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Das Gesicht dieses Films: Isabelle Huppert als Nathalie.
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Das Gesicht dieses Films: Isabelle Huppert als Nathalie.

„Alles was kommt“

Der klügste Film dieses Sommers

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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In „Alles was kommt“ von Mia Hansen-Løve brilliert eine großartige Isabelle Huppert in der Rolle einer Halt suchenden Intellektuellen.

„Philosophie ist nicht alles“, sagt Isabelle Hupperts Filmfigur einmal, und das trifft ihre Weltsicht schon ganz gut: Alles nicht, aber doch fast alles.

Wie der von ihr bewunderte Theodor W. Adorno findet die Philosophielehrerin Nathalie auf fast jede Frage eine Antwort, nicht nur in der Kritischen Theorie. So steht sie felsenfest im Leben, und das bleibt auch so, als es Stück für Stück aus seinen Fugen bricht.

„L’Avenir“, „Alles was kommt“, heißt dieser Film, und schon früh gibt es darin eine Szene, die Kulturpessimisten aus der Seele spricht. Sie führt Nathalie zum Verlag, der ihre handlichen Essaybände für den Schulgebrauch herausgibt. Ihr „Adorno“ ist ein Ladenhüter, immerhin geht das Bändchen zu Foucault noch ganz gut. Zwar möchte man die Bücher nicht gleich aus dem Programm nehmen, doch die Kulturindustrie fährt ihre schwersten Geschütze auf: Grässlich bunte Einbandmuster werden präsentiert. Für Nathalie sehen sie aus wie Haribo-Werbung. Kann es noch schlimmer kommen? Als ihr Ehemann, Kollege und langjähriger Reisegefährte durch unzählige Regalmeter theoretischer Schriften plötzlich erklärt, er liebe eine andere, sagt sie nur nüchtern: „Und ich dachte, Du würdest mich ewig lieben.“

Die französische Filmemacherin Mia Hansen-Løve, schreibt und inszeniert Filme, wie sie früher Eric Rohmer gemach hat. Äußerlich streifen sie viele Genres und Spielorte, zuletzt sah man von ihr „Eden“, ein überlanges Zeitbild über die Raver-Kultur der 90er Jahre. Untrennbar verortet sie ihre Figuren in den kulturellen Strömungen, die sie sich als Lebensraum gewählt haben. Es ist ganz unvermeidlich, dass man ihnen dabei auch bei einer Tätigkeit zusehen muss, für die Hollywood in seiner Allmacht nur selten bleibende Bilder fand – dem Denken.

Isabelle Huppert ist das Gesicht dieses Films, wie sie seit nunmehr vier Jahrzehnten das Gesicht des besseren Teils der zunehmend kommerziell ausgerichteten französischen Filmindustrie geblieben ist. Für diese späte Selbstfindungsgeschichte einer Intellektuellen ist sie die ideale Besetzung: In ihrer Alterslosigkeit verkörpert sie mehr als glaubhaft eine Frau, die mit Ende fünfzig plötzlich wieder leben könnte wie als Studentin: Mit dem Verlust der Ehe ist plötzlich ein Übermaß an Freiheit über sie hereingebrochen. Doch was anstellen mit diesem Geschenk der Freiheit?

Mit einem Doktoranden, den sie gefördert hat, verbringt sie einen Teil des Sommers in der Gemeinschaft junger Intellektueller, die eine Zeitschrift für linke Theorie herausgeben und Woody-Guthrie-Lieder hören. Für einen Moment ist das französische Landhauskino da, wo es schon so oft war: Glücklich im Biotop endloser Debatten unter freiem Himmel. Doch so einfach ist es diesmal nicht.

Aber dies ist auch kein „best-ager-movie“, indem Menschen in den besten Jahren aus ihrer bürgerlichen Existenz geworfen werden, um noch mal von vorn zu beginnen. Wie sollte Nathalie das tun? Die emanzipatorischen Prozesse, die diese jungen Intellektuellen gerade durchlaufen, hat sie seit Jahrzehnten hinter sich. Es dauert nicht lange, bis der junge Mann, mit dem sie jeder konventionelle romantische Komödien-Plot zusammengebracht hätte, als „bürgerlich“ tituliert, weil sie auf keine Barrikaden geht. Bald wird klar: Noch einmal jünger zu tun, als sie ist, wäre für Nathalie die reine Selbstaufgabe.

Als dieser Film im Februar auf der Berlinale lief, wo er mit dem Regiepreis ausgezeichnet wurde, stand er in seiner feinen, stets überraschenden und doch perfekt austarierten Form fast allein auf weiter Flur. Nun ist „Alles was kommt“ neben Maren Ades „Toni Erdmann“ der klügste Film dieses Sommers. Und es ist tatsächlich ein echter Sommerfilm: So oft im Dialog von Rousseau die Rede ist, so sehr drängt es die Inszenierung zurück zur Natur.

Schon die wunderbare Eröffnungsszene spielt unter freiem Himmel. Da besucht Nathalie im Familienurlaub das berühmte, namenlose Grab Dichters François-René, Vicomte de Chateaubriand auf der Bretagne-Insel Grand Bré. Bereits zu Lebzeiten hatte sich der Mitbegründer der französischen Romantik dieses Plätzchen ausgesucht. Gleich einem Gemälde Caspar David Friedrichs grüßt seither das Grabkreuz aus der Küstenlandschaft. Glücklich, wer „alles was kommt“ so ruhig erwarten kann, wie dieser Dichter seinen Tod. Nathalie hat es dagegen in der Szene eilig von dem Grabmal wegzukommen. Sie weiß es nicht, aber die Energie wird ihre Rettung sein. Ihr Leben beginnt gerade erst von Neuem.

Alles was kommt. F 2016. Regie: Mia Hansen-Løve. 98 Minuten.

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