Katja Riemann spielt Anna, die Bürgermeisterin des kleinen gallischen Dorfes "Saint-Lassou".
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Katja Riemann spielt Anna, die Bürgermeisterin des kleinen gallischen Dorfes "Saint-Lassou".

"Das gespaltene Dorf", Arte/ARD

Das kleine gallische Dorf

Der zweite Teil des deutsch-französischen Fernseh-Projekts zum Thema Atomenergie ist eine französisch geprägte Dorfkomödie über ein geplantes Endlager für nuklearen Abfall. Dass sie wenig lustig gerät, ist nicht mal das größte Problem.

Von Daniel Bickermann

Der Gedanke hinter dem „Tandem“-Projekt scheint naheliegend: Der deutsche Teil „Tag der Wahrheit“, geprägt von hiesigen Ängsten und Erfahrungen mit der Kernkraft, war ein internationaler Katastrophenthriller über die Anfälligkeiten altersschwacher AKW. Der französische Beitrag dagegen kommt als Provinzposse daher – die politische Dialogkomödie, im deutschen Fernsehen praktisch ohne Tradition, steht in Frankreich schließlich in voller Blüte, wie erst kürzlich Bertrand Taverniers spöttisch-furioser Comebackfilm „Quai d'Orsay“ belegte. Jede Fernsehnation durfte sich also von ihrer besten Seite zeigen.

Und tatsächlich hat „Das gespaltene Dorf“ das Potenzial für eine hochgradig bissige Satire. Eine deutschen Öko-Bürgermeisterin in einem kleinen gallischen Dorf, die den Endlagerplänen der übermächtigen französischen Atombehörde zu trotzen versucht; ein großstädtischer französischer Ingenieur, der 30 Millionen Euro Finanzhilfe für den Landkreis verspricht, wenn die Leute nur ihren Boden für die nächsten 150.000 Jahre verseuchen – eine beinahe dürrenmattsche Ausgangslage, dieser Besuch der alten Atombehörde.

Aber wo schon „Tag der Wahrheit“ im formelhaften Thriller-Plot und in allerhand nationalen Klischees stecken blieb, säuft auch „Das gespaltene Dorf“ in einem behäbigen Schmonzettenbrei ab, wie man ihn selbst im deutschen Fernsehen nicht dicker hätte anrühren können.

Weder Regisseur Gabriel Le Bomin noch die beiden Co-Autoren Eric Eider und Ivan Piettre haben sich bisher als Komödienspezialisten hervorgetan, und hier muss man ein berühmtes englisches Attest ausstellen: „They forgot to bring the funny.“ Als Dorfkomödie überraschen die lauwarmen Güllehaufen-Witze und der mangelnde Handyempfang niemanden mehr. Zudem in diesem Genre Arbeitsverträge und Liebesbekundungen auf den ersten Blick vielleicht legitim sind, aber in derartiger Fülle und bei solch mangelnder Eleganz dann doch für Irritation sorgen.

Als Kulturkampfkomödie wiederum bleibt die deutsche Öko-Aktivistin, die auf der Dorfstraße penibel Fahrradweglinien zieht, ebenso im Klischee stecken wie die französischen Dorfbewohner mit ihrem savoir-vivre und selbstgebrannten Schnaps. Dem kulturgeschockten Pariser, der sich als schwul, kochbegabt und herzensgut herausstellt, hat man ein paar mehr Facetten gegönnt, das komische Potenzial solcher Eigenheiten bleibt aber leider völlig unausgeschöpft.

Das Drehbuch bietet Katja Riemann und Laurent Stocker, die sich durchaus wacker schlagen, einfach zu wenige wirklich überraschende Momente. Lediglich die legendäre Claude Gensac als greise Gastwirtin darf manchmal ein wenig anarchischen Charme versprühen.

Unlustige Komödie

Aber während das Privatleben der Figuren im Bereich der unlustigen Komödie verbleibt, gerät der politische Aspekt des Films sogar zum richtigen Ärgernis. Es gäbe nämlich beiderseits treffende Argumente für und wider die Endlagerung von Atommüll – nur leider scheint der Film daran nicht interessiert. Stattdessen darf der Ingenieur ohne einen Anflug von Ironie das Verbuddeln von strahlendem Material als „hochsicheres Endlager“ bezeichnen und die kulturellen Erfahrungen seiner deutschen Gegnerin (Asse, Tschernobyl) beiseite wischen mit einem seufzenden „Oh lala, die ist aber ein bisschen schwierig, was?“

Erst nach 45 Minuten, als man sich längst damit abgefunden hat, dass der Atommüll in dieser Dorfkomödie lediglich als austauschbarer McGuffin fungieren soll, beginnen die beiden Figuren eine ansatzweise fundierte Diskussion über das Thema. Und erst nach 60 Minuten kommt jemand auf die Idee, den Ingenieur mit der Frage zu behelligen, die von Beginn an im Raum steht: Wenn das alles so sicher und finanziell vorteilhaft ist, warum ist die Atombehörde dann überall sonst im Land trotz massiver finanzieller Anreize abgeblitzt?

Wenn solche Diskussionen einmal hochkommen, dann nur zwischen den Protagonisten. Als eine Ingenieurs-Kollegin die Dorfbewohner als Provinzidioten beschimpft, wird sie dafür gerügt, dabei suggeriert „Das gespaltene Dorf“ in Wahrheit selbst genau dieses Weltbild. Die Meinung der Dörfler schwenkt radikal hin und her, je nachdem, wo das Drehbuch sie gerade braucht, und zu keiner Zeit sind sie zugänglich für eine sachliche Argumentation – weswegen dann auch gar keine aufkommt. Bis zu seinem Finale, das alle Parteien ohne echten Grund versöhnt zurücklässt, geht es dem Film nur darum, diese Dorfbewohner mit Illusionen, Klüngeleien oder Taschenspielertricks umzustimmen.

Wie Kleinkinder träumen sie von irren neuen Spielzeugen, und sie sagen tatsächlich Sachen wie: „Na und, wir sehen den Abfall ja nicht!“ Aber in dieser Zeit der Wutbürger und der Volksentscheide, der Online-Petitionen und der basisdemokratischen Bewegungen, ist die Behauptung, dass die Aufklärung und Diskussion mit den Bürgern nicht von Belang ist, weil man die öffentliche Meinung ohnehin mit ein paar Handreichungen drehen kann, ebenso traurig wie falsch. Und das sollte sich auch in Frankreich schon herumgesprochen haben.  

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