+
Wenigstens Stars bietet der Film auf: hinten Elyas M’Barek, vorn Alexandra Maria Lara.

„Der Fall Collini“

Das große Schweigen

  • schließen

Marco Kreuzpaintner verfilmt den Bestseller „Der Fall Collini“ als konventionelles Gerichtsdrama.

Der Täter ist nicht flüchtig. Nach dem äußerst brutalen Mord an dem Unternehmer Hans Mayer (Manfred Zapatka) in einem Luxushotel informiert ein Mann im blutverschmierten Anzug das Personal über das grausige Geschehen in Zimmer 400. In einem Sessel in der Lobby wartet er auf seine Verhaftung. Der Rest ist für den früheren Gastarbeiter Fabrizio Collini Schweigen. An einer Verteidigung scheint er auch während des Gerichtsverfahrens kein Interesse zu haben.

Franco Nero ist in der Titelrolle die erste Attraktion dieser Bestsellerverfilmung nach Ferdinand von Schirach. Vielleicht muss man das alte Hollywood und seine Epigonen in Cinecittà noch erlebt haben, um auch in stummen Szenen so viel Format zu haben.

Der einstige „Django“-Darsteller, der von John Huston entdeckt wurde und bei Buñuel, Fassbinder oder Chabrol gespielt hat, dürfte einem Großteil des Publikums kaum mehr bekannt sein. Das Filmplakat feiert einen anderen Star, den größten Kassenmagneten, den das deutsche Kino derzeit jungen Zuschauern anzubieten hat: Elyas M’Barek. Er ist die zweite große Attraktion: Nachdenklich zeigt ihn das schwarzweiße Starporträt in der Hauptrolle des Anwalts Caspar Leinen.

Auch wenn man gelegentlich hört, das deutsche Kino könne mit Starqualitäten nicht viel anfangen, dies ist Star-Kino wie früher. Eigens für M’Barek wurde die Geschichte eines sozialen Aufsteigers mit Migrationshintergrund in seine Rollenbiografie geschrieben. Sie bekommt dem Film gut: Sehr geschickt thematisiert das nach Hollywood-Manier gleich von drei Autoren (Christian Zübert, Robert Gold, Jens-Frederik Otto) verfasste Drehbuch den alltäglichen Rassismus, der sich auch in scheinbar wohlwollender Betonung von Ethnizität manifestiert. Das ist ungewöhnlich in einem deutschen Mainstream-Film. Das angestrebte Bedienen der Form eines klassischen Gerichtsdramas gelingt weniger; juristische Abläufe wirken ungenau, amerikanische Konventionen bestimmen die Dramaturgie.

Heiner Lauterbach ist als finster-glamouröser Staatsanwalt ein Gegner aus dem Bilderbuch. Man wartet förmlich darauf, dass jemand wie im US-Kino einwirft: „Einspruch, Euer Ehren!“ Doch wann immer man sich daran stoßen möchte, staunt man wieder über Nero, diesen Fels in der Brandung. Seine stumme Rolle, seine Leinwandpräsenz, verleiht dem Film sein einziges Geheimnis.

Collinis Schweigen hat seine Gründe in einem Scheitern an der deutschen Justiz Jahrzehnte zuvor. Der Mann, als dessen Mörder er vor Gericht steht, ist selbst nach jedem moralischen Verständnis ein Massenmörder, als SS-Mann verantwortlich für eine Massenerschießung Unschuldiger während des Zweiten Weltkriegs. Der Versuch, ihn dafür zu belangen, scheiterte am jenem Gesetz, das derartige Taten in den 60er Jahren zu bereits verjährtem Totschlag abwertete. Collinis Anwalt, das macht den Fall zu einer persönlichen Bewährungsprobe, verdankt seine Karriere als mittelloses Migrantenkind ausgerechnet dem Ermordeten.

Lesen Sie auch: Kinokritik „Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit“

In drei Zeitebenen – das 2001 angesiedelte Gerichtsverfahren wird durch Rückblenden aufgebrochen – versucht der von Marco Kreuzpaintner inszenierte Film das Geschehen dramaturgisch aufzuladen. Gleichwohl liegen die potentiellen Enthüllungen schon früh zum Greifen nah. Es ist also wenig sinnvoll, diesen Stoff als Spannungsdrama anzugehen. Viel mehr emotionales Potenzial bietet die Infamie jenes heimlich erlassenen Gesetzes selbst. Warum verwendet man nicht mehr Aufmerksamkeit auf seine politischen Hintergründe? Dies wäre die eigentliche Geschichte gewesen.

Doch wie so oft im deutschen Kino vertraut man dem Genre mehr als dem Diskurs und dem äußerlichen Krimi mehr als der Nachdenklichkeit. Auch wenn die Romanstruktur deutlich reduziert wurde, wirkt der Film bei zwei Stunden Laufzeit statisch und schwerfällig. Und wie so oft im deutschen Kino scheint es wichtiger, wie ein Film aussieht – glatt und vermeintlich professionell – als eine Handschrift oder eine persönliche Sprache dafür zu entwickeln. Es ist eine Tendenz, die sich derzeit in ganz Europa beobachten lässt, eine Rückkehr zum Studiokino vergangener Jahrzehnte. Wenigstens in den Star-Qualitäten macht „Der Fall Collini“ das Beste aus dieser lähmenden Tradition.

Der Fall Collini. D 2019. Regie: Marco Kreuzpaintner. 123 Min.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion