas seiner Eltern, die den Holocaust in Auschwitz überlebten. Der Regisseur forscht weiter und sammelt Interviews. Jedes provisorische Bild, das sich ergibt, wird sichtbar und bleibt doch nur Modell: Ari Folman hat die aufwändige Form eines Animationsfilms gewählt, um zu repräsentieren, was auch seine früheren Kameraden zu einem guten Teil verdrängt haben.

Ein früherer Kamerad kann nur mit einem wiederkehrenden Alptraum über eine Hundemeute am Meer aufwarten. "Ich bin nicht allein", schreibt Folman über seinen Film, "ich glaube, es gibt tausende früherer Soldaten, die ihre Erinnerungen tief zurückgedrängt haben. Aber sie können jederzeit ausbrechen, und wer weiß, was dann passiert".

Ariel Sharon scheinen sie nicht sonderlich zu quälen. Als Verteidigungsminister musste er seinerzeit zurücktreten, nachdem ein Untersuchungsausschuss seine Untätigkeit trotz besseren Wissens bewiesen hatte: Toleriert von israelischen Truppen hatten im September 1982 die Falangisten, christlich-libanesische Milizen, etwa 3000 palästinensische Flüchtlinge massakriert, die meisten von ihnen Frauen, Alte und Kinder. Die Videoaufnahmen der Toten, die damals um die Welt gingen, beenden den Animationsfilm als einzige Realaufnahmen. Doch es geht hier nicht um eine erneute Anklage-Erhebung wegen des erst am dritten Tag von den israelischen Truppen gestoppten Massenmords.

Ari Folmans anfänglich surreal anmutender, schließlich verstörend sachlicher Animationsfilm begreift die Erinnerung als Alien: Unfassbar in ihrer amorphen Struktur, nicht zu greifen und doch - gerade in ihrer kollektiven Form - von gespenstischer Macht. Vier Jahre hat er an diesem Film gearbeitet, er nennt sie seine Therapie. So wurde das Motiv des Eröffnungsfilms, kollektive Erblindung, schon am zweiten Tag ein politisches Thema von höchster Brisanz.

Und auch der dritte Film des Wettbewerbs, der argentinische Beitrag "Leonera" von Pablo Trapero ("Argentisch Reisen"), beginnt mit einer unaufgelösten Leerstelle: Eine schwangere Studentin flüchtet sich aus ihrer verwüsteten Wohnung und wird später wegen Mordes an ihrem Freund verurteilt. Fast der gesamte Film spielt in der für Mütter mit Kindern eingerichteten Station eines Gefängnisses. Auch dies ist ein Ort, der sich für gewöhnlich der Sichtbarkeit entzieht: Trapero beleuchtet ihn mit allen erdenklichen zwischenmenschlichen Aspekten - außer einem, der Schuldfrage. Sie hat in seinem humanistischen Kino nichts verloren, wie ihr auch bei Ari Folman bestenfalls eine Nebenrolle zukommt.

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