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Köln-Tatort „Schutzmaßnahmen“ im Ersten – Die Schenks und die Schurken

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Von: Judith von Sternburg

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Drei Generationen: Dietmar Bär (v.l.), Natalie Spinell, Maira Helene Kellers. Foto: Martin Valentin Menke/WDR/Bavaria Fiction
Drei Generationen: Dietmar Bär (v. l.), Natalie Spinell, Maira Helene Kellers. © WDR/Bavaria Fiction GmbH/Martin

„Schutzmaßnahmen“ heißt der neue Köln-Tatort im Ersten, bei dem man auch nach der Silvesternacht einigermaßen mitkommen wird.

Köln – Ein Stadtteil ist auch bloß ein Dorf, und nicht jedem liegt es, dass Wirt und Wasserhäuscheninhaberin einem nach ein paar Jahren freundlich zuwinken, wenn man anonym durch die Metropole nach Hause huschen will. In Köln heißt so etwas Veedel. Es ist der eigentliche Star im Tatort „Schutzmaßnahmen“, mit dem der WDR und das Team Ballauf/Schenk, Klaus J. Behrendt und Dietmar Bär, das Jahr nicht zu anstrengend beginnen lassen. Im Veedel kommen nämlich genau so viele Leute vor, dass man selbst die entfernteren Verdächtigen noch an weniger als zwei Händen abzählen kann.

Mittendrin, das ist nun überraschend: die älteste Tochter von Kommissar Schenk, Sonja, Natalie Spinell, die zuletzt 1999 im Tatort auftrat. Das nennt man einen langen Atem. In „Kinder der Gewalt“ hatte Tessa Mittelstaedt einen Gastauftritt, noch bevor sie als Assistentin ins Team vorrückte. Ballauf wohnte in der Pension. So lange ist das her.

Köln-Tatort im Ersten

„Tatort: Schutzmaßnahmen“, ARD, Sonntag (1. Januar 2023), 20.15 Uhr.

Köln-Tatort „Schutzmaßnahmen“ im Ersten: „Wir sind hier keine Fremden“

Inzwischen hat Sonja selbst eine Tochter (Maira Helene Kellers) und ist mit einem Restaurantbesitzer (Timur Isik) zusammen und hier im Viertel ganz zu Hause. Man kennt sich, alle sind auch irgendwo stolz drauf, aber so schön ist das gar nicht. Erstens ziehen am Anfang Neonazis durch die Straßen und geht das Restaurant in Flammen auf.

Zweitens liegt gleich gegenüber eine marode Eckkneipe, in der ein ebenso maroder Dackel lebt und anscheinend höchstens ein Gast zugleich einen Schnaps konsumiert. Meist ist es eh die Polizei, und zwar im Dienst. Man sei im Dienst, sagt die Polizei, während die Wirtin, von Almut Zilcher mit trauriger Grandezza gespielt, Schnäpse einschenkt. Aber die sind eben alle für sie. Ihre Kneipe ist jene Art von Ort, an dem Katja Ebstein singt „Abschied ist ein bisschen wie sterben“, während jemand in Sekundenschnelle zusammengeschlagen wird, und zwar lebensgefährlich.

Köln-Tatort im Ersten: Vater und seine Söhne tyrannisieren die Gegend

Drittens, und das ist natürlich das Schlimmste, tyrannisieren ein Vater und seine beiden Söhne die ganze Gegend. Man fragt sich ein bisschen, wie sie das anstellen, aber es funktioniert bisher offenbar sehr gut. Der Vater wird von Manfred Zapatka gespielt. Er dosiert seine Jovialität so fein, dass es einem kalt den Rücken herunterläuft, während man noch denkt, das sei doch ein recht netter alter Mann. Sein Sohn Marko (Paul Wollin) ist eher der rustikale Typ.

Der andere Sohn ist jetzt tot. Er liegt im abgebrannten Restaurant, das er – wie wir von vornherein und Schenk und Ballauf bald wissen – selbst angezündet hat. Die Zusammenhänge sind durchaus komplex, zumal neben den lieben Schenks, den bösen Raschkes und der traurigen Wirtin eine weitere Familie ins Spiel kommt, die Göktans, die mit den Raschkes eine Rechnung offen haben, die besonders groß ist.

Die Frage, ob es hier überhaupt um Rassismus und Fremdenfeindlichkeit gegen könnte, beantwortet Frau Göktan (Günfer Çölgeçen) kühl: „Wir sind hier keine Fremden, also gibt’s hier auch keinen Fremdenhass.“ Während sich das Drehbuch von Paul Salisbury an der einen Stelle bemüht, Klischees zu vermeiden, tauchen sie gelegentlich an der anderen Stelle wieder auf. Nina Vukovic inszeniert das als Kammerspiel, das hat genug Klasse und Geschmack, um nicht gleich zu merken, dass „Schutzmaßnahmen“ unter dem Strich zugleich abwegig und routiniert ist.

RolleDarsteller
Max BallaufKlaus J. Behrendt
Freddy SchenkDietmar Bär
Dr. RothJoe Bausch
Norbert JütteRoland Riebeling
Natalie FörsterTinka Fürst
Sonja SchenkNatalie Spinell
Frida SchenkMaira Helene Kellers
Karim Farooq\tTimur Isik
Viktor RaschkeManfred Zapatka
Marko RaschkePaul Wollin

Köln-Tatort „Schutzmaßnahmen“ im Ersten: „Ich wollte doch nicht, dass er stirbt“

Schenks Verhältnis zu seiner Tochter: ambivalent. Die Enkeltochter trinkt lieber Bier, als Eis zu essen, wie die Zeit verfliegt. Während Ballauf einigermaßen cool auf den Unterschied zwischen zum Beispiel Telefonstreich und Drohanruf aufmerksam macht, regt sich Schenk zunehmend auf. Zapatka: Na na na, Herr Kommissar.

Anstrengender sind aber Schenks Verwandte. Sie sollen einfach in einer Wohnung bleiben, zu ihrer eigenen Sicherheit, aber sie flippen herum und bauen einen Unsinn nach dem anderen. Das hat man seit „24“ nicht mehr gesehen, wenn Jack Bauer nicht nur die gefährlichsten Terroristen, sondern auch die eigene Tochter unter Kontrolle halten musste. Problematisch, dass der milde alternde Schenk – irre engagiert, es geht ja um seine Familie, mehr Betroffenheit ist gar nicht möglich – zur Unzeit einschläft, und zwar tief.

Nachher der vertraute Satz: „Ich wollte doch nicht, dass er stirbt.“ Das Ende muss um unser aller Seelenheil willen glätten, was nicht zu glätten ist. (Judith von Sternburg)

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