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Klagen auf hohem Niveau

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Matthias Krüger (Chirurg) sagt: "Der Arztberuf wird mehr und mehr zum Albtraum".
Matthias Krüger (Chirurg) sagt: "Der Arztberuf wird mehr und mehr zum Albtraum". © ZDF und Michael Damm

Eine Reportage stellt Menschen vor, die sich ihre beruflichen Träume erfüllt haben und dennoch unzufrieden sind.

Von Tilmann P. Gangloff

Die Idee ist ja nicht schlecht: Autorin Doro Plutte stellt in ihrem Film Personen vor, die Ziele erreicht haben, von denen fast jeder träumt – bis sich der Traumjob als Albtraum entpuppte; so legt es zumindest der allzu plakativ formulierte Titel nahe. Tatsächlich kann von „Albtraum“ keine Rede sein; im Vergleich zu den vielen Menschen, die sich für miserable Bezahlung mit prekären Jobs durchschlagen, führen die Protagonisten ein weitgehend sorgenfreies Leben. Ein früherer Frankfurter Investmentbanker zum Beispiel litt nach seinem Wechsel an die Deutsche Börse unter dem sogenannten Boreout-Syndrom: Ihm war schlicht langweilig in seinem neuen Job. Die Tätigkeit war zwar ausnehmend gut bezahlt, aber er fühlte sich unterfordert. Deutlich relevanter ist der zweite Handlungsstrang mit einem Magdeburger Chirurg, der einst seinen Beruf ergriffen hat, weil er den Menschen helfen wollte, und nun einen Großteil seiner Arbeitszeit mit Bürokratie verbringen muss; von anstrengenden Nachtdiensten nach arbeitsreichen Tagen ganz zu schweigen. Auch die Dritte im Bunde macht nicht den Eindruck, als wäre sie ein Fall für Hartz IV, und auch bei ihr kann von Albtraum keine Rede sein. Die Wiesbadenerin Isabella Wirth war vor gut zwanzig Jahren eine äußerst erfolgreiche Fotografin, denn sie ist als eine der ersten auf die Idee gekommen, normale Menschen wie Models zu fotografieren. Aber dann begannen andere, ihren Vorher/Nachher-Stil zu kopieren, und schließlich ging die Wertschätzung für ihre Arbeit verloren, weil dank digitaler Bildbearbeitungsmöglichkeiten plötzlich auch weniger begabte Fotografen in der Lage waren, ihre Modelle perfekt aussehen zu lassen.

Während gerade der Bankmann auf sehr hohem Niveau zu klagen scheint, geht es bei dem Chirurgen wenigstens um einen gesellschaftlichen Missstand, denn die Klage des Mannes bezieht sich neben seiner eigenen Situation vor allem auf das Gesundheitssystem, das Ärzte zwingt, ökonomisch zu denken: weil nicht mehr die Qualität der Arbeit im Vordergrund steht, sondern bloß noch Statistiken. Die Lage der Fotografin werden viele Freiberufler, die mit veränderten Marktsituationen klarkommen müssen, gut nachvollziehen können. Aber auch beim Banker überrascht der Film mit einer Wende: Irgendwann hat er seinen gutdotierten Job einfach hingeschmissen, eine fünfjährige Ausbildung zum Osteopathen absolviert und eine eigene Praxis eröffnet. Jetzt endlich befreit ihn Plotte vom Stigma des armen reichen Mannes, denn es dauerte über zwei Jahre, bis die Praxis endlich lief. Auch die Fotografin findet schließlich eine neue Nische. Bloß beim Chirurgen deutet nichts auf eine Änderung zum Besseren hin.

Die drei Protagonisten sind als Persönlichkeiten, die etwas zu erzählen haben, gut ausgewählt; ihre Unzufriedenheit ist nachvollziehbar. Trotzdem weist auch dieser „37 Grad“-Beitrag ein Manko auf, das für die gesamte Reihe gilt: Die Bilder sind gnadenlos von vorn bis hinten zugetextet. Momente der Entspannung, um das Gehörte sacken zu lassen, sind in den Filmen ohnehin rar, aber da Plotte ihre knappe Sendezeit auf gleich drei Protagonisten verteilen muss, wechselt die Erzählperspektive wie bei einer Doku-Soap permanent von einer Ebene zur anderen. Das lässt die Reportage nicht nur atemlos wirken, es verhindert auch, dass man sich angemessen auf die Personen einlassen kann; von den diversen Redundanzen, weil wegen der ständigen Wechsel bestimmte Details mehrfach wiederholt werden, ganz zu schweigen. Auf einem anderen Sendeplatz hätte sich die Autorin vielleicht sogar auf den Chirurgen konzentrieren können, um anhand seines beruflichen Alltags die Entwicklung des auf Profit-Erwirtschaftung ausgerichteten Gesundheitssystems anzuprangern, aber so funktioniert „37 Grad“ natürlich nicht; hier geht es um Menschen, nicht um Missstände. Einen Beigeschmack hat auch ein gemeinsamer Trip mit der Fotografin nach Mallorca, wo Wirth ein Seminar besucht. Das war ohne Frage eine angenehme Dienstreise für die Autorin, auch wenn die wenigen Szenen, die sie dann im Film verwendet, ausgesprochen verzichtbar anmuten; das „Shooting“ mit einer älteren Frau hätte sich sicher auch in Wiesbaden drehen lassen.

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