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Jon Bernthal, Eliza Gonzales, Ansel Elgort, Jamie Foxx (v. l. n. r.).

"Baby Driver" im Kino

Wie der kleine Bruder von "Drive"

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Mit Edgar Wrights "Baby Driver" kommt endlich wieder ein richtig guter Fluchtfahrer-Film in die Kinos.

Wenn schon die Ingenieurskunst der Autobauer nicht mehr hält, was sie verspricht, wie viel seltener ist da noch ein richtig guter Straßenfilm. Ein Renn- oder Fluchtfahrer-B-Picture, wie sie in den siebziger Jahren in Mode waren. Damals hießen ihre Stars Barry Newman („Fluchtpunkt San Francisco“), David Carradine („Cannonball“) oder Bruce Dern („Driver“).

Zuletzt erinnerte Nicolas Winding Refns tiefschwarzer Gangsterfilm „Drive“ mit Ryan Gosling noch einmal mit Wehmut an ein Genre, das unterging, als die Autos anfingen, auszusehen wie Elektrorasierer. Restlos demontiert wurde es in den Tuning-Werkstätten der „The Fast and the Furious“-Serie.

„Baby Driver“ klingt schon im Titel wie die kleine Ausgabe dieses großen, bösen Bruders „Drive“. Aber was für ein schlauer, frecher, liebenswerter und dennoch angemessen durchtriebener kleiner Bruder von einem Film dies ist. Erst im Abspann ist der gleichnamige Simon-and-Garfunkel-Song zu hören, der offensichtlich den Titel und eine gewisse Stimmung inspirierte. Die sexuellen Konnotationen von Simons motorisiertem Liebhaber sind im Film zwar kaum zu spüren, wohl aber die jungenhafte Unschuld.

Der Fahrer „Baby“ in Edgar Wrights Film, gespielt von Ansel Elgort, ist ein jugendlich wirkender Fahrkünstler, der so arglos aussieht, dass wir nicht daran zweifeln, dass er nur unfreiwillig in Gangsterkreisen gelandet ist – weil er, wie es die Genre-Konvention auch verlangt, irgendeine gewaltige Schuldenlast abträgt. So hat er in einem halbseidenen Mastermind von Einbrüchen (Kevin Spacey) einen Mentor gefunden, der ihn zum gefragtesten Fluchtfahrer von Atlanta aufgebaut.

Weitere vertraute Zutaten, die serviert werden, sind: Die fast platonische Liebe des Helden zu einer Kellnerin (Lily James), die zwischen die Fronten gerät, und zündende Musiknummern, die das Timing der Raubzügen bestimmen. „Baby“ hört sie schweigend über Kopfhörer, was einem ebenfalls bekannt vorkommt, allerdings aus einem früheren Werk des Regisseurs: In einem Musikvideo hatte Wright die Nummer „Blue Song“ der Band Mint Royale ebenfalls zum Ohrenfutter eines Raubzugs erkoren. Kann ein Film, der nur aus Vertrautem besteht, dennoch überraschen?

Es ist sicher kein bedeutender, aber ein beglückender Film, der einen ständig schmunzeln lässt weil einfach alles so gut klappt. Ansel Elgort verleiht seinem Helden, dessen Musiksucht ein Tinnitus-Leiden und dessen Fatalismus ein Kindheitstrauma überdecken, die angemessene Brüchigkeit.

Die konservierte Jungenhaftigkeit, die er zeigt, mag von einen 23-Jährigen keine übermenschliche Schauspielkunst verlangen. Doch in Wrights Inszenierung wirkt sie geradezu symbolhaft für jenes Refugium, das die Masken der Jugendlichkeit bieten – eine auf unbestimmte Zeit verlängerte Narrenfreiheit. Und dann sind da noch 44 Musiknummern, die diesen Film wie eine perfekt programmierte Jukebox untermalen – von Ennio Morricone über Dave Brubeck zu Jonathan Richman, von T. Rex zu Beck und Blur, finden gebrauchte Teile verblüffend gut zusammen. Selbst die Besetzung des Schurken mit „Mad Man“ Jon Hamm wirkt bereits wie eine Wiederentdeckung.

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