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Christoph Waltz als introvertierter Hacker Qohen Leth.
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Christoph Waltz als introvertierter Hacker Qohen Leth.

„The Zero Theorem“

König der Daten-Fischer

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Imaginärer Champagner und andere Widrigkeiten des noch moderneren Lebens: Regisseur Terry Gilliam und Hauptdarsteller Christoph Waltz warnen in „The Zero Theorem“ vor der digitalen Zukunft. Die Aussage ist schnell zu erfassen und erlebt kaum eine Vertiefung.

Der Datenstrudel ist ein schwarzes Loch in Terry Gilliams „Zero Theorem“, aber immerhin verführerisch umrahmt von galaktischem Nebel, der in schwülen Farben schimmert. Hier begegnen wir Qohen Leth, dem von Christoph Waltz gespielten Computersüchtigen gleich zu Beginn, und darin zieht es ihn auch später wieder: Gemeinsam mit einer verführerischen, aber streng platonischen Netz-Geliebten, der von Mélanie Thierry gespielten Bainsley.

Man trifft sich an virtuellen Stränden, trinkt imaginären Champagner, stets untermalt von süßen Streicherhöhen, die Filmkomponist George Fenton („Und täglich grüßt das Murmeltier“) beim Hitchcock-Klassiker „Vertigo“ abgekupfert hat. Aber was ist schon authentisch in einer Gesellschaft, die sich vornehmlich in sozialen Netzwerken trifft und sich wenig darum kümmert, welcher Fischer diese Netze eigentlich ausgeworfen hat.

Matt Damon spielt in einer Nebenrolle den König dieser Daten-Fischer, sein weltumspannender Datenkonzern Mancom, ein Amalgam aus Facebook, Google und Playstore, führt auch Qohen Leth auf seiner Gehaltsliste. Er soll das „Zero Theorem“ beweisen, eine Hypothese aller Nichtigkeit der Dinge.

Dazu ist er in seinem grandiosen Domizil, einer entweihten Kathedrale voller Computermonitore, 24 Stunden online. Eine solche Binsenweisheit zu beweisen, ist schon eine rechte Sisyphosaufgabe. Da geht sein nicht minder computerafiner, pubertärer Sohn schon unbefangener an die Sache: Im Handumdrehen zaubert er einen Algorithmus auf die Tafel, dessen doppelte Parabel zugleich unverkennbar der Oberweite einer Pizzabotin Tribut zollt, die kurz zuvor eine Fast-Food-Lieferung abgegeben hat. Die positive Botschaft dieser kleinen Szene: Auch die reale Welt hat ihre Attraktionen.

In dieser nicht allzu fernen Zukunft, in die Monty-Python-Veteran Terry Gilliam mit gewohntem Pessimismus führt, lebt man die „Gamification“: So hat der britische Programmierer Nick Pelling jenes Phänomen benannt, das uns spieltypische Elemente in allen Lebensbereichen offeriert.

Für die Arbeit des von Waltz gespielten Hackers bedeutet das tagein tagaus in einer an die Würfelwelt des populären Onlinespiels „Minecraft“ angelehnten 3D-Landschaft mathematische Formeln wie Bauklötze zusammenzusetzen. Versprochen wird ihm dafür ein Anruf über die eigentliche Bestimmung seines Lebens. Der allerdings kommt nie, dafür meldet sich nur die betuliche Online-Psychologin (Tilda Swinton).

Bessere Aussichten dürfen wir vom Autor von „Das Leben des Brian“ nicht erwarten, der Waltz auch einmal ein Kruzifix, an dem er Halt sucht, unfreiwillig demolieren lässt. Und zur Lösung von Computerproblemen präsentiert Gilliam ein recht archaisches Mittel, das in dieser versponnen Komödie recht oft zum Einsatz kommt: den Vorschlaghammer.

Es ist ein weiter Weg von seinem Meisterwerk „Brazil“ zu diesem grellbunten Nebenwerk, das in rumänischen Ateliers entstand. Durch seinen verbalen und piktoralen Overkill scheint es die Null-Theorie seines Titels stets aufs Neue zu beweisen.

Wer Gilliam einmal kennenlernt, erlebt in ihm einen Verächter all dessen, was heute als Effekt-Blockbuster firmiert. Vor drei Jahrzehnten schuf er mit „Brazil“ einen Klassiker des satirischen Zukunftsfilms, hier kehrt er noch einmal zurück zum ideologischen Kern dieses dystopischen Meisterwerks. „,Brazil‘ hatte eine Aussage“, erklärt er im Gespräch, „die meisten Fantasy-Filme haben keine. Es geht um einen Mann, der seinen Platz in seiner Welt, seinem Ministerium nicht mehr erkennt. Die meisten Fantasyfilme von heute sehen zwar gut aus, haben aber nichts zu sagen.“

Das kann man „The Zero Theorem“ nicht vorwerfen, aber trotz seiner beziehungsreichen Dialoge ist die Aussage doch sehr schnell zu erfassen und erlebt kaum eine Vertiefung: Es ist eine Warnung vor der schleichenden Depression, die nur zu leicht eine ganze Gesellschaft erfassen könnte, so gut sich die Monotonie verstecken lässt im virtuellen Beschäftigtwerden. Ein lyrisches Schlussbild immerhin passt noch zwischen all die trüben Aussichten. Man darf es schon mal verraten.

Da hat es sich Christoph Waltz noch einmal, einsam, an seinem virtuellen Strand gemütlich gemacht, bis ihm ein Ball entgegen schwimmt. Kein Volleyball wie „Wilson“, Tom Hanks’ Gefährte in Robert Zemeckis’ Robinsonade „Cast Away“, sondern ein aufblasbares Souvenir. Waltz wirft ihn grazil hoch und fängt ihn wieder, entdeckt dann aber im goldgelben Sonnenball ein noch schöneres Spielzeug. Mit Schwung wirft er ihn tief in den Postkartenhorizont, um den schönen rosaroten Sonnenuntergang des Filmendes noch etwas zu beschleunigen.

Aber auch dieses schöne Bild kommt nicht ohne Wermutstropfen daher, schließlich sind wir noch immer bei Terry Gilliam. Der Radiohead-Song „Creep“ liefert dazu die Worte: „Ich wünschte, ich wäre etwas Besonderes, etwas ganz Besonderes. Doch leider bin ich komisch, ein Nerd und gehöre hier einfach nicht hin.“

The Zero Theorem. Regie: Terry Giliam. GB/Rumänien/F/USA 2014. 107 Min.

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