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Los Angeles im April: Der Cinerama Dome ist zu und soll nicht mehr geöffnet werden.
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Los Angeles im April: Der Cinerama Dome ist zu und soll nicht mehr geöffnet werden.

Tod des Kinos

Das Kinosterben erreicht den Cinerama Dome in Los Angeles: Die letzte Vorstellung

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Der „Cinerama Dome“ in Los Angeles hat zugemacht. Das einmalige Kino-Denkmal ist das Symbol eines dramatischen Medienwandels.

In der deutschen Kinobranche bestimmt noch immer tapferes Schweigen den Ton. Der Elefant im Raum aber ist nicht mehr zu übersehen: Was wäre, wenn man endlich wieder öffnen könnte – aber es wäre einfach zu spät?

In den USA, wo es kaum öffentliche Förderungen für Kinos gibt, sterben die Filmtheater sang- und klanglos und ohne Abschiedsvorstellung. So geschehen, als vergangene Woche die Kinokette Pacific Theatres die Aufgabe von rund 300 Leinwänden in Südkalifornien bekannt gab – der Heimat der amerikanischen Filmkultur. Eines unter diesen Kinos, der legendäre Cinerama Dome in Hollywood, wird zum Symbol des neuen Kinosterbens. Dabei war das futuristische Gebäude einmal als verlockende Antwort auf eine frühere Untergangswelle errichtet worden.

Hollywood in den 1950er Jahren: Kinobesuche brechen ein

Als Billy Wilder 1950 seinen finsteren Abgesang auf das alte Hollywood „Sunset Boulevard“ nannte, sah sich die amerikanische Filmindustrie selbst am „Boulevard der Dämmerung“: Mehr als sieben Millionen Fernsehgeräte wurden allein in jenem Jahr verkauft. Die Kinobesuche gingen drastisch zurück – zwischen 1946 und 1956 um fünfzig Prozent. Trotzdem eröffnete am „Sunset Boulevard“ 1963 noch einmal ein Kinopalast – der erste in Hollywood seit 33 Jahren.

In nur 16 Wochen wurde der Cinerama Dome errichtet, heute eines der Wahrzeichen der Traumfabrik. Die Vorstellung, dass eine Abrissbirne binnen weniger Stunden dieses Architekturjuwel vernichten könnte, versetzt derzeit nicht nur die Filmwelt von Los Angeles in Aufruhr.

Schon einmal, in den 90er Jahren, drohte die Zerstörung, und dass damals wenigstens der Kuppelbau und seine Einrichtung gerettet wurden, wenn auch nicht das ganze Ensemble, war ein harter Kampf. Zwar steht das Gebäude seither unter Denkmalschutz, aber das bedeutet in Kalifornien lediglich ein Jahr Aufschub, um mit dem Besitzer nach einer Lösung zu suchen. Damals versüßte man der Pacific-Theatres-Kette den Erhalt mit einem kostenlosen Parkhaus.

Ein Kino aus 316 sechs- und fünfeckigen Klötzen

Jedem Hollywood-Touristen ist die weiße Halbkugel wohl aufgefallen, mit der die Firma Cinerama Inc. seinerzeit auf revolutionäre Art dem Kinosterben trotzen wollte – mit Superbreitwandfilmen, vorgeführt auf einer gigantischen gebogenen Leinwand. Nicht weniger revolutionär als die Technik war die architektonische Verpackung: Inspiriert von R. Buckminster Fullers ikonischer Geodätischer Kuppel entwarf dessen ehemaliger Mitarbeiter Pierre Cabrol ein ebenso ökonomisches wie visuell bezwingendes Baukasten-System: Das Kino wurde aus 316 sechs- und fünfeckigen Klötzen gebaut, jeder etwa 3,70 Meter groß. Insgesamt wollte Cinerama sechshundert dieser spektakulären Bauten auf der ganzen Welt errichten – das Kinosterben war schneller.

Der Cinerama Dome war der letzte seiner Art. Als Teil des 15-Saal-Komplexes ArcLight Hollywood war es aus dem Alltag der Kinostadt Los Angeles nicht wegzudenken. Es lohnte sich immer zu schauen, ob ein neuer Film dort gespielt wurde. Ich erinnere mich an eine Vorführung von David Finchers „Gone Girl“, bei der es mir schwerfiel, dem etwas schwerfälligen Thriller mehr Aufmerksamkeit zu widmen als dem Kino.

Eine Nebenrolle bei Quentin Tarantino

Das berühmte Cinerama-Breitwandverfahren, bei dem drei Projektoren parallel geschaltet wurden und jeweils ein Drittel des Gesamtbilds darstellten, war zwar schon bei der Eröffnung 1963 durch den breiten 70mm-Film ersetzt worden. Doch dafür musste man auch keine Nahtstellen im Bild ertragen, wie sie sich noch heute in Klassikern wie „How the West Was Won“ bemerken lassen. Das 70mm-Verfahren hat bis heute seine Fans, zuletzt drehte Christopher Nolan seinen Film „Tenet“ in diesem Format. Die Corona-Krise verhinderte allerdings einen angemessen großen, landesweiten Kinoeinsatz. So wurde Nolans Werk für die großen Studios zur Warnung; weitere ehrgeizige Großproduktionen kamen danach nicht mehr zu Kinoeinsätzen.

In Quentin Tarantinos „Once Upon a Time In Hollywood“ spielt der Cinerama Dome selbst eine eindrucksvolle kleine Rolle – als Schauplatz der Premiere des Films im Film, „Krakatoa, East of Java“. Die Filmplakate dazu hingen noch im Kino, als Tarantinos Film dort anlief – stilecht in einer 70mm-Kopie.

Cinerama Dome in Los Angeles: Ein Fünkchen Hoffnung besteht

Auch wenn die Nachrufe in der US-Presse bereits geschrieben wurden – für eine neuerliche Rettung ist es vielleicht noch nicht zu spät. Im Branchenblatt „Variety“ fiel der Name Netflix als potentieller Käufer, dem schon ein anderes Kinodenkmal in Hollywood gehört, das Egyptian Theatre. Aber soll man sich ausgerechnet Rettung von einem Streamingdienst erhoffen? Hat sich nicht im Erstarken der neuen Konkurrenz das Kinosterben bereits vor Corona angekündigt?

Es wird schlichtweg nicht mehr möglich sein, bestimmte Filme zu produzieren, wenn die notwendige Anzahl an Kinoleinwänden nicht mehr existiert. Rund viertausend sind das bei großen Blockbustern in den USA vor der Krise gewesen. Den Blockbuster „Black Panther“ startete das ArcLight nicht nur im Cinerama Dome, sondern auch auf allen anderen seiner Leinwände.

Es ginge mit dem Teufel zu, wenn in Beverly Hills im September das Academy Museum mit Renzo Pianos prächtigem Kuppelbau eröffnete – und sein Vorbild nach einem Jahr zu Staub zermahlen würde. Langfristig aber dürfte sich die bittere Wahrheit hinter der Symbolik nicht mehr leugnen lassen: Das Kino, die populärste Kunstform des 20. Jahrhunderts, wird wohl am Ende nur in den geschützten Kulturtempeln überleben – und das Schicksal der Oper teilen. So wird es wohl gewesen sein, wird man dann sagen. Once upon a time in Hollywood. (Daniel Kothenschulte)

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