Auf ein schwieriges Thema gut vorbereitet: Maybrit Illner.
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Auf ein schwieriges Thema gut vorbereitet: Maybrit Illner.

"Maybrit Illner", ZDF

Kleines Wunder gesucht

  • Daland Segler
    vonDaland Segler
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Wie geht's weiter in Griechenland? Scheitern Merkel und Euro? Schwierige Fragen für Illners Runde.

Die Schulden sind von 120 auf 175 Prozent der Wirtschaftsleistung des Landes gewachsen. Die Wirtschaft ist um ein Viertel zurückgegangen. Die Löhne und Einkommen sind um 35 bis 40 Prozent gesunken. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 27 Prozent, bei den unter 25-Jährigen sogar bei 60 Prozent. Der Mindestlohn ist um 20 Prozent gekürzt worden.

Ein Drittel der Bevölkerung nimmt nicht mehr an der Krankenversicherung teil - und das ist nur die offizielle Zahl, inoffiziell sollen es 50 Prozent sein. Die Kindersterblichkeit hat um 43 Prozent zugenommen. Und die Anzahl der Selbsttötungen um 45 Prozent. Es ist ein Schreckensbild, das Gregor Gysi vom Zustand Griechenlands und dessen Entwicklung seit Beginn des Sparzwangs zeichnet. Und seine Statistiken bleiben unwidersprochen in der Runde bei Maybrit Illner.

"Aufstand in Athen – scheitert Merkel, scheitert der Euro?" lautet das Thema. Und wenn Gysis Darstellung stimmt, kann man eigentlich nur noch wünschen, dass die Hellenen von ihrer Schuldenlast befreit werden. Zumal die nun Regierenden den Schlamassel nicht angerichtet haben, in den das Land im Süden Europas geraten ist. 

Zu Recht fragt der Linken-Politiker, warum Angela Merkel und andere glauben, dass ausgerechnet die Verantwortlichen für die Krise, die althergebrachten Parteien, diese auch wieder überwinden sollen. Doch da ist Günter Oettinger als CDU-Mitglied pflichtgemäß ganz anderer Meinung; er verweist auf erste kleinere Erfolge der abgewählten Regierung Samaras’ – auch wenn er einräumt, dass die reichen Oligarchen in Athen immer noch keine Steuern zahlen. Aber das Konzept Merkels und der Troika habe doch etwa in Irland und Portugal gewirkt.

Aber was werden die Spanier, Italiener und Franzosen sagen, wenn den Griechen tatsächlich der Schuldenschnitt gewährt würde? Das sei nun der Testfall, glaubt die Wirtschaftsjournalistin Silvia Wadhwa, die im Übrigen darauf hinweist, dass „der reine Sparkurs  in Brüssel ideologisch gescheitert“ sei. Aber wie soll Athen tatsächlich 320 Milliarden Euro Schulden abbauen?

Es brauche ein kleines „Wachstumswunder“, vermutet die in Mainz lehrende Ökonomieprofessorin Beatrice Weder di Mauro. Sie beschreibt die aktuelle Debatte um Schuldenschnitt und Vertragstreue als „Chickenfight“ – als ob Hühnchen Merkel und Hähnchen Tsipras aufeinander losgingen, oder als ob zwei Autos aufeinander zurasten.  Wobei ein Zusammenprall auch andere in Europa  in Mitleidenschaft zöge.

Bis Ende Februar hat das Land noch Geld, aber ein Crash könne schon früher drohen, wenn die Griechen aus Angst vor eben diesem ihr Geld von den Banken holten. Das kann in niemandes Interesse sein. Keiner wolle, dass Griechenland aus dem Euro rausgehe, darin sind sich alle in der Runde einig, auch wenn der FDP-Politiker und „Euro-Rebell“ Frank Scheffler findet, dass die Griechen aussteigen sollten – nachdem man ihnen den Schulden-Nachlass gewährt habe.

Die Debatte endet munterer als sie beginnt

Aber hat Merkel denn noch die Kontrolle, fragt die sichtlich erholte und muntere Maybrit Illner, die ihre Rolle energisch spielt und gut präpariert wirkt. Weder di Mauro verweist auf die erstarkende Bewegung Podemos in Spanien, man müsse deshalb sicherlich „perspektivisch über Erleichterungen nachdenken“. Aber da ist womöglich Mario Draghi mit seiner  Europäische Zentralbank vor, die wegen ihrer Zinspolitik längst in der Kritik steht.

Gysi findet, die EZB hätte ihr Geld an die Entwicklungsbank geben müssen: Aufbau statt Abbau sei die Lösung der Probleme im Süden Europas.  Auch Silvia Wadhwa ist der Meinung, ein Konjunkturprogramm wäre nötig gewesen. So gebe die EZB Geld aus, „und das Freibier kriegen immer nur die Banken“. Oettinger, in dieser Runde der Gesundbeter, will „nicht immer alles so negativ sehen“, und Weder di Mauro und Wadhwa stimmen ihm zu – aber anders als gedacht: denn die Deutschen hätten doch von Europa profitiert mit ihren Exporten.   

Und nun hat der Euro als Folge von Draghis „Bazooka“ (Weder) von über einer Billion frischen Geldes an Wert verloren – was Frank Scheffler zum glühenden Anwalt des Sparers werden lässt: Er erklärt Mario Draghi kurzerhand „im Kern zum Dieb“, weil er die Menschen mit ihren Sparbüchern und Lebensversicherungen mit seiner Niedrigzinspolitik enteigne. Empörung bei Oettinger ist die logische Folge.

So endet die Debatte ein wenig munterer, als sie beginnt ­ aber selbstredend wird die Titelfrage nicht beantwortet, und nur eines scheint sicher: Die Protagonisten der Politik werden noch einigen Stoff für weitere Rätsel-Runden liefern.

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