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Der „König der Löwen“ blickt auf sein Reich.

Remake

„König der Löwen“: Der Kreislauf des Lebens ist für Disney-Filme eine endlose Wiederverwertung

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„König der Löwen“: Das Remake des Zeichentrickfilms ist weniger als eine schlechte Kopie. Der Kreislauf des Lebens ist für Disney-Filme heute offenbar eine endlose Wiederverwertung

Walt Disney war kein Freund von Fortsetzungen und Remakes. Als man ihn dazu drängte, eine Filmserie mit den „drei kleinen Schweinchen“ zu produzieren, antwortete er mit dem berühmten Satz: „Man kann Schweine nicht mit Schweinen übertreffen“.

Heute herrscht in Hollywood das Gesetz der Serie. Es gibt kaum einen Blockbuster, der nicht ein „Franchise“ ist. Als sei die größte Kunst nicht gerade in der Erschaffung neuer Einzelwerke zu finden, widmet sich gerade der Disney-Konzern derzeit vorrangig der Selbstkopie.

Mit immensem Aufwand wird seit Wochen das digitale Remake des „König der Löwen“ beworben. Kurze Internetclips zeigen die bekanntesten Szenen des Zeichentrickfilms von 1994 zu den bekannten Klängen der Musik von Hans Zimmer und Elton John, doch gespielt von scheinbar echten Tieren vor realistischer Kulisse. Wer sich den Film daraufhin ansieht, bekommt wie versprochen: dasselbe in Grün. Doch ob die Rechnung diesmal aufgeht?

„König der Löwen“: Leni-Riefenstahl-hafte Felsenempore des Löwenkönigs

Regisseur Jon Favreau inszenierte für Disney zuletzt „Das Dschungelbuch“; aus dem sonnigen Musicalklassiker machte er ein vorrangig finsteres Grusical. Aber doch immerhin etwas anders. Wenn der Film einen Reiz hatte, dann war es die Sichtbarkeit der Darsteller im digital generierten Umraum. Und ein nicht zu überdeckender Rest an authentischer Schauspielkunst. Und dann war da noch eine vorsichtige aber durchaus erkennbare Lust, hier und da einen Stein in King Louis Tempelruine umzuschichten und eine Palme hinter dem Rücken von Balu, dem Bären, umzupflanzen.

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Der künftige „König der Löwen“: Jung-Simba schaut sich in der Welt um.

Hier nun haben wir es ausschließlich mit digitaler Animation zu tun, und die Szenerien, allen voran die Leni-Riefenstahl-hafte Felsenempore des Löwenkönigs zu Beginn, sind in 3D-Programmen gebaut. Die Musik wurde so nachgespielt, wie man es auf Hans-Zimmer-Konzerten erleben kann: tongenau aber mit größerem Orchester. Wenn man es gut meinen wollte, könnte dieses Bild-für-Bild-Remake als die ultimative Respektsbezeugung vor dem Original betrachten. So wie Gus Van Sant, als er Hitchcocks „Psycho“ nachdrehte, darauf bestand, keine Bildidee des Meisters abzuändern. Was er freilich nicht aus seinen Bildern fernhalten konnte, war der Geist der Gegenwart von 1998 – das Remake gewann so die Qualität von Konzeptkunst.

Jon Favreaus „König der Löwen“ ist eine Schande für die Erinnerung an Meisterzeichner 

Favreaus „König der Löwen“ fehlt selbst dieser Reiz. Es ist ein Monument der Fantasielosigkeit, ein letzter Grabstein auf dem untergegangenen Zeichentrickstudio und eine Schande für die Erinnerung an Meisterzeichner wie Andreas Deja. Alles was seinen Schurken Scar so unvergesslich machte, ist dem Naturalismus geopfert. Noch die Broadway-Show hatte der Kunst der Disneyzeichner Respekt gezollt, hatte die Künstlichkeit als Ansporn gesehen, etwas eigenes zu schaffen. Nichts ist banaler als eine Rückverpflanzung in eine Pseudo-Realität. Also das, was Walt Disney mit den Mitteln der Kunst überwinden wollte.

Großer Filmstart von „Der König der Löwen“

Das Einzige, was der Disneykonzern heute an Neuinterpretation anbietet, liegt in der Besetzung der Stimmen. Diesmal sind ausnahmslos afroamerikanische Schauspieler für die Löwen gewählt, Danny Glover in der Rolle des ungestümen Simba, James Earl Jones ist wie im Original sein weiser Vater Mufasa, Chiwetel Ejiofor ersetzt Jeremy Irons als Scar, Beyoncé Knowles spricht Nala, die Löwenbraut.

Wie wichtig derartige Entscheidungen in den amerikanischen (Internet-)Medien genommen werden, merkt man gerade an der Debatte um das aktuelle Realfilm-Remake von „Arielle, die Meerjungfrau“: Dass die afroamerikanische Sängerin Halle Bailey die Titelrolle spielt, inspirierte eine Vorabkritik von Kommentatoren: Hinter dem Vorbehalt, die Ähnlichkeit zum Original sei nicht mehr gegeben, drangen mitunter rassistische Töne durch. So absurd die Debatte ist, so wertvoll ist für Disney die Publicity. In jedem Fall kann man froh sein, dass sich zumindest im Arielle-Remake dadurch etwas ändert gegenüber dem Original.

Schon der alte „König der Löwen“ war genau besehen ein Remake – von Osamu Tezukas Anime-Serie „Kimba, der weiße Löwe“. Man musste kein Fan sein von der Heroisierung der Feudalherrschaft und allem Pathos, mit dem sie daherkam. Und doch konnte man sich schwer entziehen von der schieren Wucht des „Circle of Life“. Der Kreislauf des Lebens – für Disneyfilme liegt er offenbar heute in der endlosen Wiederverwertung.

Mehr zum Film: Der König der Löwen

„Der König der Löwen. USA 2019. Animationsfilm. Regie: Jon Favreau. 110 Minuten.

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