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Das offizielle Poster zu den 64. Filmfestspielen in Cannes zeigt die Schauspielerin Faye Dunaway, aufgenommen im Jahr 1970.

Filmfestival Cannes

Das Kinomuseum

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Hier entsteht ein Lockstoff namens Glamour ganz von selbst und nebenbei: Cannes ist wohl der einzige Ort der Welt, an dem man noch erleben kann, was Kino einmal war. Woody Allens neue Komödie eröffnet das 64. Filmfestival an der Côte d'Azur.

Die Liebe der Franzosen zu Woody Allen war zwar niemals einseitig, aber erst jetzt kann sie sich ganz erfüllen: Nicht nur hat der Veteran der amerikanischen Filmkomödie wieder seine neueste Arbeit als Eröffnungsfilm nach Cannes gegeben. Er ist schon im letzten Sommer im Land gewesen und hat sie dort gedreht. „Midnight in Paris“ handelt von der ebenso unverwüstlichen wie irrationalen Liebesbeziehung seiner Landsleute zu jener Metropole, in der man vielleicht die Liebe findet, auf jeden Fall aber seine einzige Fremdsprache ausprobieren kann.

Zum Beispiel an Carla Bruni, die Allen – welch herrliche Anmaßung – nun unter all die Schönheiten einreiht, die sich in seinen Filmen seit Jahren die Klinke in die Hand geben, ob ihre Rollen nun handlungstragend sind oder nicht. Hier trifft man Bruni als Kunsthistorikerin bei einer Museumsführung. Und Cannes ist ja das einzige wahre Kinomuseum, es ist der einzige Ort der Welt, an dem man noch erleben kann, was Filmkultur einmal war: Eine Feier der wohl unterhaltsamsten Form von Avantgarde. Und wenn alles klappt, dann entsteht dabei als Nebenprodukt ein Lockstoff namens Glamour, ganz von selbst und nicht nachträglich aufgetragen als Produkt von L’Oreal.

Ein außergewöhnliches Festival

Nach der präsidialen Eröffnung am morgigen Mittwoch erwartet das Filmvolk, sofern sich das aus der Liste der Regisseure schließen lässt, ein außergewöhnliches Festival. Mit Aki Kaurismäki und seiner neuesten Hafen-Ballade, Nanni Moretti mit seinem Papstfilm, Pedro Almodóvar, Gus van Sant, den Dardenne-Brüdern, Lars von Trier sowie den Koreanern Kim Ki-Duk und Hong Sangsoo fehlt kaum einer der üblichen Verdächtigen der ersten Filmkunst-Liga. Aus Deutschland ist Andreas Dresen dabei, wenn auch abermals nicht im Wettbewerb, sondern in der Konkurrenz zum „Prix un certain régard“. In „Halt auf freier Strecke“ spielt Milan Peschel einen Mann, der sich mit seinem nahenden Tod konfrontiert sieht und auf ein schmerzliches Abschiedsprogramm mit seinen Liebsten einlässt.

Mit den vielleicht größten Erwartungen aber ist ein amerikanischer Beitrag umgeben. So hoch sind sie, dass eine Enttäuschung geradezu herausgefordert wird. Seit Stanley Kubricks Tod gibt es nur noch einen unter den großen Studio-Regisseuren, der es versteht, seine seltenen Filme mit ähnlicher Geheimniskrämerei zu umgeben: Terrence Malick hat es wieder einmal geschafft, seinen diesjährigen Wettbewerbsbeitrag von Cannes ins Blickfeld zu rücken. Und anstatt kühl die Achseln zu zucken, sind auch wir neugierig auf „The Tree of Life“. Obwohl der Titel eher klingt wie ein Elton-John-Hit aus einem Disneyfilm.

Eine breit angelegte Familiensaga ist zu erwarten, zumal Sean Penn (49) als Sohn von Brad Pitt (47) besetzt wurde. Natürlich haben wir auch von der in den 1950er Jahren beginnenden Lebensgeschichte eines Mannes, der – so der offizielle Hinweis – „die Welt mit seiner Seele sieht“ vorab noch nichts gesehen. Außer dem ungewöhnlichen Filmplakat, das aus siebzig Filmbildern zusammengesetzt ist – darunter erschreckend vielen, die Sonnenuntergänge, Unterwasserwelten und esoterische Schneckenhausformen zeigen. Enttäuscht aber haben Malicks kunstvoll gearbeitete Melodramen nie. Und für einen gefilmten Sonnenuntergang hat man in Cannes schon manchen echten versäumt. Wer dies bereute, wäre hier am falschen Ort.

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