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Rolf Hoppe, hier im Jahr 2015.

Nachruf Rolf Hoppe

Der König ist tot

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Die Stimme, der Blick: Rolf Hoppe ist 87-jährig in Dresden gestorben.

Zweierlei ist unvergesslich, ist besonders unvergesslich. Die etwas angeraute, flach gehaltene, jedenfalls minimalistisch singende, kunstlos sich gebende, mit wenig Aufwand Wirkung erzielende Stimme. Die Augen und wie sie blickten, kühl, hartzart und ein wenig scheu, was auch bloß ein anderes Wort für lebhaft ist. Wenn man an sie denkt, sind sie gleichmütig, dabei gibt es wenige Schauspieler, die auf Fotos so freundlich und entspannt aussehen wie Rolf Hoppe. 

Die Stimme und der Blick werden ihm aber sehr geholfen haben in seinen beiden populärsten Rollen. Es klingt grotesk, aber am allerwenigsten von allem werden sein König aus „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ (1973) und sein Ministerpräsident aus „Mephisto“ (1981) vergessen werden. 

Der König im hinreißendsten aller uns bekannten Märchenfilme ist ein Leichtsinnspinsel der Extraklasse, zugleich – das sind so Widersprüche, die Hoppe zusammenbringen konnte – ein abgeklärter Mensch. Es ist absolut unmöglich, in einen Märchenfilmkönig mehr Interessantes hineinzulegen. 

Der Ministerpräsident in István Szabós Verfilmung von Klaus Manns Roman ist Hermann Göring, dessen Bild Hoppe hinfort festlegte: Der Schlächter im Gewand eines jovialen, unfassbar harmlos und vergnügt wirkenden kugeligen Menschen. Er habe, sagte Hoppe später im Interview mit der „Sonntagszeitung“ der FAZ, Göring so spielen wollen, wie er ihn selbst im Zuge des Nürnberger Prozesses erlebt habe. Damals habe er zu seiner Mutter gesagt: „Der einzige, der nicht verurteilt werden kann, ist Göring, dieser freundliche, volkstümliche, humorige Mann.“ Szabó habe gesagt: „Ja, dann spielen Sie ihn so, wie Sie es Ihrer Mutter erzählt haben.“

Komplizierte Dinge wurden keineswegs simpel, wenn der Schauspieler Rolf Hoppe sich ihrer annahm – auch sein Aschenbrödel-König zeigt ihn als Charakterdarsteller –, aber alles Gedrechselte war ihm fremd, und etwas Großschauspielerisches ließ er sich jedenfalls nicht anmerken. Obwohl er es sich hätte leisten können. Rolf Hoppe war nicht nur ein raffinierter, leichtherzig wirkender, aber vermutlich hart arbeitender Schauspieler („ein harter Beruf“, sagte er, mehr als 400 Film- und Bühnenrollen wurden gezählt). Er war auch einer, der nicht hinter seinen Rollen verschwand, sondern ihnen sein Gesicht gab. 

Wer das schafft, kann auch in einer Rosamunde-Pilcher-Verfilmung mitmachen, selbst wenn sie „Klippen der Liebe“ heißt, und – so er reiten kann, und Rolf Hoppe konnte reiten – in der ersten Staffel der Serie „Alles Glück dieser Erde“. Und ohnehin im Tatort und allen einschlägigen Krimiserien. Schwer zu sagen, ob Rolf Hoppe immer das Niveau heben konnte, aber es gelang ihm, selbst nie peinlich, immer der Darsteller Rolf Hoppe zu sein. 

„Ich muss spielen. Ich sehe nicht ein, warum ich aufhören sollte“, sagte der 73-Jährige 2004 der „Märkischen Allgemeinen“. Dabei, so Hoppe, sei es doch „ziemlich egal, in welchem Genre man sich tummelt. Hauptsache, die Charaktere sind interessant, die Figuren stimmig. Dann hab ich keine Hemmungen, auch kleine Rollen zu spielen“.

Die unermüdlich scheinende Lust am Fernsehfilm erklärte er auch damit, dass er als DDR-Bürger wenig „Fernsehsachen“ habe machen können, „nur Abenteuer und Märchen bei der Defa“. Ohnehin war er jenseits dessen und jenseits von Kinoproduktionen – immer gerne besetzt als Monarch, Finsterling, Nazi, er konnte damit leben, machte sich eher darüber lustig – in erster Linie und über Jahrzehnte Bühnenschauspieler.

1930 im Harz in eine Bäckerfamilie geboren (er begann auch eine Bäckerlehre), machte er seine schauspielerische Ausbildung in Nordhausen und Erfurt, wo er ein erstes Engagement bekam und eine Stimmbandlähmung die Karriere früh zu beenden schien. Der Pferdeliebhaber arbeitete vorerst als Zirkustierpfleger in Leipzig. Nach der Heilung ging es über Halle, Greifswald, Gera ans Staatstheater Dresden. Von 1961 an spielte Hoppe hier alles, was es zu spielen gab, Lear, Richter Adam, Fiesco, Brecht-Rollen, komische Rollen. Schon vor der Wende wurde er nach Salzburg zum „Jedermann“ entsandt (als Mammon). Die DDR endgültig verlassen, war nie sein Ziel, der Bauer hänge an der Scholle, erklärte er. Ohnehin gelang ihm der Sprung vom berühmten DDR-Schauspieler zum berühmten gesamtdeutschen Schauspieler ohne sichtbare Probleme. Es war, so schien es, eine Erweiterung der Möglichkeiten. 

Erst im hohen Alter sah er lieber zu, auch in seinem eigenen kleinen Haus, dem „Hoftheater“ auf einem Bauernhof im sächsischen Weißig. Im nahen Dresden ist Rolf Hoppe am Mittwoch im Alter von 87 Jahren gestorben.

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