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Willem Dafoe, drei Jahrzehnte älter als der Maler damals, ist gleichwohl ein großartiger Van Gogh.

„Van Gogh“ 

Kunst als Passion

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Der Maler Julian Schnabel hat gemeinsam mit dem Drehbuchautor Jean-Claude Carrière eine grandiose Malerbiographie geschaffen: „Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit“. 

Kein Malerleben wurde so oft verfilmt wie das von Vincent Van Gogh. Als der Hollywoodregisseur Vincente Minnelli 1956 Irving Stones Romanbiografie „Ein Leben in Leidenschaft“ in prächtiges Technicolor goss, steckte er damit den Rahmen ab für eine semi-religiöse Passionsgeschichte. Längst hat sie sich mit der populären Sicht auf den großen Künstler und Vorboten des Expressionismus kaum trennbar verbunden.

Bis heute gelingt es kaum einem Van-Gogh-Film, aus ihrem Schatten zu treten. Selbst so individualistische Annäherungen wie sie Robert Altman und Maurice Pialat im Umfeld von Van Goghs hundertstem Todestag 1990 realisierten, konnten nicht umhin, dieser Liturgie zu folgen. So betrachtet man einen Van-Gogh-Film fast zwangsläufig wie einen Jesus-Film, der die zentralen Stationen des Kreuzwegs einfach nicht auslassen kann; das Zerwürfnis mit dem geliebten Freund Gauguin, das abgeschnittene Ohr, die tödliche Schussverletzung. Auch Julian Schnabel stellt sich in „Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit“ in diese Tradition, nur reflektiert er sie deutlich bewusster.

Schon in seiner Malerei hat sich der amerikanische Künstler und Filmemacher, der selbst Jude ist, immer wieder auch mit christlicher Ikonographie beschäftigt. So wundert es nicht, dass er sich auch im Leben des Niederländers, der als Pastorensohn und gescheiterter Prediger zur Kunst fand, besonders für dessen Religiosität interessiert. In einer zentralen Szene begegnet Willem Dafoe in der Titelrolle einem von Mads Mikkelsen gespielten Priester. Van Gogh hat sich selbst in die Nervenheilanstalt von Saint Remy einweisen lassen, bei einem unangemeldeten Ausflug nach Arles aber einige Bürger verschreckt. Dem Priester, der über Van Goghs Entlassung entscheiden soll, fehlt jedes Verständnis für dessen Malerei, aber er bemerkt, dass dieser sein Talent für eine Gottesgabe hält. Wie nur können diese für ihn so abstoßenden Bilder einem göttlichen Auftrag folgen?

„Warum sollte mir Gott ein Talent geben, hässliche Dinge zu malen?“, fragt Van Gogh zurück. „Vielleicht hat sich Gott die falsche Zeit ausgesucht. Vielleicht hat mich Gott zu einem Maler für Menschen gemacht, die noch nicht geboren sind.“ Mit diesem Gedanken dringt er zu dem Geistlichen durch und ergänzt: „Es heißt: Das Leben ist zum Säen da, aber die Ernte ist nicht auf dieser Welt“.

Julian Schnabel hat das äußerst dialogstarke Drehbuch gemeinsam mit Jean-Claude Carrière geschrieben, dem 87-jährigen Autor von Klassikern wie „Belle de Jour“ oder „Die Blechtrommel“, und diese Szene ist ein besonderes Kunststück. Man zweifelt nicht daran, dass Van Gogh hier die Bibel zitiert, in der ja nun wirklich oft vom Säen und Ernten die Rede ist. Tatsächlich aber stammt es eher aus einer Künstlerbibel späterer Generationen – den gesammelten Briefen von Vincent an Bruder Theo, verfasst am 8. Februar 1883.

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Im weiteren Verlauf dieser Szene, in der sich Van Gogh selbstbewusst mit Jesus vergleicht, ruht die Kamera überwiegend auf dem Gesicht des wohlwollenden Unverständigen. Auch Mikkelsen beweist hier seine besondere Ausdruckskraft. Van Gogh vergleicht den Priester auf durchaus schmeichelhafte Weise mit Pontius Pilatus, der Jesus wohl gerne gerettet hätte.

Den kunstphilosophischen Passagen stehen beglückende Stummfilm-Kapitel gegenüber. In einer Rückkehr zum virtuosen Kamerastil seines Meisterwerks „Schmetterling und Taucherglocke“ taucht Schnabel mit dem Maler ein in eine verlebendigte Natur. Die Provence ist berühmt für ihren tosenden Mistral, und der Filmemacher lässt sich von den dynamischen Kornfeldern in Van Goghs Bildern zu delirierenden, stürmisch-bewegten Naturaufnahmen inspirieren. Schon in Minnellis Film gibt es Ansätze, die Natur in eine Choreografie zu fügen, doch erst Schnabels Film wird dessen Orginaltitel „Lust for Life“ wirklich gerecht. Eine ganz entscheidende Rolle spielt hier die originellste Filmmusik seit langem: Tatiana Lisovskaya, eine praktisch Unbekannte, begleitet den Kunstrausch kontrapunktisch-minimalistisch; Soloklavier und eine Violine sind alles, was sie dafür braucht.

Weniger als eine Leidensgeschichte ist dies die Feier einer übersteigerten Lebenslust, was auch Van Goghs Biografie eine neue Leseart beschert. Die Besetzung mit dem gegenüber dem Rollenvorbild fast drei Jahrzehnte älteren Willem Dafoe unterstreicht die reflektierende Distanz. Ohne seine psychischen Erkrankungen auszublenden, wird doch mit dem Missverständnis aufgeräumt, Genie und Wahnsinn hätten einander bedingt. In den entscheidenden Elementen wird seine Werkbiographie entpathologisiert: Das, was seinen Zeitgenossen als krankhaft erscheint, ist nichts anderes als künstlerische Radikalität. Und die ist eben keine Nebenwirkung von Absinth oder Syphilis. Da wirkt die letzte Abkehr von der klassischen Erzählung fast schon selbstverständlich: Wie zuletzt der Animationsfilm „Loving Vincent“, folgt auch Schnabel der These, Van Gogh habe seinem Leben nicht mit eigener Hand ein Ende setzen wollen.

Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit. USA/F 2018.
Regie: Julian Schnabel. 111 Min.

Führungen im Städelmuseum erklären, wie deutsche Museen und Galerien Vincent van Gogh zur Geltung verhalfen.

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